Deutschland: Drei Tage Fahrt zur Arbeit

Heute hat meine Fahrt zur Arbeit begonnen. Anders als bei anderen Pendlern dauert sie bei mir dieses Mal drei Tage. Denn ich werde bei einem Freiwilligen-Arbeitseinsatz des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in litauischen Kleipėda, dem ehemaligen deutschen Memel, teilnehmen. Zwei Wochen lange soll dort mit 25 anderen Kolleginnen und Kollegen ein 1955 errichteter Friedhof für Kriegstote des zweiten Weltkrieges gepflegt und wieder hergestellt werden.

Ziemlich genau 1700 Kilometer Anreise bedeutet das für mich. Allerdings muss ich nur das erste Drittel nach Frankfurt/Oder allein bewältigen. Mit der Deutschen Bahn zu reisen, ist derzeit das reinste Chaos. Ein fast 80-jähriger Teilnehmer dieses Arbeitseinsatzes musste fünfmal umsteigen und schlussendlich noch nachts zweieinhalb Stunden in Berlin auf den Zug nach Frankfurt/Oder warten.

Ich habe selbst in den vergangenen Monaten fast jedes Mal Enttäuschungen beim Reisen mit der Deutschen Bahn hinnehmen müssen. Nach einem anstrengenden Ausbildungstörn auf dem Segelschulschiff „Alexander von Humboldt 2“ wäre ich wieder einmal wegen der Bahn in Bremerhaven gestrandet, hätte mir nicht der Zufall ermöglicht, einen früheren Zug zu nehmen, bevor der Bahnverkehr auf meiner Strecke wieder einmal kollabierte. Als Konsequenz hatte ich mich entschlossen auf Fernreisen mit der Deutschen Bahn künftig zu verzichten. Ich reise gern auch mit dem Zug. Aber die ständigen und mittlerweile fast unvermeidbaren Enttäuschungen nehmen mir die Freude daran. Die zweitbeste Möglichkeit um längere Strecken zurückzulegen, ist für mich das Motorrad. Für die Anreise zum Arbeitseinsatz des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge habe ich mich deshalb für meine BMW F800 GS entschieden. Heute Morgen um zehn vor neun fahre ich los und lege die Strecke bis Fulda auf der Autobahn zurück. Auf einer für die Fahrt durch das Gelände konzipierten Reiseenduro ist das sehr langweilig und durch den hohen Sitz auch nicht komfortabel. Deswegen stelle ich im Garmin-Navigationsgerät ab Fulda die Funktion „Adventurous Routing" ein. Die vermeidet die großen Verkehrswege und wählt dafür Nebenstrecken mit Fahrspaß durch schöne Landschaften aus. Mich führte diese Einstellung ab Hünfeld über die Hochrhönstraße. Bis zu 11 Grad sind es dort oben nur und ich nehme im Juli die Griffheizung an meinem Motorrad in Anspruch. Bald erreiche ich auch den Thüringer Wald und entlang des Rennsteigs war es ebenfalls ziemlich kühl. Obwohl es immer wechselnd bewölkt ist, regnet es aber nicht. Mir hätte es nichts ausgemacht, denn meine Motorradkleidung wurde seit der Abenteuer-Reise durch Uganda nicht gewaschen und ist noch sichtbar mit dem roten Staub Afrikas durchsetzt. Eine Naturdusche hätte das bereinigt. Natürlich habe ich Jacke und Hose nicht aus Faulheit  noch nicht gewaschen, sondern aus Prinzip.

An der Höhe des Kickelhahn komme ich am Goethehäuschen vorbei, wo Deutschlands berühmtester Dichter „Wanderers Nachtlied" schrieb. Durch Ilmenau fahre ich und beginne nach einer Gelegenheit für die Mittagspause zu suchen. An zahlreichen Gasthäusern rolle ich vorbei, wobei alle geschlossen sind. Manche augenscheinlich für immer. Ich weiß, dass viele Restaurants in Mitteldeutschland wegen mangelnder Gäste ohnehin nur am Wochenende öffnen. Die beiden Lockdowns zur Bekämpfung der Corona-Pandemie dürfte einigen von ihnen den Rest gegeben haben. Später sehe ich an einer Grillbude Arbeiter vor großen Bierkrügen zusammensitzen und zwischen den Pritschenwagen der Baufirmen stehen auch Motorräder. Hier bin ich wohl richtig und ich darf mich auf etwas Bodenständiges freuen. Viel Auswahl gibt es nicht. Grillsteaks und Thüringer Rostbratwurst. Auf der Tafel stehen „Brätel" angeschrieben und ich halte das für die lokale Bezeichnung der Würste. Ich bekomme daraufhin aber ein Steak im Brötchen. Macht nichts, denn mein Hunger ist ohnehin größer als dieses eine Stück und ich lege dann eine korrekt bestellte Thüringer Rostbratwurst mach. Sie macht ihrem guten Namen alle Ehre. Ich esse im Stehen und ein wirklich Pause  ist es nicht, weil ich auch noch einen Telefonanruf annehmen und abarbeiten muss.

Wieder in Fahrt geht es durch Sachsen-Anhalt und die Landschaft ist gezeichnet von hohen Windrädern und Strommasten vor grauem Himmel. Durch das getönte Visier wirkt alles dystopisch, doch auch als ich das Visier hochklappe ändert sich das nicht. Mit so einem Ausblick kann man die Windkraftgegner, die sich Sorgen um die Zerstörung des Landschaftsbildes machen, verstehen. Ich weiß, dass die Energiewende ohne Windkraft nicht zu bewältigen sein wird, finde aber, dass dieses Windräder raus auf die See gehören. Als ich mir der „Alexander von Humboldt 2“ die Nordsee im April durchfahren hatte, habe ich die Offshore-Windparks gesehen und fand sie nicht so störend wie hier.

Ich muss den Tankstopp einlegen. Nur 4,4 Liter Benzin habe ich auf 100 Kilometer verbraucht und bin mir meinem kleinen Tank 340 Kilometer wir genommen. Mir der nächsten Tankfüllung schaffe ich es nach Frankfurt/Oder. Jetzt wird es auch sonnig. Doch nun staut es sich hinter Berlin auf der Autobahn 9. Mensch, ich habe nur noch 15 Kilometer zu fahren und jetzt beginnt nerviges Stop-and-Go. Ich fahre nur im ersten Gang mit Kupplungsspiel im Stehen. Irgendwann kommen zwei Harley durch die Mitte der beiden Fahrspuren gewummert und alles Autos machen bereitwillig Platz. Ich schließe mich an, was eine der besten Entscheidungen des Tages sein wird. Noch ein paar hundert Meter auf dem Standstreifen an den Lkw vorbei und die Autobahnausfahrt ist erreicht. Höchste Zeit, denn überall an den Zufahrten stauen sich die Lastwagen und der Verkehr ist im Grunde zum Erliegen gekommen. Wer hier jetzt im Stau steht, wird noch eine Weile hier bleiben.

Der Westen von Frankfurt ist schnell durchfahren und das Hotel „Altberesinchen" erreicht. In der Einfahrt begegnet mir der Pritschenwagen der Bundeswehr und im Hof steht der Bus. Ich erkenne ein paar Gesichter vom letzten Arbeitseinsatz des letzten Jahres. Ich stelle das Motorrad im Hof ab und bin froh die Beine wieder gerade zu machen. Nun muss ich mich beeilen, denn durch den Stau ist es schon nach sechs geworden und um halb sieben wollen wir gemeinsam zum Abendessen ein Restaurant gehen.

Das Motorrad werde ich hier stehen lassen. Ich habe mir eine Garage für die nächsten zwei Wochen gemietet. Die teile ich mir mit Werner, der ebenfalls mit dem Motorrad aus Leipzig angereist ist.

Morgen gibt es um 7:15 Uhr Frühstück und um zehn nach acht fährt der Bus ab. Deswegen schreibe ich hier jetzt keine weitere Zeile.