CSD: Der Countdown läuft – aber die Uhr wird nicht zurück gedreht!

Vom 17. Juli bis zum 19. Juli findet rund um die Konstablerwache der jährliche Frankfurter Christopher-Street-Day (CSD) statt. Das diesjährige Motto lautet „Besorgte Homos“ und nimmt damit Bezug auf die von Baden-Württemberg ausgehende Bewegung von Rechtspopulisten und religiösen Fundamentalisten, die sich unter dem verharmlosenden Namen „Besorgte Eltern“ zusammen getan haben.

Wer will die Uhr zurück drehen?

Wer will die Uhr zurück drehen?Nachdem diese Bewegung  in den vergangenen beiden Jahren den baden-württembergischen Ansatz zur Aufnahme von sexueller Orientierung und Identität als Querschnittsthema in den Bildungsplan des Bundeslandes bewusst falsch interpretiert und mit populistischen Parolen von „ideologischer Umerziehung“ und „Frühsexualisierung“ gezielt Unwahrheiten verbreitet und Ängste geschürt hat, heben diese Gruppen nun dazu an, Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern ihre über Jahrzehnte erstrittenen Rechte abzusprechen, Hetze gegen Minderheiten wieder gesellschaftsfähig zu machen und so die Uhr zurück zu drehen vor die Zeit der LGBT-Emanzipation.

 

Her, His, Our Story

The Stonewall InnEiner der Zündfunken dieser Emanzipationsbewegung für den gemeinsamen Kampf für die Menschenrechte von Homosexuellen und Transgendern entludsich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 nach einer Razzia im Stonewall Inn an der Ecke 7. Avenue/Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village in der Widersetzung von Homosexuellen gegen ihre Verhaftung und Demütigung.  

In Erinnerung an diese für die damalige Zeit ungeheuerliche Widerstandshandlung zeigen heute weltweit Millionen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, ihre Freund*innen und Unterstützer*innenin zahllosen großen und kleinen Städten ihren Stolz auf ihre Vielfalt bei Gay Pride-Veranstaltungen, die hierzulande als Hinweis auf den Ursprung des gesellschaftlichen Aufbruchs „Christopher-Street-Day“ genannt werden.

Karl-Heinrich-UlrichsDabei traten auch in Frankfurt schon wenig später nach dem Widerstand in der New Yorker Christopher Street Homosexuelle streitbar für ihre Rechte ein, beispielsweise in Gruppen wie RotZschwul, der Homosexuellen Aktion Frankfurt (HAF) und der Schwulen Zelle, die ab den frühen 70er Jahren mit Slogans wie „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“ politisch Stellung bezogen.

Schwule Vorkämpfer gab es aber auch schon 100 Jahre vorher. 
Im Jahr 1867 erklärte der homosexuelle Jurist Karl Heinrich Ulrichs auf dem deutschen Juristentag stolz:

„Bis an meinen Tod werde ich es mir zum Ruhme an rechnen, daß ich am 29. August 1867 zu München in mir den Muth fand, Aug’ in Auge entgegenzutreten einer tausendjährigen, vieltausendköpfigen, wuthblickenden Hydra, welche mich und meine Naturgenossen [gemeint: homosexuelle Männer] wahrlich nur zu lange schon, mit Gift und Geifer bespritzt hat, viele zum Selbstmord trieb, ihr Lebensglück allen vergiftete. Ja, ich bin stolz, daß ich die Kraft fand, der Hydra der öffentlichen Verachtung einen ersten Lanzenstoß in die Weichen zu versetzen.“

Zur Erinnerung an seine Verdienste im frühen Kampf für die Homosexuellenbewegung und für die Sexualwissenschaft haben wir deshalb in diesem Jahr den Platz an der Weißadlergasse in Frankfurt nach ihm benannt.

Party vs. Politik?

Darüber, wie der jährliche Christoper-Street-Day gestaltet werden soll, gab es in den vergangenen Jahren heftige Diskussionen, die in manchen Städten bis hin zum Zerwürfnis der teilnehmenden Gruppen geführt haben. 
Im Grunde ist das nicht ganz überraschend. Denn es gibt wohl kaum eine Bewegung, in der die ganze Bandbreite der Bevölkerung vorkommt, in der so viele geschlechtliche Orientierungen und Identitäten, so vielfältige Perspektiven, Ziele und Lebensrealitäten vertreten sind. 
Genau deswegen ist es so bemerkenswert und bezeichnend für den Zusammenhalt der LGBT-Gemeinschaft, dass es trotzdem immer wieder gelingt, gemeinsam und solidarisch für die gemeinsamen aber auch die spezifischen Anliegen einzutreten.
Schwule Männer, die, wie oben erzählt, bereits seit Ende der 60er Jahre für ihre Rechte streiten und die geprägt sind durch die Verfolgung nach §175 und die Tragödie der HIV-Epidemie der 80er und 90er Jahre.
SF Pride 2015Lesbischen Frauen, die nach wie vor in der öffentlichen Wahrnehmung und Darstellung marginalisiert werden, die (wie alle anderen Frauen auch) im Durchschnitt 27 Prozent weniger verdienen und um das Recht wann und wie sie Familien gründen kämpfen.
Transsexuelle, deren rechtliche Situation sich seit nun 35 Jahren kaum geändert hat und die noch viel zu oft falsch behandelt und diagnostiziert in Psychiatrien landen.
Oder andere Transgender, die nach wie vor Opfer von Gewalt und Demütigung werden und im Vergleich zu anderen Ländern in der Öffentlichkeit lediglich als skurrile Randnotizen skizziert und wahr genommen werden.
Völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Fortschritte auf dem Weg zu rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung und Akzeptanz und trotzdem ziehen auch am kommenden Wochenende in Frankfurt wieder alle an einem Strang.      

Nicht aus dem Blick verlieren darf man aber dabei, dass die Debatte um die Ausgestaltung des CSD-Wochenendes vor allem geprägt war vom Spannungsfeld zwischen Party und politischen Inhalten. Auf den Pride-„Paraden“ in den Großstädten des Landes geht es sehr bunt, sehr laut und sehr freizügig zu. Die Sorge war und ist deshalb, dass die Ernsthaftigkeit der nach wie vor bestehenden Diskriminierungen, der Homosexuellen- und Transgenderfeindlichkeitund der Intoleranz hinter den lauten Bässe, nackten Oberkörpern und dem bunten Federkopfschmuck so weit in den Hintergrund gerät, dass sie nicht mehr wahr genommen wird.
Und tatsächlich sind nach den CSD-Wochenenden die Titelblätter der Lokalausgaben fast durchgehend von den gleichen Motiven beherrscht, oft mit den Worten „schrill“ und „bunt“ in der Schlagzeile. Im Text ist nur selten mehr zu erfahren als „Schwule demonstrieren für ihre Rechte“.

Vor dem Hintergrund, dass der Christopher-Street-Day neben dem weitaus weniger wahr genommenen Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie (IDAHOT) die einzige regelmäßig statt findende Protestveranstaltung der deutschen LGBT-Bewegung ist, ist diese Außenwahrnehmung wirklich zu wenig.

Aber: Zu Protest gehörte und gehört auch immer Provokation. Können wir uns so sicher sein, dass es der Demonstrationszug am Christopher-Street-Day auch ohne die bunt bemalten Menschen und die Drag Queens auf die Titelblätter der Zeitungen schaffen würde? Wohl kaum.
Zudem sind die Pride-Paraden dem Namen nach auch ein Zeichen des Selbstbewusstseins und eine Botschaft an alle, die Homo- und Bisexuelle und Transgender für minderwertig erklären wollten und wollen.

Noch lange nicht alles gut

Homophober Überfall beim CSD München 2015Der Kampf für gleiche Rechte ist außerdem nicht mehr am Anfang. Die Kriminalisierung und Pathologisierung von Homosexualität gibt es nicht mehr. Es gibt Gesetze, die vor Diskriminierung schützen sollen.

Gleichzeitig ist noch vieles nicht erreicht.
Gerade erst am letzten Wochenende wurde ein junges Paar nach dem CSD München Opfer homosexuellenfeindlicher Gewalt (siehe Bild).
In Deutschland gibt es noch keine Gleichstellung der gleichgeschlechtliche Ehe, kein volles Adoptionsrecht, noch herrscht im besten Fall Toleranz (Duldung). Von wirklicher gesellschaftlicher Akzeptanz kann heute noch immer keine Rede sein. Transgender kommen in den Medien nach wie vor nur als Opfer, Prostituierte oder Freaks vor. Die Beschäftigung mit der Lebenssituation homo- oder transsexueller Migrant*innen oder Menschen mit Behinderung findet kaum statt. Vor allem aber droht der eingangs beschriebene Rollback, durch homosexuellenfeindliche Gruppen, die die Uhr für alle Lesben, Schwule, Bissexuellen und Transgender um 50 Jahre zurückdrehen wollen.

Es gibt also genug zu sagen am kommenden Wochenende und genug Botschaften zu transportieren auf der hoffentlich wieder lauten, bunten, fröhlichen, vielfältigen und unangepassten Demonstration am CSD-Samstag.
Schon im vergangenen Jahr war bei den teilnehmenden Gruppen an der CSD-Demo klar zu erkennen, dass nicht nur ich das so sehe. So viele politische Statements und klar formulierte Forderungen hatte ich in den Jahren davor in Frankfurt und auch auf CSDs in anderen Städten bisher nicht gesehen.  
Auch ich hatte mich im letzten Jahr dafür eingesetzt, für unsere GRÜNE Gruppe auf der Demo-Parade neben einem bunt geschmückten Wagen mit Musik auch eine klassische Laufgruppe zu organisieren, die mit Protestplakaten klare Botschaften transportiert. Und auch in diesem Jahr habe ich wieder neue Schilder mit den Slogans dieses Jahres angefertigt und schreibe diese Zeilen deshalb noch etwas farbbekleckst, nachdem ich eben erst fertig lackiert und die (noch nicht ganz trockenen) Schablonen abgezogen habe.

Von mir aus kann’s also losgehen. Der Countdown läuft. Aber die Uhr wird nicht zurück gedreht!

Love Wins!


Bildnachweis:

„SF Pride 2015“ von Thomas Hawk ist lizensiert unter CC BY-NC 2.0
"The Stonewall Inn" von David Jones ist lizensiert unter CC BY 2.0
"Karl Heinrich Ulrichs" via History and Pop Culture Memes
"Better than the Care Bear stare" von Sally Crossthwaite ist lizensiert unter CC BY-NC-ND 2.0
"Homophober Überfall beim CSD München 2015" via @mrohrlack