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jessica purkhardt illu„Küsschen, Küsschen!“ – „Lieber nicht.“ Es muss schon viel passieren, damit auf das Begrüßungsritual der schwulen Szene landauf, landab verzichtet wird. Ein Fledermausvirus, das sich auf einem Lebensmittelmarkt in der chinesischen Provinz den Menschen als neuen Wirt aussuchte, hat es dennoch geschafft. Nicht, dass wir nicht auch vorher schon in die Ellenbeuge gehustet und geniest hätten. Nur halt oft nicht in die eigene. Aber während weite Teile der Bevölkerung Klopapier horten und aus Angst vor dem Hungertod in Quarantäne notgedrungen sogar die bislang verschmähten Vollkornnudeln aufkaufen, zeigt sich die Szene vollkommen unpanisch. Das mag damit zusammen hängen, dass die Selbstbezeichnung „gay“ (lebenslustig, unbekümmert) nicht von ungefähr kommt.

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jessica purkhardt illuDer Name des einen lässt sich zumindest für die hiesigen Zungen gut aussprechen, der des anderen ist dagegen vergleichsweise sperrig. Beiden gemein ist – neben ihrer Homosexualität – die mutmaßlich vergebliche Anwartschaft auf einen politischen Spitzenposten ihres Landes.
Sowohl der deutsche Jens Spahn als auch der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg mussten sich dabei mit mal mehr, mal weniger subtilen homophoben Ressentiments herumschlagen.
Hierzulande sorgte sich die Boulevardpresse, ob denn Spahns christdemokratische Partei „modern genug für einen schwulen Kanzler“ sei. Auf der anderen Seite des Atlantiks fürchteten Kommentatoren derweil um die seelische Zerrüttung von Kindern und Jugendlichen durch einen Präsidenten Buttigieg, der gelegentlich mal seinen Ehemann küsst.
Ob Homosexualität in Deutschland und den USA des Jahres 2020 noch immer ein Ausschlusskriterium für die Ausübung eines politischen Führungsamtes ist, wird sich zeigen. Außerdem gibt es natürlich noch zahlreiche andere Merkmale, die für eine Niederlage im politischen Wettstreit ausschlaggebend sein können. Umgekehrt zeigt der Abgang der CDU-Parteivorsitzenden Kramp-Karrenbauer ein wenig, dass man auch mit wiederholten kritischen Äußerungen gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und plumpen Fastnachts-Witzchen über geschlechtliche Vielfalt langfristig keinen Blumentopf gewinnen konnte.

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jessica purkhardt illuIst queer sein in? Um diese Frage zu beantworten wäre zunächst zu klären, was queer bedeutet. Um das zu leisten, müsste diese Kolumnenspalte jedoch mehrere Meter nach unten verlängert werden. Die Lebensrealität zeigt jedenfalls, dass queer und LGBTIQ* nicht zwangsläufig deckungsgleich sein müssen. Beispielsweise haben viele Schwule, Lesben und transidente Menschen für sich einen Lebensentwurf gewählt, der von Queerness im Sinne der Wortbedeutung (leben und lieben jenseits der Mehrheitsgesellschaft) deutlich entfernt liegt. Anderseits leben und lieben viele Menschen sehr anders als die Mehrheitsgesellschaft, durchkreuzen Normen, stehen aber dennoch fest auf dem Boden von Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit. Zu LGBTIQ* zählen sie genau genommen also nicht. Queer sind sie aber ohne Frage.

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jessica purkhardt illuNun ist es 2020. Nach den Erwartungen, die man in den 1950er Jahren an unsere Gegenwart gerichtet hatte, sollten wir heute Morgen alle mit Raketenrucksäcken zur Arbeit geflogen sein. Stattdessen bewegen wir uns auf Elektro-Rollern fort, dir wir nach Gebrauch dem Nachbarn vor die Haustür werfen und die nach wenigen Monaten ihre Lebensdauer erschöpft haben. Darüber hinaus verfügen wir über Telefone, mit denen wir sowohl uns als auch unser Essen hochauflösend fotografieren können. Oftmals fällt das ästhetische Werturteil bei Aufnahmen von Mensch und Mittagessen allerdings gleich aus.Der Bildungssender ARD alpha, den die allermeisten von uns in den hohen zweistelligen Senderplätzen abgespeichert haben, widmete sich unlängst einen Abend lang den Visionen und Erfindungen, von denen man sich früher versprach, dass sie die Zukunft prägen würden.
Fest überzeugt war man zum Beispiel in einem Beitrag von 1969, dass der Individualverkehr heutzutage in einzelnen Kabinen einer Magnetschwebebahn organisiert sein würde.
Niemand ahnte damals, dass die wesentlichste Erfindung jener Jahre nicht der Ingenieurskunst der bodengebundenen Mobilität entstammen werde, sondern der Raumfahrt.
So freuen wir uns heute tagein tagaus über die daraus hervorgegangene Anti-Haft-Beschichtung aus Teflon, die zumindest unsere Pfannengerichte tadellos aussehen lässt.

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jessica purkhardt illuDie gute Nachricht zuerst: Ab diesem Monat werden die Tage wieder länger. Die schlechte ist, dass ausgerechnet der Sonntag in diesem Monat der kürzeste Tag des Jahres und der größte Teil des Dezembers darüber hinaus ziemlich dunkel sein wird.
Alleinsein fällt da noch schwerer als ohnehin schon. Neben allen rechtlichen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Widerständen, denen sich LGBT*IQ gegenüber sehen, ist Einsamkeit unter ihnen eine besonders verbreitete soziale Herausforderung.
Community bedeutet zwar Gemeinschaft, nichtsdestotrotz sind viele ihrer Mitglieder sehr alleine. Die Ursachen sind mannigfaltig, sie Aufzuzählen hilft nicht weiter, denn an den meisten kann man nichts ändern und mit Absicht in einer Winterdepression stürzen, wollen wir uns ja nun auch nicht.

Viel sinnvoller ist es, anzuführen, was hilft. Die bloße Investition in eine Tageslichtlampe und Alkohol tut es nicht. Das sehen wir an den Skandinaviern, deren Heimat bis über den Nordpolarkreis hinausreicht, wo es besonders lange dunkler Winter ist.

Wo Geselligkeit fehlt, muss man sie suchen. Glücklicherweise ist die LGBT*IQ-Szene diesbezüglich eine ergiebige Fundgrube. Beinahe jeden Tag bietet sie Kultur- und Unterhaltungsveranstaltungen von unterschiedlicher Tiefsinnigkeit.
Wer sich regelmäßig mit dieser soziokulturellen Lichtdusche abbraust, für die*den beginnt in diesem Jahr schon im Dezember der Frühling.

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Gestern Abend war ich in einer Schwulenbar, wo, der Schwerpunktsetzung des Etablissements vollkommen unkundig, ein halbes Dutzend nordirischer Fußball-Ultras erheblich dem Alkohol zusprach.
Um die Stimmung aufzuhellen, spielte der Wirt entgegenkommenderweise Dudelsackmusik.
Es war allerdings "Scotland the Brave".

jessica purkhardt illu„Es ist wie es ist“, lautet eine landläufige Floskel. Dabei stimmt das gar nicht. Die Dinge ändern sich und wir uns auch. Selbstvervollkommnung sei der Naturberuf des Menschen, verkündeten einmal die Humanisten. Soweit muss man nicht gehen. Unzweifelhaft lohnend ist aber sicherlich ein gesundes Maß an Selbstreflektion und Selbstverwirklichung. Voraussetzung dafür ist jedoch, sich selbst und den eigenen Lebensentwurf gelegentlich zu hinterfragen.

Für die allermeisten LGBT*IQ ist diese Selbst-Evaluation im Rahmen des inneren und äußeren Coming-Out-Prozesses unausweichlich. Das ist nicht leicht. War es nicht und wird es wohl auch nie sein. Gleichzeitig ist es aber gewissermaßen eine Pflicht-Chance. Denn die Mehrheit der hetero-  und cis-Personen kommt gar nicht in die Verlegenheit, sich selbst fragen zu müssen, ob man wirklich so leben möchte wie man lebt. Wenn die dann feststellen, dass Lesben, Schwule und Trans* aber so leben, dann kann das ein Gefühl der Unzufriedenheit erzeugen.

Der Nollendorfblog-Autor Johannes Kram vermutete neulich im Gespräch mit mir, dass es auch Homophobie geben würde, wenn es gar keine Schwulen und Lesben gäbe. Der größte Teil der Homophobie sei in Wahrheit Heterofrustration.
Ich fürchte die These hat einen wahren Kern.

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Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen: Mein Workshop in der Akademie Waldschlösschen findet heute im Waldsaal statt.

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jessica purkhardt illu„Der Mensch ist kein Tier, weil er weiß, dass er eins ist“, erklärte der Philosoph Hegel vor 200 Jahren die Trennlinie zwischen Mensch und Tier. Unabhängig von der Frage des Bewusstseins ist unser Erbgut tatsächlich zu 90 % mit dem des Schweins identisch. Die praktische Trennlinie liegt hier in der Tatsache, dass die einen die anderen fressen. Umgekehrt ist es fast nie. Mit der Taufliege haben wir immerhin auch 60 % gemeinsame Gene. Mit dem Hefepilz beschämende 30 %.

Was den Mensch in Wahrheit von allen anderen Lebewesen abgrenzt, sind Intelligenz, Kreativität und die Fürsorge für andere Menschen. Nichts davon ist brauchbar, wenn man einem Säbelzahntiger gegenübersteht. Aber alle drei Fähigkeiten sind wichtig, um als Menschen zusammenleben zu können.

Elfi König hat über drei Jahrzehnten gezeigt, was Menschlichkeit bedeutet, indem sie mit HIV infizierte und an AIDS erkrankte Menschen betreut hat. Das ist vor allem deshalb besonders, weil sie es in einer Zeit getan hat, als das Stigma von HIV und AIDS noch weitaus größer war, als es heute leider immer noch ist. Dafür hat Elfi selbst Ausgrenzung hinnehmen müssen aber trotzdem weiter gemacht. Für diese Selbstlosigkeit hat ihr die Bundesrepublik Deutschland nun das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Wem auch sonst, wenn nicht solchen Menschen?

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