Griechenland: Karusselfahrt in der Vathi-Bucht von Sifnos

Wir liegen in der fast rundum geschlossenen Vathi-Bucht der Kykladen-Insel Sifnos. Heute Morgen sind wir in der Ormós Despothikos vor der Insel Antiparos aufgebrochen. Die Nacht war für alle Besatzungsmitglieder unserer Segelyacht "Enigma" sehr erholsam und auch Carsten, der bislang kaum Schlaf gefunden hatte, kam heute ausgeruht zum Frühstück in den Salon. Er steuerte unser Boot heute den ganzen Tag und endlich auch ein langes Stück "hart am Wind", wie er es sich schon vor Monaten bei den Vorgesprächen gewünscht hatte. Das Wichtigste: Die Crew hat ihr "Fock-Trauma" von vorgestern überwunden.

Damals hatte sich die Steuerbord-Schot des Vorsegels in einem schon vor unserer Bootsübernahme beschädigten Leinenschoner an den Wanten verklemmt. Die Fock schlug wie wild und wir konnten sie nicht mehr überholen. Ich hatte die Maschine angeworfen, das Segel eingeholt und die Situation so bereinigt. Doch die anderen drei hatte dieses Erfahrung auf dem offenen Meer nachhaltig eingeschüchtert.
Den Leinenschoner haben wir nun mit einem Tau so umwickelt, dass sich dort keine Schot mehr verhaken kann und auch den Holepunkt habe ich dort so gesetzt, dass die Leine bis vor der Want in Position gehalten wird und erst dann steil nach oben läuft.
So konnten wir das Vorsegel wieder in Betrieb nehmen. Auf Halbwindkurs fuhren wir Richtung Sifnos. Dort besahen wir uns eine Ankerbucht im Südosten der Insel, die uns guten Schutz vor dem kräftigen Meltemi-Wind geboten hätte. Leider war im Hafehandbuch bei einer anderen schönen Bucht ein Foto abgedruckt,von der Bucht, vor der wir gerade entlang fuhren jedoch nicht. Die Meinung der Crew war dadurch manipuliert und sie sprach sich dafür aus, eine zweite Bucht auf der Nordseite anzufahren. Also umrundeten wir Sifnos südlich, kreuzten nach Norden und erreichten die Vathi-Bucht auf der Westseite der Insel. Sie ist dem Wind mehr ausgesetzt, doch durch ihre Abgeschlossenheit mit nur einer kleinen Öffnung hinaus aufs Meer, gelangt kein Schwell hinein. In diesem Wissen hatte ich mich auf den Wunsch der Besatzung eingelassen, die erste Ankerbucht zu verwerfen und die Vathi-Bucht anzusteuern. Hier lagen schon über ein Dutzend andere Boote. Wir manövrierten zwischen ihnen hindurch und warfen den Anker in sechs Metern Tiefe. Doch zum einen war uns der Abstand zu den anderen Booten zu gering, zum anderen ließ sich nicht abschätzen, ob die Wassertiefe zum Land hin für unsere 2,1 Meter Tiefgang ausreichen würde. Ausloten konnten wir es wegen der anderen Boote nicht. Nach kurzem Überlegen holten wir den Anker wieder ein und fuhren wieder weiter hinaus. In zehn Meter Tiefe ließen wir den Anker erneut hinab und legten die Kette zur Öffnung der Bucht hin aus. Wir lagen nun recht dicht an einem altmodischen belgischen Segelboot eines Seniorenpaares, die uns misstrauisch beäugten. Der graubärtige Gatte stieg gleich mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen ins Wasser und prüfte, ob wir unsere Ankerkette über seine gelegt hatten. Einer unserer beiden Carstens stieg ebenso ausgerüstet ins Meer und verfolgte unsere Kette. Sie lag gut und nicht über Kreuz. Trotzdem ließ ich noch mehr Kette hinaus, als der Wind das nächste Mal ablandig wehte. Nun hatten wir ausreichend Distanz zu den Belgiern, lagen nun aber näher an einer englischen Motorluxusyacht. Aus meiner Sicht war das kein Problem, denn wir hatten 60 Meter Kette herausgelassen bei einer Wassertiefe von zehn Metern. Das ist genug. Aber ein Crewmitglied äußerte mehrmals, dass er sich nicht wohl fühle. Eine Gefühlsmitteilung, die ich leicht hätte übergehen können. Doch als Skipperin ist meine Aufgabe nicht nur das sichere Fortbewegen des Schiffes, sondern auch die Gewährleistung einer gewissen Sozialhygiene.
Also startete ich noch einmal die Maschine, fuhr in Richtung Anker und ließ dabei einige Meter Kette aufholen, die ich dann weiter nördlich in der Bucht wieder auslegte. Nun waren wir von allen benachbarten Fahrzeugen ausreichend entfernt.
Nach Einbruch der Dunkelheit war ich froh, dass wir mehrfach für ein sicheres Ankern gesorgt hatte. Der Wind nahm stark zu, wechselte ständig die Richtung und wir fuhren ziemlich Karussell um unseren Anker herum. Die britische Multimillionen-Yacht in unserer Nähe reagierte wegen ihrer größeren Masse deutlich später, so dass wir uns auch jetzt im Abstand von etwa 20 Metern nahe kamen.
In der Nacht ging ich mehrfach mit der Taschenlampe zur Ankerwache an Deck, prüfte unsere Position und die Abstände zu den anderen Booten. Alles sah gut aus. Etwas nach vier Uhr würde die Sonne aufgehen und die Windböen nachlassen. So geschah es und wir konnten noch etwas in Ruhe schlafen. In den 12 Stunden, die seit dem ersten Ankerwerfen vergangen waren, hatte sich mein Wissen und die Erfahrung um Ankermanöver vervielfacht.