Noch nicht ausgetrocknet: Der Fluss Po nahe Mantua

Österreich/Italien: Wer rastet, der rostet

Gestern goss noch ein kräftiger kühler Sommerregen über Kufstein herab, ich ließ die beiden Fensterflügel weit offen, während ich auf dem Bett saß und das Video über unseren Ausflug auf die Kurische Nehrung vor einer Woche in Litauen schnitt. Herrlich klare, kühle floss wie ein unsichtbarer Quell über die Fensterbank herein und ich fühlte mich so erfrischt, als badete ich in einem Bach.

Heute Morgen frühstückte ich wie ein normaler Mensch und nicht wie ein Holzfäller, wie ich es letzte Woche in Litauen getan hatte. Mein Vorsatz ist hier maßvoller zu essen, sofern ich es in der Hand habe. Natürlich werde ich auch weiterhin nichts übrig lassen, was einmal  auf meinem Teller liegt. Sonst ist der Koch traurig und es gibt schlechtes Wetter.

Warum sind in Italien die Leitplanken rostig?

Um neun Uhr fahren wir in Kufstein ab in Richtung Italien. Ehe ich mich versehe haben wir die österreichisch-italienische Grenze überfahren. Eine interessante Beobachtung: Anders als in Deutschland oder Österreich sind ab dem italienischen Grenzpfosten augenblicklich die Leitplanken rostig.

Guardrails Leitplanke Brennerautobahn Italien Suedtirol

Rostige Leitplanken entlang der Brennerautobahn / Bild: Usien, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass man in Italien genau an einer Prestigeautobahn minderwertige Materialien verbaut hat. Tatsächlich sind die Leitplanken mit Absicht verrostet. Denn man hat hier speziellen Corten-Stahl benutzt. Der bekommt an der Oberfläche sofort eine dichte Rostschicht, die dann das darunterliegende Material dauerhaft vor weiterem Rost schützt. Auf der italienischen Brennerautobahn ist das besonders sinnvoll. Denn durch die Lage im Gebirge fällt dort mehr Schnee, es muss also mehr Streusalz benutzt werden. Dadurch würde der Leitplankenstahl besonders schnell Korrodieren. Cortenstahl hat aber an seiner rostigen Oberfläche eine Schutzsicht aus Sulfaten oder Phosphaten, die den Stahl weniger angreifbar machen.

Corten-Stahl wird wegen seiner gleichmäßigen Rostschicht auch als gestalterisches Element genutzt. Ich finde, dass die rostbraunen Leitplanken der italienischen Brennerautobahn weniger von dem gewaltigen Gebirgspanorama ablenken, als es beispielsweise glänzende mit Zinküberzug tun würden. Corten ist übrigens ein zusammen gesetztes Kunstwort. Der Stahl weist CORrosion resistance (Korrosionswiderstand) auf und TENsile strength (Zugfestigkeit). Zussammengesetzt also COR-TEN.

Dürre in der Po-Ebene?

Doch diese metallurgische Neuerfindung fand bald ihr Ende. Die Leitplanken glänzten wieder und der Stau begann, doch die Verkehrslage entspannte sich, als wir den Garda-See hinter uns gelassen hatten. Zuhause hatte ich Berichte von großer Trockenheit in Italien gehört und erwartete ein braunes, ausgedörrtes Land. Der Fluss Po sei kurz davor trocken zu fallen und die Ernte in Gefahr. Als wir die Stadt Mantua auf der rechten Seite hatten und der Po vor uns lag, unterschieden sich die Felder, Wiesen und Wälder aber dem Anschein nach nicht, von denen, die ich unlängst bei meinen langen Motorradfahrten durch Mitteldeutschland gesehen hatte. Sicher, hier wie dort wird längst ausgiebig bewässert doch die Landschaft ist sommerlich grün und nur dort braun, wo das Getreide abgeerntet wurde. Als wir dann den Po überqueren führt er Wasser, doch es ist erkennbar, dass sein Flussbett höhere Pegel gewohnt ist. Wir verlassen über eine unsichtbare Grenze die Lombardei und erreichen die Emilia Romagna. Wenig später erscheinen die Berge des Apennins am Horizont. Ihr Gestein unterscheidet sich auch für das Auge des Laien offensichtlich von dem der Alpen. Es folgen einige lange Tunnel, die mich überflüssigerweise das GPS-Signal meiner Tracking-App verlieren lassen. Als wir wieder aus dem anderen Tunnelende auftauchen und die App wieder ein Signal bekommt, zieht sie einfach auf der Karte eine gerade Linie von Tunneleingang zu -ausgang. Das ist mir zu ungenau und ich breche in den Tunneln lieber die Aufzeichnung ab und starte unter freiem Himmel eine neue. Der zweite Streckenabschnitt, den ich mitschneide, ist dann nur noch 11 Kilometer lang dann erreichen wir den kleinen Ort Barberino die Mugello, der auf den Lago di Bilancino blickt.

Vlogs - Newsflash

Manchen meiner Kameradinnen und Kameraden bei diesem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass sehe ich an, dass sie gestern erst nach Mitternacht ins Bett gekommen sind. Auf der etwa 20-minütigen Busfahrt hinauf zum Futa-Pass war es heute Morgen außergewöhnlich ruhig. Wie an den anderen Tagen auch beginnen wir mit dem Freischneiden der Grabsteine und ich mache einige Transportfahrten mit dem Traktor.

Meine Arbeit auf dem deutschen Kriegsgräberfriedhof im litauischen Klaipeda geht weiter. Dieses Mal braucht es dafür einen eisernen Willen und kreative Ideen. Denn die schweren schmiedeeisernen Zäune müssen repariert und aufgearbeitet werden. Ein langes Stück Zaun auf der Seite zur viel befahrenen Hauptstraße ist sehr verrostet und droht völlig kaputt zu gehen. Jeden Winter werden auf der Straße große Mengen Streusalz verwendet. Die sind jedoch gefährlich für das Metall der Zäune. Es muss viel Rost abgeklopft und mit Drahtbürsten abgerieben.

Es ist höchste Zeit, dass ich euch erzähle, was wir hier bei dem Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsch Kriegsgräberfürsorge in der litauischen Hafenstadt Klaipėda eigentlich machen. Bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges wurde ein Soldatenfriedhof angelegt. Nach dem Krieg wurde er dann an den Ort verlegt, an dem wir heute arbeiten.

Bereits seit einer Woche habe ich jeden Morgen beim Aufstehen aus dem Fenster auf die Kurische Nehrung geblickt. In der jüngeren deutschen Geschichte der vergangenen 150 Jahre gilt diese langgestreckte Halbinsel zwischen Kurischem Haff und der Ostsee als Sehnsuchtsort. Der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt schrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dort an seine Frau: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Dabei hat er die Nehrung nur auf einer herbstlichen Wagenfahrt kennen gelernt, "24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser", wie er schreibt, im Jahr 1809, als die Nehrung am ödesten war. [Anmerkung: Am Ende des Videos schreibe ich dieses Alexander von Humboldt zu, dem Bruder des eigentlichen Zitatgebers. Ich habe es aber recherchiert und Alexander von Humboldt war nicht nur zu jener Zeit in Paris, sondern war darüber hinaus nie verheiratet und konnte also dieses Zitat nicht an seine Frau geschrieben haben. Viele Publikationen schreiben es ihm aber dennoch zu und ich finde, es hätte genauso gut von ihm stammen können.] Die Kurische Nehrung ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte des Memellandes und großer Teile Ostpreußens. Vielleicht darüber hinaus auch anderer ehemaliger deutscher Gebiete. Denn dort ist unübersehbar, wie unterschiedliche Bevölkerungen, Sprachen, Kulturen und Konfessionen miteinander verwoben lebten und einen gemeinsamen Faden durch die Geschichte spannen. Die ehemaligen deutschen Orte mit den eigentümlichen nehrungskurischen Namen tragen heute litauische. Die Teilung der Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil manifestiert an diesem kleinen Ostseeabschnitt sowohl das Ende des Zweiten Weltkrieges als auch die geopolitische Situation des Kalten Krieg bis heute. Die Kurische Nehrung lässt einen Natur auf eine besondere Art und Weise intensiv erleben. Im Grunde gibt es dort aber nichts, was es nicht auch anderswo gibt: Dünen, Wald, Wiesen, Strand und Meer. Das Kurische Haff ist an vielen Stelen nur wenige KIlometer breit und meist nur vier bis fünf Meter tief. Man erzählt, dass man bei tiefen Sonnenstand die Elche auf den Lichtungen stehen sehen könnte, doch ich bezweifele, dass sich diese gewaltigen Wildtiere regelmäßig hierher verirren. Die Nehrung ist schon lange in Menschenhand. Der letzte Wolf wurde hier 1766 geschossen. Der letzte Rothirsch 1920. Bei diesem Ausflug setzen wir bei Klaipeda mit dem Bus über das Haff und fahren zunächst nach Juodkrante (Schwarzort). Dort spazieren wir über den Hexenberg mit seinen mythischen Holzschnitzereien. Weiter geht es nach Nida (Nidden). Dort besuchen wir die Kirche und treffen den Pastor, der uns erzählt, wie pragmatisch die Menschen hier ihr Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen organisieren. Auf dem Friedhof besehen wir uns die Kurenzeichen. Grabmale, die es so nur noch hier gibt. Mit dem Schiff fahren wir die Kurischen Nehrung an der großen Düne entlang nach Süden bis an die Grenze zu Russland. Dort müssen wir umkehren. Auch für den berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann war die Nehrung ein Sehnsuchtsort. So sehr, dass er sich hier ein Haus bauen ließ. Wir besuchen es und ich versuche mir vorzustellen, wie hier Thomas Mann beim Schreiben aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, während er über die nächste Formulierung nachdachte.

Jessica Welt

Seit etwa einem Jahr lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.