Sicherheitspolitische Sommertour 2015 - 2. Tag: Besuch im Hauptquartier der US-Armee in Europa

Eigentlich waren meine Sicherheitspolitischen Sommertouren bislang immer eher Gefahrenabwehrpolitische Sommertouren, denn bislang hat sich die Tour immer um kommunale Sicherheitsinstitutionen gedreht. Wirkliche Sicherheitspolitik, die sich der Definition nach mit Friedenserhaltung, Konfliktverhütung, Krisenbewältigung und Kriegsführung befasst, kam darin noch gar nicht vor.

Mit dem heutigen Tag ändert sich das, denn heute besuche ich das Hauptquartier der US-Armee in Europa (HQ USAREUR) in Wiesbaden. Die Einladung dazu kam sehr überraschend, passt aber natürlich gut in zu meiner Sommertour.

 Während des Kalten Krieges war die US-Army Europe der Gegenpol der NATO zu den Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde USAREUR deutlich verkleinert, entsandte aber auch Truppen zu den Irakkriegen.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen des 2. Weltkrieges wurde das Europa-Hauptquartier der US-Streitkräfte 1947 in Heidelberg wiedergegründet. Und schon 1948 wurde es vor die erste große Herausforderung gestellt als die Sowjetunion am 25. Juni mit der Berlin-Blockade begann. Daraufhin gab der US-General Lucius D. Clay, Chef der US-Besatzungszone und Namensgeber der Wiesbadener Kaserne, den Befehl zur Errichtung einer Luftbrücke zur Versorgung Berlins.

Das Wiesbaden Army Airfield wurde zum Hauptquartier der Versorgungs-Operation und die Hälfte der insgesamt 9000 Tonnen Güter, die auf dem Luftweg in die eingeschlossene Stadt geflogen wurden, startete von hier. Die andere Hälfte wurde über den Frankfurter Flughafen abgewickelt.

Alle Straßen des Wohngebietes auf dem Kasernengelände tragen heute die Namen von Flugzeugbesatzungen, die bei dem Luftbrückeneinsatz ihr Leben verloren.

Am 12. Mai wurde die Blockade Berlins aufgehoben, doch die Ruhe wärte nicht lange, denn mit dem Ausbruch des Koreakriegs steuerte der Kalte Krieg noch weiter in Richtung eines offenen Konfliktes. Die Angst ging um, die Sowjetunion könnte ihre zahlenmäßige Überlegenheit in Deutschland ausnutzen. Die US-Streitkräfte wurden deshalb ab 1951 deutlich mit vier Divisionen zu je 13.500 Soldaten verstärkt - auch mit taktischen Atomwaffen.

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Korea, sank die Anspannung in Europe wieder ein wenig. Doch in der Nacht des 12. August wurden plötzlich alle Grenzübergänge zwischen der sowjetischen und den drei westlichen Besatzungszonen geschlossen und der Bau der Berliner Mauer begann. Als Antwort darauf verlegten die USA soviele Truppen wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr nach Deutschland, so dass im Juni 1962 insgesamt 277.342 Soldaten unter dem Kommando von USAREUR standen. Dieser Truppenrekord sollte danach nie wieder übertroffen werden. Selbst während der Kubakrise gingen die Atomstreitkräfte der US-Armee als einziger amerikanischer Kommandobereich auf der Welt nicht auf die höchste Alramstufe DEFCON 3.  

Nachdem die Welt in jenen Tagen so knapp wie nie zuvor am Abgrund des Atomkrieges entlang geschrammt war, entspannte sich die Lage wieder und die ersten Truppen wurden aus Deutschland abgezogen. Knapp die Hälfte der zurück verlegten 28.000 Soldaten kehrten im folgenden Jahr 1969 noch einmal zum REFORGER I-Manöver zurück nach Deutschland und nutzen die zu diesem Zweck zurück gelassene Materialien und Waffensysteme.

In den 70ern wurde der Eigenschutz der USAREUR-Anlagen und der Militärangehörigen immer wichtiger, denn palästinensische Gruppierungen begannen Anschläge in Europa zu verüben und nahmen bei den Olympischen Spielen 1972 mehrere israelische AthletInnen als Geiseln. Auch die Roten Brigaden und die RAF verübten Bombenattentate auf amerikanische Einrichtungen und unternahmen Mordanschläge und Geiselnahmen auf US-Soldaten. So kamen im Mai 1972 bei mehreren Bombenanschlägen auf das V. Army Corps in Frankfurt ein Oberstleutnant und die Campbell Kasernen in Heidelberg drei Soldaten ums Leben.
Im Jahr 1982 scheiterte eine Anschlag auf den kommandierenden Genral und seine Frau in Heidelberg nur am Kofferraumdeckel seines Wagens, der die auf ihn abgeschossene Rakete ablenkte.
Drei Jahre später wurde ein US-Soldat aus einer Bar gelockt und ermordet, um an seine Ausweispapiere zu gelangen, mit denen sich die Attentäter später Zugang zur Rhein-Main Air Base verschafften und dort eine Bombe legten, die zwei Menschen tötete.
Bei einem weiteren Bombenanschlag 1986 starben in einer Berliner Disco erneut zwei US-Soldaten.

Trotz dieser zusätzlichen Bedrohungen blieb das Hauptaugenmerk des Europa-Hauptquartieres der US-Armee aber auf den Warschauer Pakt gerichtet. Die strategischen Planungen und Manöver hatten weiterhin die Abwehr eines sowjetischen Angriffes zum Ziel. In dieser Zeit hielten mehr als 400 neue Waffensysteme Einzug in das US-Militär: neue Handfeuerwaffen, bessere Verpflegung, die auch heute noch aktuellen Abrams- und Bradley-Panzer, Raketenwerfersysteme, das Patriot-Luftabwehrsystem, der UH-60 Black Hawk-Hubschrauber (in dessen Cockpit ich heute auch mal Platz nehmen konnte) und der AH-64 Apache Kampfhubschrauber.

Auch lagerte man die komplette Bewaffnung und alles andere Equipment für ganze Divisionen in klimatisierten Depots in der Nähe deutscher Flughäfen ein, um im Ernstfall schnell aus den USA eingeflogene Truppen mit diesem Material zusammen zu führen und möglichst schnell aktive Kampfverbände zur Verfügung zu haben. Die dazugehörigen jährlichen REFORGER-Manöver gemeinsam mit den NATO-Verbündeten, in denen diese Abläufe trainiert wurden, waren über Jahre hinweg ein wiederkehrendes Spektakel in Deutschland.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion, der Öffnung der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung begann eine erneute Phase der Umstrukturierung für das USAREUR-Kommando. Die atomaren Mittelstreckenwaffen und Chemiewaffen wurden abgezogen und große Truppenteile verließen Europa.

Nach den Anschlägen des 11. September änderten sich die Anforderungen an die Streitkräfte fundamental. Während der Fokus über viele Jahrzehnte auf Massenarmeen zur Territorialverteidigung lag, trat nun die assymetrische Kriegsführung in den Vordergrund. Neue flexiblere Taktiken und Waffensysteme wurden dazu entwickelt. Die Zeit der großen Kampfpanzer und anderer schwerer Waffen für den konventionellen Landkrieg schien vorüber. Die Systeme wurden außer Dienst genommen oder eingemottet. Gleichzeitig wurden die Militäretats der NATO-Mitgliedstaaten herunter geschraubt, denn eine unmittelbare Bedrohung der NATO-Staaten schien weit weg.

Im März des vergangenen Jahres annektierte Russland jedoch die ukrainische Krim, was zur Krise in der Ukraine führte, die sich heute in Teilen im Osten der Ukraine wiederum zu einem offenen Krieg in der Ukraine mit russischer Intervention auf Seiten der Separatisten entwickelt hat.
In der Folge sehen sich nun auch die baltischen Staaten, Polen und Rumänien in ihrer territorialen Integrität bedroht. Zwar sind alle diese Staaten NATO-Mitglieder und ein Angriff auf sie bedeutet nach Artikel 5 des NATO-Vertrages einen Angriff auf das ganze Bündnis mit der entsprechenden Reaktion. Jedoch zweifeln besonders die baltischen Staaten daran, dass NATO-Mitglieder wie Italien, Griechenland oder die Türkei, die als Mittelmeeranrainer in unmittelbarer Nachbarschaft zu offenen Kriegsgebieten liegen und von der dazugehörigen Flüchtlngswelle überrollt werden, tatsächlich im Falle eines russischen Angriffs eigene Truppenverbände in das 3000 Kilometer entfernte Estland schicken würden.
Entsprechend fordern sie von ihren Bündnispartnern nicht nur Bündniszusagen, sondern tatsächliches Kriegsgerät und Truppen vor Ort. Immerhin kann Russland innerhalb von nur sieben Tagen etwa 40.000 Soldaten zusammenziehen und durch diese enorme Kräftemassierung jede Landesgrenze in Osteuropa beinahe ungehindert überschreiten. Zudem entwickelt Russland mit dem T-14 erneut einen modernen, schweren Kampfpanzer und plant 3.400 Stück davon zu bauen. Die Bundeswehr verfügt über gerade einmal 300 Kampfpanzer.

"Die NATO und damit auch die Vereinigten Staaten, wird Estland verteidigen; sie wird Lettland verteidigen; sie wird Litauen verteidigen; wird alle ihre NATO-Verbündeten verteidigen. Als NATO-Verbündete stehen wir zusammen, wir sind eins", versprach daraufhin Barack Obama. 

 

In der Konsequenz wurde die Operation Atlantic Resolve ins Leben gerufen, mit der die NATO angeführt von den USA ihre Entschlossenheit demonstireren will, den osteuropäischen Verbündeten unbedingt zur Seite zu stehen. Dieses Engagement besteht seit 2014 aus gemeinsamen NATO-Manövern in Estland, Lettland, Litauen Polen, Rumänien und Bulgarien. Gesteuert wird die Operation seitdem durch das Europakommando der US-Armee in Wiesbaden.
Erst im Jahr 2012 war der letzte US-Panzer nach dem Ende des Kalten Krieges aus Deutschland abgezogen worden. 2014 wurden die ersten wieder hierher verlegt.

Bei Atlantic Resolve handelt es sich jedoch nicht nur um gemeinsame Übungen, sondern auch - eine wenig vergleichbar mit den REFORGER-Manövern der 80er Jahre - um das Vorhalten von Material, Munition und Benzin in den baltischen NATO-Staaten, um im Ernstfall innerhalb von fünf bis sieben Tagen aktive Verbände dorthin verlegen zu können. Außerdem sind fast das ganze Jahr über auch Truppen der NATO vor Ort und wechseln sich im Rotationsprinzip ab.
Der US-Armee ist es darüber hinaus möglich in nur 96 Stunden ein ganzes Armeekorps aus den USA nach Europa zu bringen. Sofern das dazugehörige Gerät und Material schon transportbereit verpackt und verladen ist bzw. schon vor Ort eingelagert wurde, sind diese Verbände dann beinahe unmittelbar einsatzbereit.

Erst bei dem Besuch des Hauptquartiers der US-Armee in Wiesbaden wird man sich klar darüber, dass die Krise in der Ukraine nicht so weit weg ist, wie man gerne glauben möchte. Es ist bedrückend zu sehen, dass nur 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges nun Waffensysteme und strategische Konzepte wiederbelebt werden, die eigentlich schon als überholt galten. Dass diese Entwicklung ihren Schwung wieder verliert, ist derzeit nicht abzusehen.
Im Gegenteil: Vor zwei Jahren war es noch undenkbar, dass die NATO noch einmal eine Ostflanke haben würde. Heute hat sie neben dieser Ostflanke auch noch eine Südflanke.


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