Litauen: Schlussstein

Heute war der letzte Arbeitstag auf dem Soldatenfriedhof in Klaipeda/Memel. Ich begann morgens gleich im Wald Sand zu sieben, denn ich wollte noch ein Fundament betonieren für das Grabfeld der 140 umgebetteten Gefallenen. Damit beschäftigte ich mich fast bis zum Mittagessen, dann ging mir die Arbeit aus.

Gefilmt und fotografiert hatte ich nun wirklich ausreichend und ich begann an ganz anderer Stelle einfach mit einer Spachtel Flechten vom Zaun abzukratzen. Zum Mittagessen hatten unsere beiden Bundeswehr-Köche Kassler mit Sauerkraut gekocht und es war so ein zartes Fleisch, dass selbst ein mitgereister Fleischermeister nicht sicher war, ob es wirklich ein Stück Fleisch oder doch nur ein Fleischkäse war.

Zaunfarbe auf Stein

Nach dem Mittagessen begann ich einen kleinen Erinnerungsstein für das Grab der Einhundertvierzig Umgebetteten zu bemalen. Jan unserer Busfahrer hatte an einem etwa 40 mal 30 Zentimeter großen Stein in der Mitte mit der Flex ein Rechteck oberflächlich ausgeschnitten und begradigt. Darauf sollte ich nun das Logo mit den fünf Hochkreuzen des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge zeichnen und die Jahreszahl hinzufügen. Glücklicherweise war das Logo auf dem T-Shirt, das ich trug aufgedruckt, so dass ich die Vorlage am Leib trug. Mit Bleistift zeichnete ich das Schema vor und malte dann mit der schwarzen Zaunfarbe mit einem Pinsel nach. Den Pinsel hatte ich schon um die Hälfte der Borstenlänge gekürzt, doch trotzdem zeichnete er noch zu ungenau. Deshalb nahm ich einfach den Baubleistift und tauchte nur die Spitze in die Farbe. Damit ließ sich dann sehr genau zeichnen. Mein Kunstwerk fand großen Anklang und gerade als ich fertig war, kamen auch die beiden Schlosser und präsentierten ihr geschweißtes Kreuz.

Die raffinierte Unterkonstruktion des Kreuzes begeisterte mich
Die raffinierte Unterkonstruktion des Kreuzes begeisterte mich

Beim Ausgraben des Fundamentes musste ich sehr tief graben, um durch den losen Sand hindurch auf gewachsenen Boden zu kommen. Dabei hatte ich schon einen Knochen hochgeholt; nur ein kleines Stück, ich vermute ein Stück vom Kieferknochen. Unser Einsatzleiter Bodo meinte, das könne nicht sein, denn die seien alle in Holzkisten. Aber ich erinnere mich an eine Fernseh-Dokumentation über eine Umbettung des Volksbundes, wo die Knochen einfach in Pappkisten gelegt wurden.

Überreste in Kriegsgräbern

Die Umbettung hierher nach Kleipėda hatte vor 7 Jahren stattgefunden. Die Pappkisten wären sicherlich schon verrottet und die Knochen würden nun frei in der Erde liegen. Selbst wenn es nicht die Überreste der umgebetteten Kriegstoten waren: Es ist immerhin ein Kriegsfriedhof, der im Zweiten Weltkrieg sehr umgewühlt wurde. Wir haben einen Granatenboden gefunden, da kann es ebenso gut auch sein, dass wir auch einen an die Oberfläche gewanderten Knochen finden.

Nach und nach kamen immer mehr Teilnehmer des Arbeitseinsatzes an meine Arbeitsstätte, bis schließlich alle rund um das Grabfeld standen, während der Stein positioniert wurde und der Beton für das metallene Kreuz angemischt wurde. Ich wollte es so sorgfältig machen wie möglich, denn immerhin wusste ich, dass Knochenteile hier oberflächennah zu finden waren und außerdem wollte ich vermeiden, dass der lose Sand in das Fundamentloch rutscht und sich mit dem Beton vermischt. Dann wäre der Beton nicht so haltbar. Immerhin hatte ich deshalb am Morgen stundenlang den Sand  durchgesiebt um möglichst viele organische Bestandteile herauszuhalten. Beim Einmischen kam dann aber ein Kollege und riss das Kommando an sich und stampfte recht grob auf den Beton herum. Viel Sand und auch Rindenmulch  rutschte herein und später trampelte er noch über das ganze Grab, auf dem der Rindenmulch nur sehr oberflächlich verteilt war. Das fand ich schade, rücksichtslos und auch pietätslos. Eine Weile ärgerte ich mich über diese Gockelei. Die Freude über das schöne Ergebnis und die guten Rückmeldungen überwogen den in mir aufkommenden Ärger.

Ich war doch sehr zufrieden mit meinem Stein und hätte nicht gedacht, dass es mir so gut von der Hand geht. Auch über das geschweißte Kreuz und die raffinierte Unterkonstruktionen war ich sehr begeistert. Es ist schon eine große Hilfe, wenn man wirklich Leute vom Fach dabei hat. Die einhellige Meinung aller, mit denen ich sprach, war, dass der Stein und das Kreuz ein schöner symbolischer Schlusspunkt unserer Arbeiten war. Etwas später begannen wir aufzuräumen, unseren letzten Arbeitstag abzuschließen und fuhren etwas früher als in den Tagen davor zurück in unsere Unterkunft.