Widerspruch von Wahrnehmung und Realität - Meine Mai-Kolumne im GAB-Magazin

Zwischen den ZeilenGerade einmal sechs homo- und transphobe Straftaten hat die Frankfurter Polizei im Jahr 2015 in ihrer Statistik verzeichnet. Die Zahlen für 2016 sind mir noch nicht bekannt, wesentlich anders liegen werden sie nicht.

Vor dem Hintergrund dieser verschwindend kleinen Zahl nun aber anzunehmen, LGBT*-feindliche Übergriffe fänden im Grunde gar nicht mehr statt und Homophobie wäre ein Phänomen der Vergangenheit, dessen Bekämpfung fortan nicht mehr notwendig wäre, ist gewaltiger Irrtum.

Statistisch gibt es nämlich scheinbar auch einen Zusammenhang zwischen der Zahl honigproduzierender Bienenstöcke in den USA und der Scheidungsrate in South Carolina und zwischen den jährlich bezahlten amerikanischen Theatereintrittsgeldern und der Niederschlagsmenge in Pennsylvania. Trotzdem steht in Wahrheit keiner dieser Umstände in Zusammenhang mit dem anderen.

 

Bienenstock: Immer eine Queen im Haus, statistisch aber kein Scheidungsgrund

Die bizarr geringe Anzahl an Dokumentationen von homophoben Straftaten lässt Zweifel an der scheinbaren Faktenlage aufkommen. Und natürlich bildet sie nicht die Realität ab – wer sich ein wenig in der Szene umhört, wird schnell der tatsächlichen Sachlage innegeworden sein. Ursächlich für die in steilem Winkel von den echten Gegebenheiten fortstrebende amtliche Aufzeichnung, sind nicht etwa nachlässige Erfassung, Desinteresse oder gar böser Wille, sondern vielmehr die unterlassenen Anzeigen der Geschädigten. Höchste Zeit, das zu ändern.

Dass gerade Lesben, Schwule und Transgender noch immer zögern oder gleich ganz darauf verzichten, Unrecht, das ihnen allein wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität widerfahren ist, bei einer Behörde anzuzeigen, wurzelt auch in der nach wie vor in der Gesamtgesellschaft verbreiteten Intoleranz gegenüber LGBT* und Ignoranz für ihre Belange. Andere Gründe darüber hinaus sind falsche Scham, Schuldgefühle oder die Täuschung, selbst die Verantwortung zu tragen und deshalb den eigenen Rechtsanspruch auf Unversehrtheit verwirkt zu haben. Und natürlich spielt auch die Angst vor dem Bekanntwerden der eigenen sexuellen Orientierung eine Rolle.

Dabei ist jede Gesellschaft, die die Menschenrechte achtet, darauf angewiesen zu erfahren, ob und in welcher Qualität und Quantität Minderheiten der sexuellen Orientierung in ihrer Mitte gefährdet sind.
Und auch für die Polizei ist es wichtig, von homo- oder trans*feindlichen Angriffen zu erfahren, um sie möglichst schon im Vorfeld verhindern aber zumindest wirksam verfolgen zu können, damit sich die Straftäter nicht in Sicherheit wiegen und weitere Übergriffe begehen können.

„Mundus vult decipi, ergo decipiatur…“

„die Welt will getäuscht werden, also täuschen wir sie“ ist ein geflügeltes Wort, mit dem sich schon die alten Römer eine heile Welt eingeredet haben. Ein Verhalten, dem ich zu meiner Entgeisterung unlängst auch in der schwulen Community begegnet bin und das ein leichtes Gefühl von Seekrankheit in mir erzeugte.

Ob denn Gewalt verbaler oder physischer Natur gegen Lesben und Schwule überhaupt noch ein Thema sei? Man habe davon schon lange nichts mehr gehört.
Nur die Höflichkeit verhinderte damals, dass ich in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter ausbrach.

Die wahrgenommene Realität hängt immer auch von der eigenen Perspektive ab

Freilich herrscht nicht Mord und Totschlag wie andernorts auf der Welt und auch die allwöchentlichen Gewaltorgien des „Schwulenklatschens“, die in Frankfurt noch bis in das letzte Jahrzehnt hinein reichten und als inerte Bedrohung über dem Klappensex schwebten, sind Vergangenheit.

Und selbstverständlich ist der Gerechtigkeit halber auch in Rechnung zu setzen, dass wer in der Öffentlichkeit nicht als LGBT* identifiziert wird, kaum jemals Ziel homo- oder transphober Äußerungen sein wird.
Die Wahrnehmungen sind also durchaus verschieden und so sind es auch die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke.

Auf die Frage, ob es in deutschen Großstädten noch Homosexuellen- und Trans*-Feindlichkeit gibt, kann es also durchaus mehrere Antworten geben.

Aber solange sie manche von uns noch mit „Ja“ beantworten müssen, gilt diese Antwort für alle, selbst wenn weniger Betroffene sich eine andere Realität vorstellen möchten.

Bildnachweis:  "Bienenstock" von Flickr User Allagash Brewing Lizenz Creative Commons CC BY 2.0 und "Perspektive" von Flickr User idigit_teddy LizenzCreative Commons CC BY-SA 2.0

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