Beinharter Endspurt

Bis in den späten Abend hinein hatte ein begabtes und stimmgewaltiges Trio kolumbianische Schmachtlieder auf einem benachbarten Balkon unseres Hotels für ein Ehepaar geschmettert, das dort mutmaßlich seinen Hochzeitstag verbrachte. Ich fand es schön, weil ich ohnehin noch mein Film-Material der gestrigen Etappe sichtete. Meine Mitfahrer waren nach einem weiteren Abendessen aber bettschwer und beklagen sich deshalb heute Morgen während des Frühstücks über das vorabendliche Geträller. Über Kunst lässt sich eben nicht streiten. Unser Frühstück ist hier in Kolumbien immer ähnlich: frisches Obst, dazu Rührei und etwas, dass hier so bezeichnet wird, im deutschsprachigen Kulturraum aber niemals „Brot“ genannt werden würde. Kein üppiges Brunch. So kommen wir aber morgens auch nicht ins Trödeln, so dass wir schnell wieder auf den Zimmern unsere sieben Sachen zusammenraffen und um acht Uhr die Motoren anwerfen können. Unsere Motorräder sehen definitiv nach Abenteuer aus. Unter Seans 850er GS ist außerdem ein kleiner Fleck Hydraulik-Öl zu finden. Viel tropft nicht mehr, denn schon gestern während der Fahrt über die Piste mit tiefen Schlaglöchern und Bodenwellen war ihm die Dichtung des hinteren Stoßdämpfers geplatzt. Im Stehen war er immer in eine kleine Fahne aus Dampf und Rauch gehüllt, die das Öl erzeugte, das auf die heißeren Teile seines Gefährts tropfte. Für die restlichen paar Hundert Kilometer des letzten Streckenabschnittes der Vuelta Colombiana-Rundtour durch Kolumbien würde ihm zur Federung nur noch die Spiralfeder zur Verfügung stehen.

Wir fahren aus dem Hoftor des Hotels hinaus in den noch überschaubaren Stadtverkehr von Popayán, queren über die Puente Río Cauca den hier noch jungen Cauca-Fluss. Er begleitet uns heute auf unserem Endspurt. Hier ist er noch jung und vor nicht einmal 100 Kilometern an den Hängen des Vulkans Puracé entsprungen. Über die Nationalstraße 25 lassen wir nun auch die Außenbezirke von Popayán hinter uns, wechseln wenig später auf die nach Osten hinauf in die Berge führende, kurvige Nationalstraße 26. Im Städtchen Totoró ist es dann aber auch schon vorbei mit dem Asphalt. Wir biegen ab nach Norden auf eine Schotterstraße durch die Hochebene. Ziel ist die Indio-Gemeinde Silvia. Unterwegs führt ein Bauer rechts am Straßenrand seine junge Kuh an einem langen Strick und während ich die beiden zügig hinter mir lassen will, entschließt sich das Tier kurzerhand die Straßenseite zu wechseln und läuft mir unvermittelt vor das Motorrad. Nach meinem Beinahe-Abflug in den Dschungel vor einigen Tagen, hatte ich mir angewöhnt, auf Schotter das ABS auszuschalten und auch diesmal dran gedacht. Ich gehe in die Eisen, hupe, bereite mich auf den Aufprall vor und komme dann doch einen halben Meter vor der Kuh zum Stehen. Die Pechsträhne beginnt aber jetzt erst: Am Ortseingang von Silvia wartet der vorausgefahrene Sean. Als ich ihn als zweite unserer Entourage erreiche möchte ich mich rechts neben ihn stellen. In diesem Moment bremst er und mein linker Handschutz schlägt an seine Top-Box. Es reißt mir den Lenker herum, ich schlage mit den schon heruntergenommenen Beinen gegen die Fußrasten und fliege von der Maschine. Sowohl sie als auch ich kommen unspektakulär zum Liegen, aber die linke Fußraste ist an einer ungeschützten Stelle meines linken Schienbeines eingeschlagen. Es dauert einen Moment, bis der brennende Schmerz soweit abgeebbt ist, dass ich mich aufsetzen möchte und das Hosenbein hochziehen will. Es ist nichts gebrochen und blutet nicht mal. Unverhältnismäßig für den Schmerz und die allseitige, erschreckte Aufmerksamkeit, die mir von meinen Team-Kollegen und herbeigeilten Einheimischen zuteilwird. In den Tagen zuvor hatten wir immer wieder darüber gescherzt, ob man bei einer Verletzung ein Pflaster mit Dinosauriern oder Micky Mouse darauf bekommt. Nun ist es ein schnödes weißes Flügelpflaster. Mike spendiert mir eine Schmerztablette, die zuerst den Schmerz nimmt und später für ein gelöstes, entspanntes Gefühl sorgt. Sean bemerkt außerdem, dass meine Kurventechnik unter dem medikamentösen Einfluss deutlich entspannter scheint. Das schmeichelt mir nur teilweise, denn prinzipiell möchte ich ja auch ohne Drogeneinfluss solide Motorrad fahren können.
Nach der Schrecksekunde habe ich genug im Mittelpunkt des Interesses gestanden und wir fahren die wenigen Hundert Meter in die Ortsmitte. Silvia ist der nächstgrößere Ort unter den in der Umgebung verstreuten Weilern der indigenen Landbewohner. Mit leuchtend blauen Umhängen und schwarzen Hüten, die Melonen ähneln, gehen sie vor der Kirche umher. Mit bunt bemalten, antiken Bussen, auf deren Dach ein Längsbalken als zusätzliche Sitzbank geschraubt wurde, kommen sie aus ihren Dörfern nach Silvia gefahren, um die Kirche zu besuchen, einzukaufen und ihre eigenen Produkte anzubieten. Am Rande des Platzes trinken wir einen Kaffee in einem Lokal, in dem die Pissoirs und der Gastbereich den gleichen Raum teilen. Sean meint, dass dies moderne Innenarchitektur sei. Das Prinzip der Wohnküche ist hier noch bis auf die Toilette weiter gedacht.
Wir verlassen Silvia in Richtung Westen. Eine Asphaltstraße mit unzähligen Kurven in allen Radien führt uns etwa 70 Kilometer in etwa 1200 Meter Höhe auf einer Hügelkette wieder an den Río Cauca heran. Der wird hier von der Salvajina-Talsperre auf 26 Kilometer Länge zur Stromerzeugung aufgestaut. Ein idealer Ort für unsere Mittagsrast, in einem offenen Restaurant mit Blick über den See. Schon als unser hünenhafter Däne Mike seinen Helm abnimmt, beginnen die drei jungen Frauen, die den Laden schmeißen, mit dem Kichern und haben sich noch nicht wieder eingekriegt, als wir schon längst wieder abgefahren sind. Auch ein gemeinsames Foto mit den Mädels und unserem Anführer hat sie keineswegs zur Ruhe gebracht und so lassen wir drei schmachtende Herzen in diesem Lokal zurück.
Hinab zum Cauca-Fluss fahren wir nun, um ihn ein kurzes Stück, nachdem er wieder frei gelassen wurde über eine Brücke zu queren und uns in die Stadt Suárez hinein zu schlängeln. Hier sind wir schon an der Flanke der westlichsten der drei Anden-Kordilleren und die ethnische Zusammensetzung ist ein völlig andere. Hier sind kaum noch indigene Ureinwohner zu sehen. Dafür viel afrikanisch-stämmige Menschen. Mike erklärt, dass die Stadt Suárez einst von entlaufenen Sklaven gegründet wurde, die von den Zuckerrohrplantagen der Region geflohen waren. Wir waren vorgewarnt, dass die Innenstadt ein einziges Chaos sein würde und es ist ein unbeschreibliches Gewimmel und Wunder, dass wir fünf Motorradfahrer uns nicht darin verlieren. Mike signalisiert mir die Frage, ob wir ein bisschen verweilen wollen und mein Kopfschütteln ist meinerseits Signal genug für ihn, damit wir diesem Durcheinander von Menschen, Tieren und Fahrzeigen aller Art entfliehen. Noch einmal 70 Kilometer entspanntes Motorradfahren durch das nun ebene Valle del Cauca nach Norden liegen vor uns, um zum Ausgangsort unserer Motorrad-Tour in Cali zurückzukommen. Gelöst und entspannt erledigen wir dieses letzte Stück. Jonathan tut sich noch einmal schwer mit der Rush Hour der Millionenstadt. Doch plötzlich fahren wir in eine Tiefgarage, stellen die Motoren ab – und die Vuelta Colombiana ist zu Ende.

Samstag, 18. Dezember 2021 07:40 COT
Entfernung: 199,5 km
Dauer: 8 Stunden, 10 Minuten und 27 Sekunden
Durchschnittsgeschwindigkeit: 24,4 km/h
Minimale Höhe: 1023 m
Maximale Höhe: 2592 m
Anstieg (insgesamt): 2008 m
Gefälle (insgesamt): 2719 m