Griechenland: Festhalten!

Die Nacht in der gut geschützen Vathi-Bucht auf der Südwest-Seite von Sifnos war wegen der starken Windböen nervenaufreibend aber nicht bedrohlich. Heute an unserem letzten Segeltag galt es, die Insel im Norden zum umrunden und dann ab der Spitze noch einmal 25 Seemeilen über das offene Meer ohne Landabdeckung gegen Wind und Wellen nach Osten zurück nach Paros zu fahren. Der Wind wehte stark mit 25 bis 30 Knoten fast genau aus Norden. Unsere Segelyacht, eine Bavaria 48, war auch bei bestem Trimm nicht höher als 50 Grad an den Wind zu kriegen. Das bedeutete, dass wir beim Kreuzen zunächst weit nach Westen aufs offene Meer hinaussegeln mussten.

Ich hatte Carsten in die Mysterien der Navigation eingeweiht, so dass er mit großem Engagement schon unseren Wendepunkt vorausberechnet hatte, an dem wir den neuen Kurs einschlagen konnten, um die Nordspitze von Sifnos genau zu erreichen. Doch je weiter wir auf das offene Meer hinaus kamen, umso schwieriger wurden die Umstände. Die Vorhersage von Wind und Wellen wurde um das Doppelte übertroffen. Nun hatten wir eineinhalb bis zwei Meter hohe Wellen, die unser Schiff genau von der Seite trafen und heftige Rollbewegungen erzeugten. Das Vorsegel hatten wir erst gar nicht gesetzt, denn meiner Anfänger-Crew war die Bedienung der Fock in der Wende nicht bei solchen Turbulenzen zuzumuten. Wir hatten vorgestern bereits versucht, Wenden ohne Vorsegel zu segeln, hatten uns dabei aber immer festgefahren und konnten erst wieder mit Motorhilfe auf den neuen Bug gehen. Deshalb war heute der Plan, nur eine einzige Wende mit Motorunterstützung zu fahren. Das hieß aber eben auch, einen langen Schlag hinaus aufs Meer zu tun, dann mit nur einer Wende das Nordkap von Sifnos zu erreichen und ab dort auf einem Halbwindkurs nach Paros zu segeln.
Das war die Theorie, doch in der Praxis war es zu rauh dafür. Auf den Wellen erschienen nicht nur weiße Kämme, sondern auch Schaumflächen und der Wind erreichte einmal mehr als 31 Knoten. Deshalb entschied ich, gleich die Wende zu fahren, startete den Motor und drehte das Schiff auf Nordkurs zur Inselspitze. Ein Crewmitglied übernahm das Steuer und ich krabbelte mit der Kurbel zum Mast um das Großsegel zu bergen. Ein Glück, dass wir ein Rollgroßsegel hatten, doch auch das war nicht ganz einfach, denn es gelang wegen der hohen See nicht, das Boot genau gegen den Wind zu steuern. Mit einem Arm umklammerte ich den Mast, mit der anderen Hand kurbelte ich das Segel ein, das immer noch teilweise mit Wind gefüllt war. Es gelang und nun fuhren wir nur noch unter Motor auf direktem Kurs zur Nordspitze. Schon von Weitem konnte ich sehen, dass es dort noch wilder werden würde. So kam es. Der Wind war noch einmal stärker, die Wellen noch öfter noch höher. Ich musste erneut auf das Vorschiff, um das Dinghi-Beiboot besser zu verzurren, denn es hob immer wieder in den Böen ab. Dazu ließ ich mir eine Schwimmweste bringen und auch als ich nach getaner Arbeit zurück im Cockpit war, zog ich sie nicht wieder aus. Es herrschten schlichtweg Umstände, in denen man eine Schwimmweste nicht mehr auszieht. Ich wurde gefragt, ob alle anderen auch die Westen anlegen sollten und bejahte. Außerdem spannte ich ein Strecktau zwischen den Winschen, um sich besser festhalten und einen Sturz über Bord verhindern zu können. Ein Besatzungsmitglied lag bereits unter Deck bäuchlings mit dem Gesicht auf der Sitzbank und rührte sich nicht mehr. Ein anderer stand regungslos wie angewurzelt am Niedergang, hielt sich mit beiden Händen an den Griffen fest und sprach kein Wort mehr. Der Steuermann war mittlerweile vom Starren auf den Kompass zermürbt und bemerkte aufkommendes Unwohlsein. Ich ersetzte ihn durch den Autopilot, konfigurierte den optimalen Steuerkurs und stellte es allen frei unter Deck in die Kojen zu gehen. Noch lagen fünf Stunden Fahrt unter sehr unangenhemen Bedingungen vor uns. Ich legte den Gashebel ganz nach vorne, doch mehr als 5 Knoten Fahrt waren aus dem Volvo-Motor nicht rauszuholen. Immerhin fuhren wir jetzt wieder parallel zur Dünung. Wir rollten stark doch es tat nicht mehr diese markerschütternden Schläge, mit denen wir zuvor direkt gegen die Wellen gesteuert waren.
Einige Stunden später erreichten wir den Hafen von Parikia auf Paros. Vor dem bevorstehenden Anlegemanöver hatte ich gehörigen Respekt. Bisher war ich nur einmal bei mäßigem Wind rückwärts in den Liegeplatz gefahren. Nun herrschte starker Wind, der jedem noch so sorgfältig angesetzten Anlegeversuch bei der kleinsten Verzögerung einen Strich durch die Rechnung machen würde. Doch der Hafen war voll und andere Yachten waren dort gerade am Festmachen. Wir wurden durch Zurufe angewiesen in der Bucht den Anker zu werfen und auf Reede zu liegen, bis wir mit dem Anlegen an der Reihe wären. Im Ankern waren wir ja geübt und gleichsam "Kurzparker", so dass man leichtfertiger den Ankerplatz auswählen konnte. Bald kam ein Motorboot vorbeigefahren und es wurde uns zugerufen, das wir die Yacht darauf vorbereiten sollten, Bug an Bug anzulegen. In der Marina waren alle Liegeplätze direkt am Steg belegt, so das wir nun in zweiter Reihe parken mussten. Ein Manöver, dass ich noch nie in der Ausführung gesehen hatte. Nun musste ich es durch Selbsterfahrung lernen. Mit einer 16 Meter langen Yacht. Wir setzten alle Fender von der Schiffsmitte ab nach vorne, legten die Festmacher auf die Bugklampen und zusätzlich beauftragte ich ein Crewmitglied mit dem dicken Kugelfender vorne am Bug bereit zu stehen, um bei Rempeleien dort, wo nötig den Fender hinzuhalten. Außerdem ließen wir den Anker bis knapp unter die Wasserlinie hinab, denn der würde sonst wie ein Rammsporn vorne auf der Bugspitze liegen und furchtbare Löcher in den die Rümpfe der anderen Boote brechen. Unsere Enigma verfügte über ein Bugstrahlruder, das beim Manövrieren in engen Hafenbecken ein Segen ist. Auch bei dieser letzten Herausforderung war es eine große Hilfe. Das Einfahren zwischen die Rümpfe der anderen Yachten gelang auf Anhieb. Ich bekam viel Lob und Anerkennung von den Mitarbeitern der Marina und von meiner Crew.
Alle Anspannung fiel mit einem Mal von mit ab. Es war geschafft. Trotz ungünstig starker Winde, einer unerfahrenen Crew und einem sehr großen Boot hatte ich meinen ersten Törn als Skipperin erfolgreich hinter mich gebracht. Das Boot war heil, die Mannschaft unversehrt und wir alle noch Freunde.