Erkenntnis höherer Wahrheit durch ein Paradoxon - Meine April-Kolumne im GAB-Magazin

jessica purkhardt illuIn Stuttgart die GOK Menarea, in Mannheim die XS Café Bar und in Frankfurt das HALO. Im gab-Land schließen in diesen Wochen gleich mehrere Szene-Läden, die vor Ort jeweils feste Institutionen mit meist jahrzehntelanger Tradition waren.

Aber kein Anlass nun reflexartig ins Wehklagen zu verfallen und den Niedergang der Szene zu beweinen. Denn die Gründe für die Geschäftsaufgaben sind sehr unterschiedlich. Am mangelnden Publikumszuspruch liegt es aber wohl nicht.

Müsste es uns außerdem nicht seltsam vorkommen, wenn für die queere Gastronomie und Ausgeh-Kultur völlig andere Mechanismen gelten würden als für den Rest der Branche? Denn es ist doch gerade die Veränderung, die die Innovationskraft einer Subkultur erhält.

Und tatsächlich vergeht kein Monat, in dem nicht von neuen Partys, Kulturveranstaltungen und Eventabenden für bestimmte Zielgruppen zu lesen und zu hören ist.

Closed

Und ganz grundsätzlich: Ist die Zahl von Bars und Clubs wirklich die einzige Messgröße, an der man die Lebendigkeit von Szene und Communities festmachen kann? Wohl eher nicht.

Vielmehr ist der Grad der LGBT*-Selbstorganisation so erstaunlich, dass ich oft bewundernd den Kopf schütteln muss, wenn ich sehe, was alles von neuen Gruppen aus dem Nichts aber mit viel Engagement und Kreativität auf die Beine gestellt wird. Darunter vieles, was es bislang so nicht gab und was vielleicht auch gar nicht möglich war. Vor diesem Hintergrund kann von Niedergang keine Rede sein. Sondern von Aufbruch.

Ups and Downs

Ein Paradoxon umschreibt mir mein Fremdwörterbuch für den Hausgebrauch als eine „scheinbar falsche Aussage, die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist.“

Mit dieser Erläuterung blicke ich nun auf den folgenden Screenshot, der mir auf der gab-Startseite gelungen ist.

Screenshot Aktionsplan

Noch deutlicher wird der Widerspruch, wenn man weiß, das in Baden-Württemberg 10 Millionen Einwohner*innen unter einer grün-schwarzen Landesregierung leben und die finanziellen Mittel zur Förderung von LGBT*-Projekten dort für das Jahr 2017 von 500.000 Euro auf 250.000 Euro halbiert wurden.

Gleichzeitig erhöht die schwarz-grüne Landesregierung im nur 6 Millionen Einwohner*innen zählenden Hessen die Mittel für den LGBT*-Aktionsplan von 200.000 Euro auf 500.000 Euro und legt noch 100.000 Euro für homosexuelle und trans* Geflüchtete oben drauf.

Die höhere Wahrheit auf die uns die Analyse dieser Zahlen hinweist, ist zumindest sehr unscharf.

Endlich Gerechtigkeit

Eine weitaus logischere und nachvollziehbarere Schlussfolgerung hat nun endlich die Bundesregierung getroffen, die nun die Opfer des sogenannten „Schwulenparagrafen 175“ rehabilitieren und entschädigen will.

Der §175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte homosexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe und wurde in der Fassung des nationalsozialistischen Regimes auch in der demokratischen Bundesrepublik bis 1969 angewendet. Erst im Jahr 1994 wurde er abgeschafft. Paradox ist aber auch hier die Tatsache, dass zwar die Urteile aus der NS-Zeit gegen schwule Männer aufgehoben wurden, dass aber Männer, die in den 50er und 60er Jahren verurteilt wurden, bis heute als Straftäter gelten. 

Auch wenn nun die Erleichterung über die Rehabilitierung und Entschädigung dieser Menschen groß ist, ist es doch frustrierend zu sehen, dass immer wieder Dekaden des Stillstandes zwischen den einzelnen Schritten zur Beseitigung des Unrechts an Homosexuellen gelegen haben. Vor diesem Hintergrund kann man nur hoffen, dass die Aufhebung staatlicher Diskriminierung und Ungleichstellung von LGBT* nicht weitere Jahrzehnte braucht.