Sicherheitspolitische Sommertour 2015 - 1. Tag: Fortbildungstag der Berufsfeuerwehr zum Massenanfall von Verletzten

MANV Fortbildung 2015Los geht's! Der erste Tag meiner Sicherheitspolitischen Sommertour.

Wie in den letzten beiden Sommerpausen des Frankfurter Stadtparlamentes unternehme ich auch in diesem Jahr wieder eine Sommertour zu den Institutionen und Organisationen der Frankfurter Sicherheitsarchitektur und sogar darüber hinaus.
Während der Sommerpause finden keine Sitzungen der Gremien des Stadtparlamentes statt und es gibt auch kaum Repräsentationstermine. Diese Zeit will ich nutzen um noch mehr Hintergrundwissen vor Ort zu sammeln, noch mehr unmittelbar mitzubekommen und selbst zu sehen.

 

Im vergangenen Jahr habe ich das 4. Polizeirevier im Bahnhofsviertel, die Jugendfeuerwehr, die Feuerwehr Rödelheim, die DLRG, das 11. Polizeirevier in Rödelheim, das 8. Polizeirevier in Sachsenhausen , die Feuerwehr Eschersheim,  die Feuerwache 20 in Gateway Gardens, die Feuerwehr Sachsenhausen und zum Schluss das 1. Polizeirevier in der Innenstadt besucht.

In diesem Jahr beginne ich meine Sommertour bei einem zentralen Akteur der Frankfurter Sicherheitsarchitektur: der Berufsfeuerwehr Frankfurt.
Hospitation BLW 1In den vergangenen Jahren habe ich dort bereits in den 24-Stunden-Einsatzleitdiensten auf der Bereichsleitungswache 2 im Gallus und der Bereichsleitungswache 1 in Eckenheim hospitiert und bin in diesem Zusammenhang schon auf fast allen Feuerwachen der Stadt gewesen.

In diesem Jahr ist es deshalb für mich interessant, mich über die inhaltliche Weiterentwicklung in der Aus- und Weiterbildung von Feuerwehr und Rettungsdienst zu informieren.
Deshalb begleite ich heute einen Tag lang den Fortbildungstag im Feuerwehr & Rettungstraining Center (FRTC) auf dem Gelände des Frankfurter Brandschutz-, Katastrophenschutz- und Rettungsdienstzentrum in Eckenheim.

Bei dem Fortbildungstag heute geht es um nichts weniger als den Umgang mit Einsatzlagen mit einem Massenanfall von Verletzten - die sogenannte MANV-Lage.
Solche Einsatzlagen sind für die eingesetzten Kräfte von Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz eines der herausfordernsten Szenarien. Zum Massenanfall von Verletzten (oder Erkrankten) kommt es beispielsweise bei Zugunglücken (z.B. bei Eschede 1998), bei Massenpaniken (z.B. in Duisburg 2010) oder Bombenanschlägen (z.B. Oktoberfestattentat 1980).
Eine MANV-Lage entsteht allerdings auch schnell schon bei Verkehrsunfällen mit mehreren Fahrzeugen oder etwa einem Reisebus.

Die Einsatzsituation eines Massenanfalls von Verletzten birgt mehrere Herausforderungen gleichzeitig, die in ihrer Gesamtheit schnell zum Chaos führen, wenn nicht vorher klare Konzepte, Kommunikationsstrategien und Absprachen getroffen wurden.
Kernproblem ist zunächst die Überforderung der ersten Rettungskräfte durch die große Zahl an zu behandelnden PatientInnen.
Wichtig sind deshalb das rechtzeitige Erkennen einer MANV-Lage und das Unterscheiden von Einsatzbildern, die mit der normalen Notfallvorhaltung bestritten werden können.

Übungs U-Bahnhof im FRTCGleichzeitig weicht nach dem Ausruf einer MANV-Lage das weitere Vorgehen vom Regelschema ab.
Beim Fortbildungstag heute haben wir eine Einsatzsituation mit zehn Verletzten nach einer unklaren Notbremsung einer U-Bahn trainiert.

Sobald die Besatzung des ersten an der Einsatzstelle eingetroffenen Rettungswagens erkennt, dass es sich um ein Schadenereignis mit bis zu zehn verletzten Personen handelt, verständigt sie über Funk die Zentrale Leitstelle, die daraufhin die Einsatzlage auf MANV 10 erhöht.

Im Einsatzleitrechner sind unter diesem Alarmstichwort nun die dafür zu alarmierenden Einsatzkräfte hinterlegt, die nun automatisch alarmiert werden.
Gleichzeitig wird Voralarm an die Frankfurter Krankenhäuser gegeben, die jetzt ihren Betrieb darauf vorbereiten, schwerverletzte PatientInnen aufzunehmen und zu behandeln.
Mehrere zusätzliche Rettungswagen, HLF-Fahrzeuge der Feuerwehr, Notärzte und Krankentransportwagen sind zeitgleich unterwegs zur Einsatzstelle.

Notarzt bei der SichtungDort sichtet der erste Notarzt mit einem formalisierten Entscheidungsverfahren, der sogenannten Triage, die PatientInnen und bewertet den Behandlungs- und Transportbedarf mit Umhängekarten in den Farben Rot, Gelb und Grün.

Die Farbe Rot steht dabei für die Sichtungskategorien I, die schnellstmögliche ärztliche Behandlung und die höchste Transportpriorität bei PatientInnen mit schwerwiegenden unmittelbar lebensbedrohenden Verletzungen erfordert. Alle, die bewusstlos sind, Atem-, Kreislauf- oder Bewusstseinsstörungen oder starke Schmerzen am Körperstamm aufweisen, werden rot triagiert.

Gelb steht für Verletzte oder Erkrankte, deren Zustand nicht unmittelbar lebensbedrohend ist, die aber umgehend behandelt werden müssen und/oder einen liegenden Transport in die nächste Klinik benötigen, um eine Verschlechterung ihres Zustandes abzuwenden.

VerletztenkarteGrüne Karten bekommen Leichtverletzte, die ohne Hilfe gehen können und nur vergleichsweise geringfügige Verletzungen davon getragen haben. Auch sie müssen betreut werden, können manchmal sogar ambulant behandelt werden oder müssen erst zur späteren Behandlung und zum Ausschluss weiterer, nicht offensichtlicher Verletzungen einer/m ÄrztIn vorgestellt werden.

Die Sichtung ist ärztliche Aufgabe (eine Vorsichtung kann allerdings bereits durch einen zuvor eingetroffenen Rettungsassistenten vorgenommen werden) und berücksichtigt den Schwerergrad der Verletzung, die Dringlichkeit der medizinischen Behandlung und die zur Verfügung stehenden Resourcen. Dabei ist dieses Vorgehen keine neue Erfindung: Schon der russische Chirurg Pirogow wandte das Konzept der "Krankenzerstreuung" im Jahr 1866 nach seinen Erfahrungen im Krimkrieg an. Schon damals war es das Ziel, die vorhandenen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten so effizient wie möglich zu nutzen.

IVENAHeute gilt die gleiche Zielsetzung und die DisponentInnen in der Zentralen Leitstelle versuchen die anfallenden PatientInnen möglichst optimal auf die Kapazitäten der 16 Frankfurter Kliniken oder auch in Krankenhäuser im Umland aufzuteilen.
Unterstützt werden sie dabei heutzutage von webgestützten Plattformen wie IVENA, über die ständig die jeweils verfügbaren Versorgungskapazitäten in den einzelnen Kliniken angezeigt und so möglichst optimal belegt werden können.

Lebensrettende SofortmaßnahmenAn der Einsatzstelle beginnen die eintreffenden Kräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst nach Zuweisung durch den Notarzt mit der Rettung der Verletzten.

Bei den rot Triagierten werden falls notwendig lebensrettende Sofortmaßnahmen durchgeführt wie etwa das Freimachen der Atemwege, das Stoppen starker Blutungen oder die Seitenlage.
Rote, gelbe und grüne PatientInnen werden dann in getrennte Sammelbereiche gebracht, von wo sie entsprechend ihrer festgestellten Transportpriorität in die Kliniken transportiert werden.

In Frankfurt herrscht dabei die vorteilhafte Situation, dass die Besatzungen der Feuerwehr-HLFs alle auch mindestens ausgebildete RettungssanitäterInnen sind. Zusätzlich fährt auf jedem Fahrzeug noch ein/e höher qualifizierte/r RettungsassistentIn mit.
Dadurch verfügt die Feuerwehr Frankfurt gerade in MANV-Lagen über eine hohe Schlagkraft von medizinisch ausgebildetem Personal, die es so in den meisten deutschen Städten nicht gibt.

Mir ist es deshalb sehr wichtig, das bestehende Schutzniveau der Frankfurter Gefahrenabwehr zu halten und auf einem möglichst hohen Niveau festzuschreiben. Einer meiner ersten Anträge nach meiner Wahl in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung war daher der Auftrag an den Magistrat, ein Schutz- und Planungsziel für den Rettungsdienst festzuschreiben.

Derzeit stellt uns das neue Notfallsanitäter-Gesetz vor die schwierige Aufgabe, unsere RettungsassistentInnen zu NotfallsanitäterInnen nachzuqualifizieren, neue NottfallsanitäterInnen auszubilden, aber gleichzeitig auch immer noch genug qualifiziertes Personal im laufenden Betrieb zu halten um unsere guten Standards in der Gefahrenabwehr weiter gewährleisten zu können.
Deshalb habe ich vor kurzem in einem Antrag, der ebenfalls vom Stadtparlament beschlossen wurde, den Magistrat beauftragt, darzustellen, welche personellen und finanziellen Maßnahmen hiefür bei den nächsten Haushaltsberatungen notwenig sind. Die sind 2017.
Bis dahin ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.