Italien: Amphibische Wanderung

Gesagt, getan. Gestern hatte ich mir überlegt, wie ich auch möglichst viel von der Landseite des Comer Sees durchwandern könnte, ohne nach der Hälfte der mir zur Verfügung stehenden Zeit wieder umdrehen und zurücklaufen zu müssen. Die Lösung schien mir, bis zu einem bestimmten Punkt am Ufer entlang zu wandern und mich dann in einem Hafen von meinem Bruder mit dem Boot wieder abholen zu lassen.
Ich half ihm also das Boot von unserem Liegeplatz in Gera Lario loszumachen und wir fuhren gemeinsam an einen Steg nahe unserem Campingplatz. Dort ging ich von Bord und begann meine Wanderung im Uhrzeigersinn um den See. Zunächst folgte ich wieder dem Ostufer des Lago di Mezzola und der Mera, querte an der ersten Brücke auf die östliche Seite und lief pfeifend durch frisch gemähte, weitläufige Wiesen im Naturschutzgebiet.

Dann kam eine Gabelung, an der ich mich für den Wegweiser entschied, der in Richtung der Adda-Mündung wies. Die kannte ich von der Karte. Allerdings hatte ich nicht berücksichtigt, dass dort keine Brücke mehr über den Fluss führte und musste deshalb ein langes Wegstück ohne Schatten wieder zurück bis zur nächsten Brücke laufen.

Die Adda kurz vor der Mündung in den Comer See
Die Adda kurz vor der Mündung in den Comer See

Als ich schließlich wieder die Adda auf der richtigen Seite auf einem schnurgeraden Damm entlangwanderte, entdeckte ich einen Wegweiser mit „Colico“, einem Ort der auf meiner geplanten Wegstrecke lag und „Forte di Fuentes“. Die Möglichkeit ein altes Baudenkmal zu besuchen und gleichzeitig aus der Sonne in den kühlen Wald zu wechseln, war sehr verlockend. Gleich ging es steil bergauf und ich hatte etwas mit meiner herabgesetzten Ausdauer zu kämpfen. Als sich der Weg im Wald ein weiteres Mal gabelte, war der Pfad zur Burg gesperrt und der andere lief in die völlig falsche Richtung. Ich konsultierte Google Maps und fand mich mit der Tatsache ab, dass ich mich ein zweites Mal verlaufen hatte und auch diesen Wegabschnitt wieder zurücklaufen musste. Mittlerweile war es halb fünf und der Himmel im Süden und Westen hatte sich zugezogen. Mein Tagesziel war das noch weit entfernte Dervio gewesen. Alternativ hätte ich mich vorher auch an einem Steg auf der Nordseite des Laghetto die Piona abholen lassen können. Beides war heute nicht mehr zu schaffen. Mein Bruder und ich hatten jeweils unsere Standorte auf WhatsApp füreinander freigegeben und mit einer zusätzlichen Nachricht informierte ich ihn, dass er mit dem Boot Kurs auf den Hafen von Colico nehmen sollte. Den konnte ich mit etwa einer halben Stunde Fußmarsch gut erreichen. In dem örtlichen Yachthafen bot ein Steg mit langer Flanke eine gute Gelegenheit, mit dem Boot aufzustoppen und mich mit einem beherzten Sprung an Bord gehen zu lassen. Als ich mich dort postiert hatte, kam schon mein Bruder um den Landvorsprung gefahren und fuhr augenscheinlich noch nach der ungenauen Karte auf WhatsApp. Als er etwas näher gekommen war, winkte ich. Mit meiner roten Mütze und dem roten T-Shirt sah er mich sofort. Wenige Minuten später sagte ich ihm schon den Abstand in Metern bis zu dem Moment an, wo er wieder den Rückwärtsgang einlegen konnte. Auch der Abschluss meines amphibischen Ausflugs funktionierte so wie geschmiert.

Nun überlege ich bereits, ob ich nicht morgen oder an einem anderen Tag meine Wanderung ab Colico fortsetze. Dort, wo mich das Boot heute aufgenommen hatte, könnte es mich auch wieder absetzen. Ich würde von dort dann wieder Richtung Dervio wandern und mich dort abholen lassen. Abhängig mach ich es aber davon, ob meine Füße und Gelenke das morgen schmerzfrei mit sich machen lassen. Die heute gelaufene Wegstrecke habe ich mitgetrackt und es waren 13,3 Kilometer in etwas mehr als drei Stunden. Für’s Erste hat das gelangt.