Italien: Schöne Leichtigkeit

Heute begann der Tag mit einer Planänderung, denn mein Bruder wünschte sich den Besuch der Landspitze Bellagio, die die beiden Arme des Comer Sees trennt, malerisch bebaut ist und auf die Berge der Alpen blickt. Eigentlich wollte ich meine gestern begonnen amphibische Wanderung fortsetzen und mich in den Ort Calico mit dem Boot fahren lassen. Morgen soll der Wind stärker sein als heute, deswegen akzeptierte ich die Tatsache, dass heute nun einmal der beste Tag für diese Unternehmung war. Mit dem Boot fuhren wir fast zwei Stunden von Gera Lario nach Bellagio. Wir befürchteten, ähnlich wie in Como lange nach einem Anlegeplatz suchen zu müssen.

Italien: Amphibische Wanderung

Gesagt, getan. Gestern hatte ich mir überlegt, wie ich auch möglichst viel von der Landseite des Comer Sees durchwandern könnte, ohne nach der Hälfte der mir zur Verfügung stehenden Zeit wieder umdrehen und zurücklaufen zu müssen. Die Lösung schien mir, bis zu einem bestimmten Punkt am Ufer entlang zu wandern und mich dann in einem Hafen von meinem Bruder mit dem Boot wieder abholen zu lassen.
Ich half ihm also das Boot von unserem Liegeplatz in Gera Lario loszumachen und wir fuhren gemeinsam an einen Steg nahe unserem Campingplatz. Dort ging ich von Bord und begann meine Wanderung im Uhrzeigersinn um den See. Zunächst folgte ich wieder dem Ostufer des Lago di Mezzola und der Mera, querte an der ersten Brücke auf die östliche Seite und lief pfeifend durch frisch gemähte, weitläufige Wiesen im Naturschutzgebiet.

Italien: An der Mera

Nach dem anstrengenden Tag gestern ließen wir es heute langsamer angehen, nahmen uns Zeit für das Frühstück und aßen auch den Mittagsimbiss in unserer Hütte. Zuvor war ich eine Stunde den See entlang nach Norden spaziert. Schon kurz hinter unserem Campingplatz durchfließt ein Flüsschen namens Mera den Lago die Mezzola und mündet von dort in den Comer See. Während ich an dem smaragdgrünen Wasserlauf entlang ging, stellte ich für mich ohne genauere Kenntnis der regionalen Geografie die Theorie auf, dass die Mera möglicherweise immer größer wird und dann durch Meran fließt, wodurch die Stadt ihren Namen erhalten hat. Nun habe ich mich mittlerweile mit Hilfe der Wikipedia kundig gemacht und weiß nun, dass Meran tatsächlich viel nördlicher in Richtung Alpen liegt und die nur 50 Kilometer lange Mera dort gar nicht hinfließen kann. Außerdem stammt der Name von Meran von dem lateinischen Wort für einen Meierhof (lateinisch maioria) ab, wandelte sich dann im Jahr 857 von Mairania zu Mairanum (1237) und erreichte das heutige Meran 1317.

Kreuzsee

Noch bevor die Kapellen und Kirchen rings um uns Schlafende in der kleinen Hütte am Ortsrand von Gera Lario um sieben Uhr mit ihrem Morgengeläut begannen, war ich heute wach. Ich richtete unser Frühstück, das bei mir die Besonderheit innehat, dass es aus einer koreanischen Nudelsuppe besteht, die ich heute mit Lauch und Ingwer und einem rohen Ei erweiterte. Die Zubereitung dauert so einen Moment länger, ist nun aber schon seit über einem Jahrzehnt meine Gewohnheit, für die ich, außer dass sie ungewöhnlich ist, keine Gründe finde sie abzulegen.
Durch diesen frühen Start in den Tag waren wir bereits vor zehn Uhr mit unserem Boot auf dem Wasser und dort so früh am Morgen die einzigen. Auf dem Comer See spielt der Wind die Hauptrolle. Vor allem im nördlichen Teil des Gewässers weht er morgens von Norden, um dann nach Mittag die Richtung zu ändern und aus der Gegenrichtung zu blasen. Mit diesem Wissen wollten wir am Vormittag probieren, wie weit südlich wir fahren konnten, um dann in der zweiten Tageshälfte mit dem Wind im Rücken wieder zurück nach Norden zu gelangen. Auf der spiegelglatten Seeoberfläche dieses Morgens passierten wir in Gleitfahrt bald nicht nur den malerischen Ort Bellagio, sondern wenig später auch die Villa Carlotta, die wir gestern besucht hatten. Wir kamen am Ort Nesso vorbei, wo neben efeubewachsenen Gemäuern Steinbrücken einen schmalen Zufluss zum See überspannen, der von einem aus der Höhe herabstürzenden Wasserfall gespeist wird. Mir lag ein Vergleich mit Mittelerde aus dem „Herr der Ringe“-Epos auf den Lippen. Unnötig, denn es genügt sich zu freuen, dass auch unsere Erde solche fantastischen Orte für uns bereithält.