EIne Begegnung im Dschungel

Im Dschungel

Der vierte Tag meiner Motorradreise durch Kolumbien war der bislang herausfordernste. Zunächst mussten wir uns wohl oder übel durch die Stadt Neiva drängeln. Der Stadtverkehr ist für eine Motorradgruppe immer besonders schwierig, weil man sich schnell verliert. Mein kanadischer Mitfahrer Aaron ist auf Asphalt ohnehin immer etwas langsam, tut sich beim Überholen und in dichtem, srädtischen Gewühl schwer. Wir haben ihn schon am zweiten Tag einmal verloren und als wir am Ortsausgang von Neiva rechts Richtung Popayan abbiegen, ist er auf einmal weg. Wenn das passiert schicken wir uns über WhatsApp immer unsere Position, so dass wir uns möglichst zügig wiederfinden. Aaron ist leider weiter in die völlig falsche Richtung unterwegs. Ich bin an der Abzweigung schon ein Stück voraus gefahren und warte deshalb eine Dreiviertelstunde alleine im Wald. Richtig toll fühlt sich das nicht an. Wir beschließen schließlich uns mit Aaron an einem bereinbarten Punkt zum Mittagessen zu treffen. Das klappt und gemeinsam geht es einen anspruchsvollen Offroad-Pfad steil hinauf in die Berge der mittleren Andenkette. Hier beweist Aaron dagegen Talent und lässt sich von mir nicht abschütteln.

Auf dem Gipfel angekommen geht es bergab und der spannendste Teil beginnt. Die Strecke ist abwechselnd grober Kies oder Matsch aber immer mit wassergefüllten Schaglöchern übersät. Sie hat so enge Kurven und ist so steil, dass ich trotz Motorbremse ständig bremsen muss. Ich hatte mir überlegt, das ABS und die Traktionskontrolle an meiner BMW F750 GS auszuschalten, um im Notfall weiterbremsen zu können, hatte mich aber dann dagegen entschieden. Ein Fehler wie sich bald herausstellte. An einem abschüssigen Stück mit weichem Schotter begann ich so früh wie möglich mit dem Hinterrad zu bremsen, doch das ABS sprang sofort an und auch bei der als Reaktion darauf gezogenen Vorderradbremse passierte das gleiche. Ich rutsche über den Kruvenscheitelpunkt hinaus, in ein kleines Stück matschigen Grases und kam kurz vor dem Abhang zum stehen. Das Motorrad wollten kippen, ich konnte es aber halten. Ich hupte sofort, weil ich diesmal die letzte der Gruppe war. Der Vorausfahrende hörte das zum Glück und kam schnaufend den Berg hochgelaufen. Zu zweit war es nicht schwer, das Motorrad aus dem Schlamm zu ziehen und die Fahrt mit größerem Respekt vor den Kurven fortzusetzen. Doch bald versperrte ein Gruppe junger Soldaten die Weiterfahrt. Ich nahm an, dass sie uns kontrollieren wollten, doch stattdessen machten wir Fotos zusammen und schon durften wir weiterfahren. Aber nur kurz, denn dann stand auf der schmalen Dorfstraße ein Bagger, hatte bereits einen großen Erdhaufen aufgeworfen und ein Graben klaffte auf der ganzen Breite der Schotterpiste. Ob man uns irgendwie vorbeilassen könnte, fragten wir. Man konnte nicht. Jonathan und ich stampften unverdrossen über den Aushub hinweg und erwarben im Dorfladen Colas für uns und die anderen. Sie waren handwarm und ehe ich meine Flasche ganz austrinken konnte, war plötzlich der Graben verfüllt und verdichtet, die Motoren röhrten auf und wir brausten davon. Von nun an wären es nur noch 70 Kilometer, also etwa eineinhalb Stunden bis zu unserem Etappenziel San Agustin. Doch zuvor mussten wir ein weiteres Mal die Rio Magdalena überqueren. Die Brücke war allerdings gesperrt, denn sie musste gelb gestrichen werden. "In 20 Minuten geht es weiter", machte das Worr die Runde. Tatsächlich ging es schneller und während ich noch meine Jacke anzog und den Helm aufsetzte, donnerte def aufgestaute Motorradpulk auch schon an mir vorbei. Aufbder anderen Flußseite führte eine kurvige Asphaltstraße erneut aus dem Flusstal hinauf. Ich nahm es sportlich und fuhr voraus, um mich erneut alleine wieder zu finden. Die anderen waren einmal mehr an einer Baustelle aufgehalten worden. Ich parkte das Motorrad am Rand der örtlichen Durchgangsstraße, machte es mir auf dem Sattel gemütlich und schon bald kam Aaron herangerollt. Gemeinsam warteten wir auf die anderen Teammitglieder. Ein junger Einheimischer namens Diega kam heran und bat um ein gemeinsames Foto. Das ließ sich machen und als er wieder mit einem Bild von uns beiden und dem Motorrad auf seinem Hamdy davon trottet kamen die übrigen drei angefahren. Dann war es aber wirklich nicht mehr weit und wir erreichten San Agustin so rechtzeitig, dass wir noch gemeinsam zwei Bier trinken, Duschen und pünktlich um sieben zum Abendessen eine Pizzeria stürmen konnten.