Mit dem Pferd zu Shakira

Die gestrige Etappe mit den steilen, abschüssigen Dschungelwegen war anstrengend. Wir haben nun die Hälfte der Strecke zurückgelegt und heute ist ein "Ruhetag" eingeplant. Am Morgen haben wir allerdings noch keine Ahnung, dass er einer der anstrengendsten der Reise werden wird.
Dabei werden nicht einmal Motorräder eine Rolle spielen. Nach dem Frühstück fahren wir mit zwei Taxis zum archäologischen Park von San Agustin. Dort haben Bauern über große Flächen verteilt bei ihren Feldarbeiten Grabanlagen gefunden, die von großen, furchteinflößenden Steinskulpturen bewacht werden. Sie stammen aus prä-kolumbianischer Zeit, wurden also errichtet noch bevor die Spanier Südamerika erreichten. Seit 6000 Jahren leben kleine Gruppen von Menschen bereits in der Region. Welchem Volk sie zuzuordnen sind und die genau Bedeutung der Skulpturen ist unbekannt. Es finden sich aber Gemeinsamkeiten zu anderen kultischen Figuren in indigenen Kulturen Mittel- und Südamerikas. Die Vogelfigur mit der Schlange im Schnabel entdecke ich beispielsweise als einen Grabwächter, sie findet sich aber auch in der Nationalflagge Mexikos wieder, die auf aztekische Mythen zurückgreift.
Einen steilen Aufstieg auf eine Bergkuppe mit weiteren Skulpturen unterbreche ich auf halbem Wege bei einem kleinen Lokal. Ich bin die Höhe nicht gewohnt und schnell außer Atem.

Mit einem Becher frisch gepressten Zuckerrohrsafts und einem Spritzer Limette sind schnell wieder neue Kräfte mobilisert und das Treppenensteigen kann fortgesetzt werden.
Mit dem Bus fahren wir zurück nach San Agustin. Der kann erst mit deutlicher Verzögerung abfahren, weil er kein Wechselgeld hat. Wir essen zünftig zu Mittag und werden dann abgeholt und zu unseren Pferden geführt, die am Ortsausgang warten müssen, damit sie die engen Straßen nicht mit ihren Tretminen verunzieren. Es sind kleine aber sehr agile Geschöpfe. Meines heißt "Mariposa" (Schmetterling) und ist genau so leichtfüßig. Wir wollen weitere Ausgrabungstätten besichtigen und verbinden das mit einem mehrstündigen Ausritt. Mariposa geht sofort in Trab, sobald ich nur ihre Flanken berühre und hat aus unerfindlichen Gründen Freude daran bergauf zu galoppieren. Wir finden weitere Steinskulpturen, die sogar noch farbig sind. Unser Führer Henrique zeigt uns die Pflanzen in unmittelbarer Umgebung, aus deren Früchten oder Harz die schwarze, rote, gelbe und rote Farbe gewonnen wurde, mit denen sie vor Jahrtausenden bemalt wurden.
Einen Pfad mit knietiefem Matsch können wir dank der Pferde bequem entlang reiten zur Kante des Hochplateaus, wo sich der Río Magdalena hunderte Meter tief hineingegraben hat. Weit müssen wir zu Fuß hinab steigen und es graut mir bereits vor dem Rückweg. Doch an der Kante werden wir belohnt mit einem sagenhaften Blick durch die Schlucht mit zwei Wasserfällen. Hier blicken nicht nur wir auf dieses Naturwunder, sondern auch das in Stein gemeißelte Relief namens "La Chaquira". Ein Regenbogen erscheint am Himmel und es ist einer der erhebendsten Momente dieser Reise, der für mich immer stellvertretend für meine "Vuelta Colombiana"-Motorradreise sein wird. Am Abend sind wir zu Recht völlig erledigt und laufen wie Cowboys mit O-Beinen zu den besten Hamburgen von San Agustin im "La Gata Parilla San Agustin". Der 9-lagige "La Ranchera"-Burger ist zum Ideal aller Hamburger für mich geworden und machte alle körperliche Erschöpfung und mentale Herausforderung von heute und der schwierigen Fahrt nach San Agustin wett.