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Faraja-Waisenhaus mit Fragezeichen

Faraja 3

Gleich nach dem Besuch des Enjivai-Waisenhauses, das etwa 30 Fahrminuten außerhalb der tansanischen Regiopole Arusha liegt, den Betrieb aber noch nicht aufgenommen hat, spazierten wir zu Fuß zu einem Waisenhaus in der Nähe. Es ist weithin bekannt und viele junge Menschen aus dem Ausland leisten dort für einige Wochen Freiwilligendienst.
Ein US-Amerikaner, der mit mir im gleichen Hostel wohnte, hatte sich zwei Wochen „Volunteering“ als Englischlehrer und Betreuer vorgenommen. Eben aus diesem Grund suchten wir die Waisenhäuser und deren Betreiber auf, um uns nach dem Bedarf an Freiwilligen und den Unterbringungsmöglichkeiten zu erkundigen.

Im zweiten Waisenhaus, der „Faraja Orphanage“, wurden wir sofort von Kindern umringt, die alle unsere Hand halten wollten und wenige Minuten später kam der Direktor hinzu, bat uns in den Schlafsaal der Kinder, die überraschend bereitwillig Plastikstühle herbeischleppten.
Sobald wir saßen wurden ins wenige Monate alte Kleinkinder auf den Schoß gesetzt und der Direktor begann, ohne, dass wir Fragen gestellt hätten, mit einem sehr routinierten Vortrag in Swahili über das Waisenhaus. Ebenso routiniert wurde der Monolog simultan für uns ins Englische übersetzt.

 

206 Kinder lebten derzeit in Faraja, 30 von ihnen seien HIV-positiv, erzählte der Leiter der Einrichtung. Es fehle vor allem an Nahrungsmitteln und Brennholz.
Bald verfiel das Gespräch auf die Unterbringungsmöglichkeiten für die Freiwilligen, als plötzlich vier Koreaner hereingeführt und ihnen ebenfalls sofort Stühle herbei geholt wurden.
Der Direktor wendete sich mit seinem Übersetzer ihnen zu und während der amerikanische Bekannte mit Kindern behängt deren Scherze über sich ergehen ließ, lauschte ich dem wortgleichen Vortrag den die Koreaner bekamen. Faraja 2

Nun wurden wir zu den Unterkünften für die Volunteers geführt, die nicht wie erwartet einfache Zimmer mit ausschließlich Doppelstockbetten waren, sondern ein schickes, zweigeschossiges Hotelgebäude, mit Terrasse, Pool, Whirlpool und Einzel-Apartments zu 40 US-Dollar pro Nacht und 100 Dollar pro Woche für die Volunteers. Die Unterkunft ist auch auf dem Hotelportal booking.com aufgeführt, wo auch Stockbetten zu sehen sind.
Im Grunde kein schlechter Preis aber doch ein erheblicher Kontrast zum leichten Uringeruch und den wenigen Schaumstoffmatratzen im Schlafsaal der Kinder.

Ohnehin hatten mich die wenigen Betten etwas stutzig gemacht, denn selbst wenn mehrere Kinder in einem Bett schliefen, reichten sie bei weitem nicht aus für über 200 Kinder. Gleiches galt für das kleine Toilettenhäuschen.

Dann wurden wir aus dem Nichts vom wiederum aufgetauchten Direktor gebeten, einen Sack Orangen aufzuschneiden und sie den in Reih und Glied angetretenen Kindern auszuteilen. Wir taten es bereitwillig, aber zumindest ich fragte mich, warum diese Aufgabe nicht von den drei untätig herumsitzenden und offenbar angestellten Frauen übernommen wurde. Und wo war denn überhaupt die Küche, die dreimal täglich Essen für 206 Kinder kochen konnte? Und wo der Speisesaal?
Überhaupt hatte ich zu keinem Zeitpunkt mehr als 40 Kinder gesehen und als wir den Heimweg antraten, hatte ich bereits meine Zweifel.
Als mich David, der Wirt meines Hostels nach unserer Rückkehr am Abend fragte, womit ich den Tag verbrachte hatte, erzählte ich ihm davon, ohne aber den Namen Faraja nennen. Als ich die Zahl von 206 Kindern und den 30 mit HIV infizierten nannte, verfinsterte sich augenblicklich seine Miene.

Faraja 1Er habe selbst einmal dort Freiwilligendienst geleistet und einen Schlafsaal für Kleinkinder eingerichtet, der aber nach dem Ende seines Volunteerings in einen Klassensaal umfunktioniert worden sei.
„Zu keinem Zeitpunkt leben dort über 200 Kinder. Es gibt in ganz Arusha kein Waisenhaus, das 200 Kinder beherbergen kann“, erklärte mir David.
Doch nenne der Faruja-Betreiber immer die gleichen unveränderten Zahlen von 206 Kindern und den 30 HIV-positiven.
„Die Kinder sind Kinder manchmal von Verwandten, und gehören gar nicht zum Waisenhaus.“
Bei dieser Aussage muss man wissen, dass auch Hostelbetreiber David nebenbei Freiwilligendienste vermittelt. Aber den Raum, der einmal der nun zum Klassenraum umfunktionierte Schlafsaal war, habe ich selbst gesehn.
Insgesamt scheint das Volunteering hier in Tansania ein eigener Wirtschaftszweig mit vielfältigen und nicht auf den ersten Blick zu durchschauenden Verflechtungen zu sein.

Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass nicht jeder Freiwillige aus der wohlhabenden westlichen Welt mit der einheimischen Küche und den Wohnumständen zurechtkommt und deshalb lieber tiefer in die Tasche greift um wenigstens halbwegs europäische Standards bekommen zu können.

Gleichzeitig werden durch die Einnahmen aus der Beherbergung der Volunteers die Waisenhäuser querfinanziert, was legitim ist. Vor diesem Hintergrund spielt es dann auch keine Rolle mehr, wie sinnvoll es ist, Dreijährigen Englisch beizubringen, wenn damit Geld für Nahrungsmittel und Brennholz eingenommen werden kann.

Und natürlich ist die Unterstützung von Kindern in Entwicklungsländern immer eine Investition in die Zukunft. Die rührenden Bilder mit den Kleinkindern sind dabei auch für die Freiwilligen eine bleibende Erfahrung.

Man würde sich nur wünschen, es wäre nicht alles so aufgesetzt inszeniert.

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