Sicherheitspolitische Sommertour 2015 - 3. Tag: Auf Streife mit dem 8. Polizeirevier in Sachsenhausen

Der dritte Tag meiner Sicherheitspolitischen Sommertour war eigentlich eine Nacht. Denn in der vergangenen Nacht bin ich einen Nachtdienst auf dem 8. Polizeirevier in Sachsenhausen mitgefahren. In einer Samstagnacht. In einer Vollmondnacht.
Wer etwas Erfahrung bei der Feuerwehr, der Polizei oder im Rettungsdienst hat, weiß, dass solche Nächte besonderes Potential haben ereignisreich zu werden. Und das ist nicht nur in Frankfurt so. Das galt auch in meiner Zeit als Rettungssanitäterin bei der Bangkoker Notfallrettung. Wenn am Monatsende dort die Gehälter ausgezahlt wurden und das Monatsende auf einen Freitag oder Samstag fiel, war schon am Nachmittag oft Chaos auf den Straßen. Wenn dann auch noch ein Vollmond am Nachthimmel hing, konnte ich zuverlässig am nächsten Tag die Aufnäher von meiner Uniform abtrennen, damit sie beim Blut rausbleichen nicht von dunkelblau nach rosa verfärbten.

In Sachsenhausen braucht es aber kein Monatsende und auch keinen Vollmond um am Wochenende für die Einsatzkräfte der Gefahrenabwehr turbulent zu werden.

Der Revierbereich ist im Norden durch den Main begrenzt, wo am Museumsufer zahlreiche Austellungshäuser und Museen aufgereiht sind. Die südliche Hälfte des Reviers ist Frankfurter Stadtwald, der von kilometerlangen Schneisen durchzogen wird und an die Stadt Neu-Isenburg grenzt. Im Westen schließt der Stadtteil Niederrad und damit der Revierbereich des 10. Polizeirevieres an. Im Osten bildet die Stadtgrenze Offenbach den Abschluss des Zuständigkeitsbereiches des 8. Revieres.

Kriminalitätsschwerpunkt "Dörfchen"

Der für die Sachsenhäuser Polizei arbeitsintensivste Teil ihres Revieres ist sicher das "Dörfchen" oder richtiger: Alt-Sachsenhausen. Die Sachsenhäuser Altstadt, mit kopfsteingepflasterten Gassen und Fachwerkhäusern ist das bekannteste Vergnügungsviertel Frankfurts. Die dort weitverbreiteten Angebote zum Billig-Besäufnis (Schnäpse 1 €) führen wöchentlich zuverlässig wiederkehrend zu vielen Körperverletzungen, Taschendiebstählen und Raubstraftaten. Von den unzähligen Alkoholleichen ganz zu schweigen.

Alt-Sachsenhausen bei TagDie derzeitig am häufigsten verwendete Masche für Trickdiebstähle ist das sogenannte "Antanzen". Dabei werden oft nicht mehr ganz nüchterne Frauen, die ihre Smartphones gut sichtbar und greifbar in der Gesäßtasche stecken haben angetanzt. Diese Ablenkung wird dann ausgenutzt, um während des Tanzens unbemerkt das Handy zu stehlen. Der Trick ist sehr erfolgreich und es sind oft mehrere dieser Trickdiebe gleichzeitig unterwegs. Wenn die Polizei einen der Täter erwischt, findet sie bei ihm nicht selten gleich mehrere Handys, deren Verschwinden die rechtmäßigen Besitzerinnen oft noch nicht einmal bemerkt haben.

Deutlich gefährlicher sind aber die gewalttätigen Auseinandersetzungen. In der alkoholgeschwängerten Atmossphäre langt oft schon ein falscher Blick oder ein vesehentlicher Rempler, um ein enormes Gewaltpotential bis hin zu Messerstecherei frei zu setzen. Oft wird dabei auch die Polizei bewusst als Kontrahent gesucht. Angriffe auf die in Alt-Sachsenhausen eingesetzten PolizeibeamtInnen sind an der Tagesordnung. Jedes Wochenende werden deshalb BeamtInnen von anderen Frankfurter Polizeirevieren zur Verstärkung in Alt-Sachsenhausen eingesetzt. Ohne diese Unterstützung hätten die drei Sachsenhäuser Streifen kaum eine Chance der Lage Herr zu werden.
Nach Mitternacht sind die Alkoholpegel des Party-Publikums so hoch, dass es irgendwann immer zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Dabei gibt es sicherlich auch Leute, die gerade diese Gewalt suchen und sich dort dann ihre Gegner suchen. Ab zwei Uhr nachts rechnen die BeamtInnen erfahrungsgemäß mit gewaltsamen Zuspitzungen. Richtig brenzlig wird es dann noch einmal um fünf Uhr, wenn alle Clubs und Bars schließen und sich alle Betrunkenen beinahe gleichzeitig in den engen Gassen, an den Imbiss- und Taxiständen oder den Tankstellen begegnen. Ohne Reibereien geht das eigentlich nie ganz aus.

Auch ohne körperlich angegriffen zu werden oder Festnahmen durchzuführen ist die Lage für die in Alt-Sachsenhausen eingesetzten BeamtInnen belastend. Nach dem zweiten oder dritten Bier sind viele Leute plötzlich mutig genug auch mal einen frechen Spruch der Polizei gegenüber zu wagen, zu provozieren oder sich mit blöden Ausfragespielchen vor den eigenen Kumpels in Szene zu setzen. Die PolizeibeamtInnen gehen damit erstaunlich routiniert und gelassen um und antworten sogar oft noch freundlich. Ich habe gestern ja auch eine Schutzweste mit der Aufschrift "POLIZEI" getragen und wurde ebenfalls mehrmals mit dummen Sprüchen angequatscht, was mir sofort unangenehm war und bei dem latent aggressiven Auftreten besonders der Männer schnell ein Gefühl der Bedrängnis hervorrief.

Schlag auf Schlag

Schon wenige Minuten nach meinem "Dienstantritt" auf dem Revier um 19 Uhr abends wurde klar, dass die Schlagzahl und das Tempo dort deutlich höher als bei Feuerwehr und Rettungsdienst ist und es hier um Multi-Tasking in Reinstform geht. Als ich dort ankam, saß schon ein mutmaßlicher Ladendieb in der Präsenzzelle, ein in in einem Fall häuslicher Gewalt Beschuldigter im Zellentrakt. Vor der Tür saßen BürgerInnen, die Diebstahlsanzeigen aufgeben wollten, gleichzeitig klingelte ständig das Telefon, weil sich BürgerInnen über vermeintlich unangemeldete Veranstaltungen oder Ruhestörungen beschwerten.

Auch ich bekam meine eigene Schutzweste, die allerdings offenbar eher "besser als nichts" ist als wirklich zuverlässiger Schutz. Messerstiche und Geschosse von 9 mm oder Kaliber 38 halten sie noch ab. Alles darüber wird aber gefährlich und ohnehin decken die Westen den Oberkörper nur sehr unvollständig ab. Dafür sind sie sehr praktisch um das Funkgerät und andere Ausrüstungsgegenstände daran zu befestigen. Immerhin.

Haftzellen und Erkennungsdienst

Unser erster Einsatzauftrag war die Überstellung des mutmaßlichen Ladendiebes in die Haftzellen des Frankfurter Polizeipräsidiums mit dem Funkstreifenwagen, Modell Opel Insignia. Das Fahrzeug war vor einigen Jahren in die Kritik geraten, weil die Sitze für den Funktionsgürtel mit all den Ausrüstungsgegenständen der BeamtInnen zu schmal seien und die Heckscheibe zu klein. Ob das stimmt konnte ich heute Nacht mangels Funktionsgürtel nicht beurteilen. Aber der Wagen liegt auch bei hohen Geschwindigkeiten sehr gut in der Kurve...aber dazu komme ich noch.
Die Übergabe des Probanden war unspektakulär und bei der Leibesvisitation war ich selbstverständlich weit weg.

SymbolbildAuch unsere nächste Fahrt war eine Überstellung vom 8. Polizeirevier zum Polizeipräsidium jedoch nur zur erkennungsdienstlichen Behandlung. Dabei werden Fotos aus unterschiedlicher Perspektive aufgenommen und die wesentlichen aber auch viele unscheinbare Körpermerkmale notiert. Es ist erstaunlich, wie oberflächlich man die meisten Menschen betrachtet und wie viele bezeichnende Merkmale das geschulte Auge dann findet.

Eine dritte Fahrt hatte den Zweck, einen gefundenen Personalausweis seinem Besitzer wieder zurück zu geben, der allerdings nicht zu Hause war, so dass wir unverichteter Dinge wieder abzogen.

Unterwegs mit der Feuerwehr

SymbolbildNach diesen ersten entspannten Fahrten bei normaler Fahrt, wurde schnell klar, dass die Eingewöhnungsphase nun rum ist, denn alle anderen Einsatzfahrten wurden fortan von Blaulicht und Einsatzhorn untermalt und verliefen deutlich zackiger.
Der erste Auftrag war ein Fahrzeugbrand, bei dem im Süden des Revierbereiches ein Auto in Vollbrand stand. Als sich über Funk aber abzeichnete, dass die Lage dort unter Kontrolle und andere Kräfte auf der Anfahrt waren, brachen wir die Fahrt dorthin ab und übernahmen die Suche nach gemeldetem Brandrauch in Oberrad zu dem auch die Berufsfeuerwehr der Feuerwache 4 unterwegs war. Nachdem wir aber die Kräuterfelder Oberrads abgefahren hatten und nirgendwo Rauch am Himmel stand und nur leichter Grillgeruch wahrnehmbar war, brachen wir auch diese Einsatzfahrt ab.

Auf dem Weg zurück zum Revier ereilte uns dann ein dritter Einsatzauftrag, der uns zur Unterstützung der Feuerwehr bei der Türöffnung einer Wohnung schickte. Bei unserem Eintreffen stand die Tür schon offen, denn die Feuerwehr verfügt über ganz ausgefuchste Techniken, um Türen auch ohne große Beschädigungen öffnen zu können. In der Wohnung hatte ein Brandmelder ohne erkennbaren Grund Alarm ausgelöst und weil er mit anderen Brandmeldern im Haus vernetzt war, hatte es wohl im ganzen Haus gepiepst. Die Tür wurde wieder zugezogen und die Rückfahrt zum Revier angetreten.

Wohnungsstürmung

SymbolbildWaren die letzten Einsätze wegen der schneidigen Alarmfahrten schon so "Medium" gewesen, erreichten sie jetzt zumindest auf meiner Skala das Level "Intensiv".
Die nächste Alarmfahrt war zu einem Fall von häuslicher Gewalt. Unser Wagen traf zuerst ein. In einer Wohnung war reichlich Alkohol getrunken worden, der Hausherr hatte eine Machete gezückt, seine Gäste damit bedroht und seine Frau geschlagen. Die war mit ihren FreundInnen dann aus der Wohnung geflüchtet. Der angehende Schwertkämpfer war aber vielleicht noch mit einer anderen Person in der Wohnung, die Situation dort völlig unklar.

Bei solchen Lagen gehen dann nicht mehr die regulären Streifenbesatzungen in die Wohnung, sondern dann kommt in Frankfurt das Überfallkommando, das über die entsprechende Personalstärke und das für solche besonders gefährlichen Einsätze nötige Material verfügt. Ich hatte immer den Verdacht, dass die Hollywood-Tontechniker nur Effekthascherei betreiben würden. Aber seit gestern Nacht weiß ich, dass sich Maschinenpistolen auch in echt so anhören, wenn sie durchgeladen werden.
Als dann das Einsatzteam so voll ausgerüstet mit Helmen, Schild und Ramme vor der Tür stand, machte ich mir schon große Sorgen, wie wohl die nächsten zwei Minuten verlaufen würden. Solche Situationen sind unglaublich gefährlich, denn wenn hinter der Tür tatsächlich jemand mit einem Buschmesser auf die Polizisten losgeht, haben die im Grunde keine Wahl mehr, wie sie darauf reagieren können. Ich habe in meiner Zeit beim Rettungsdienst von Bangkok genug Tragödien mitbekommen und ich will wirklich keiner weiteren mehr beiwohnen.
Als dann die Ramme dumpf gegen die Tür schlug, "Polizei!" geschrien wurde und die Lichtkegel innen von Fenster zu Fenster tanzten, fürchtet ich in jeder Sekunde Schüsse zu hören. Aber kurz darauf wurde das letzte Fenster aufgestoßen. Niemand da. Die Machete wurde gesichert. Der Beschuldigte war offenbar schon vor unserem Eintreffen geflüchtet.

Papierkrieg

SymbolbildNachdem dieser Einsatz so glimpflich abgeschlossen war, fuhren wir zurück auf das Revier, wohin unterdessen mehrere aus dem Maghreb stammende Männer gebracht worden waren, die man in Alt-Sachsenhausen aufgegriffen hatte. Alle hatten keine Papiere bei sich, sondern lediglich ein verknittertes Blatt Papier, das sie als in anderen Städten oder sogar anderen Bundesländern gemeldete Asylbewerber auswies. Keiner der Männer sollte sich demnach in Frankfurt aufhalten. Um die Angaben auf den mitgeführten Schriftstücken zu überprüfen waren dann aufwändige Recherchen nötig. Selbstverständlich ist in einer Samstagnacht keine Ausländerbehörde in NRW zu erreichen und bei Anruf der angegebenen Notfallnummer belehrte eine Stimme vom Band, dass man außerhalb der Öffnungszeiten anrufe.

Über viele Umwege gelang es dann Schritt für Schritt zu Ergebnissen zu kommen. Vor dem Hintergrund der steigenden Zahl der AsybewerberInnen wird man in Zukunft noch mehr in die Kommunikations- und Informationsnetzwerke für diesen Bereich investieren müssen, wenn die Polizei nicht künftig fast nur noch mit der Klärung von Wohnsitzen und Aufenthaltsstatus beschäftigt werden soll. Und natürlich will die Polizei auch nicht einfach geflüchtete Menschen in eine Zelle sperren, nur weil das Ausländeramt nicht ans Telefon geht und sich kein Wohnsitz feststellen lässt.

Einen weiteren Mann mit festem Wohnsitz, der aber etwas zu tief ins Glas geschaut, sich dann in Alt-Sachsenhausen entsprechend ungebührlich verhalten hatte und den von der Polizei daraufhin erteilten Platzverweisen wiederholt nicht nachgekommen war, fuhren wir dann, nachdem er wieder etwas nüchterner war, in das so genannte Verbringungsgewahrsam auf die andere Mainseite und dort zur Bahnhofsmission, wo er bei heißem Tee an seiner Ausnüchterrung weiterarbeiten konnte.

Hoher persönlicher Einsatz

SymbolbildJust in dem Moment, in dem unser Passagier unseren Streifenwagen verließ, kam ein Hilferuf eines Beamten in Alt-Sachsenhausen über Funk. Dort war gerade eine Messerstecherei in Gange, der Täter immer noch mit dem Messer bewaffnet. Mit höchstmöglicher Geschwindigkeit donnerten wir mit Blaulicht und Martinshorn nach Alt-Sachsenhausen, denn in solchen Minuten zählt tatsächlich jede Sekunde - und das ist in diesem Fall nicht als Floskel gemeint. 
Ich kenne die Situationen, in denen man vor einem brennenden Gebäude oder Auto steht und die 400 Sekunden bis zum Eintreffen der Feuerwehr sich anfühlen wie eine halbe Stunde. Oder wenn sich Patienten vor Schmerzen winden und der nachgeforderte Notarzt noch fünf Minuten braucht. In einer Situation, wo bewaffnete Menschen die Hemmschwelle andere Menschen lebensgefährlich zu verletzen bereits hinter sich gelassen haben, zählt tatsächlich jede Sekunde. In wenigen Augenblicken können irreversible Verletzungen beigebracht werden und großes Leid entstehen.

Wenn also so ein Hilferuf über Funk kommt, dann ist für alle PolizistInnen in der Nähe klar, dass hier sofort unterstützt werden muss, weil eben die eigenen Kollegen die einzige Rückfallebene sind. Danach kommt niemand mehr, der hilft.
In einer entsprechend rasanten Alarmfahrt donnerten wir auf die südliche Mainseite, beim Aussteigen stanken die Bremsen des Streifenwagens und wir rannten zum Tatort.
Ein Mann war durch das Messer verletzt worden, jedoch nicht lebensgefährlich. Der bewaffnete Angreifer war durch einen Polizisten nur unter Verwendung des Schlagstocks und des Diensthundes überwältigt worden. Das ist bemerkenswert, denn die Bedrohungslage war offenkundig und bei anderen Polizeien andernorts wäre ohne Zweifel geschossen worden. Sich als Polizist einem bewaffneten Täter statt dessen mit dem Schlagstock zu stellen, erfordert einen kühlen Kopf und hohen persönlichen Einsatz.

Auf Streife - endlich

Nachdem die Lage in Alt-Sachsenhausen so entschärft worden war und der Täter festgenommen werden konnte, ging es für uns wieder zurück auf das Revier und von dort das erste Mal in dieser Nacht auf Streife. In den Stunden zuvor, waren wir ständig von einem Einsatzauftrag zum nächsten gejagt und waren oft mit mehreren Fällen gleichzeitig belegt. Die Aussicht nach dem Einsatz auch den dazugehörigen Bericht schreiben zu können, bestand schon ganz früh am Abend nicht mehr, weil ständig neue Aufträge zu erledigen waren. 
Ich habe schon in der ersten halben Stunde gemerkt, dass dem Revier mindestens vier oder sechs BeamtInnen fehlen, um eine realistische Chance zu haben auch an diesem Samstagabend "vor die Lage" zu kommen, also die Fälle ohne Unterbrechungen zu bearbeiten, Reserven zu haben, sich auf bevorstehende, vorhersehbare Einsätze vorzubereiten und auch präventive Polizeiarbeit zum Beispiel eben durch Streifenfahrten zu leisten.

Hier rächt sich die Sparpolitik der letzten Jahre. In Hessen werden 150 Tarifbeschäftigte bei der Polizei abgebaut, die Wochenarbeitszeit ist die höchte in Deutschland. Beim Besoldungsranking liegt die hessische Polizei auf dem vorletzten Platz und obwohl sie Beamten sind, erhalten hessische PolizistInnen nur 50 Prozent der Heilfürsorge.
Den Polizeiberuf in Hessen noch dazu in einer Großstadt wie Frankfurt auszuüben ist also so unattraktiv wie in kaum einem anderen Bundesland.

SymbolbildMit diesem schlechten Jobangebot hat die hessische Polizei aber kaum eine Chance im Konkurrenzkampf um die jungen AbiturientInnen, die für den Polizeiberuf geeignet sind. Denn auch die Privatwirtschaft sucht händerringend nach qualifiziertem Nachwuchs, bietet dabei aber deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten und einen geordneten Arbeitsalltag. Auch die Polizeien in anderen Bundesländern sind in vielen Bereichen attraktivere Arbeitgeber als das Land Hessen. Dort werden günstige Unterkünfte gestellt, es gibt freie Heilfürsorge, besseres Gehalt und höherwertige Ausrüstung.

Wie sehr die hessische Polizei hier bereits ins Hintertreffen geraten ist, lässt sich an den Zahlen ablesen: Im Jahr 2011 bewarben sich noch 6164 junge Menschen bei der Hessischen Polizeiakademie. In diesem Jahr sind es gerade noch 5263 BewerberInnen.
Der Personalmangel dürfte sich in den nächsten fünf Jahren noch zusätzlich verschärfen, wenn sukzessive die geburtenstarken Jahrgänge bei der Polizei in Pension gehen. Schon jetzt haben sich 3,2 Millionen Arbeitsstunden aufgehäuft, die einzelnen BeamtInnen schieben Hunderte Überstunden vor sich her und haben manchmal über viele Wochen hintereinander kein Wochenende frei.  

Es ist aus vielen Bereichen der Arbeitswelt bekannt und belegt, dass solche hohen Arbeitsüberlastungen irgendwann ihren Tribut fordern und zu hohen Krankenständen und vorzeitigem Ausscheiden aus dem Dienst führen. Die Arbeit wird dadurch jedoch nicht weniger, sondern muss von den übrig gebliebenen KollegInnen dann mit übernommen werden, was noch höhere Arbeitsbelastungen nach sich zieht. Ein Teufelskreis, der nur durch entschieden höhere Investitionen in alle Bereiche des Polizeiberufs rechtzeitig durchbrochen werden kann.
Dazu gibt es keine Alternative, denn bei der Polizei gibt es keine Rückfallebene, wie in anderen Bereichen der Gefahrenabwehr. Sowohl die Feuerwehr als auch der Rettungsdienst verfügen mit den Freiwilligen Feuerwehren und den Hilfsorganisationen über große personelle und materielle Resourcen, die im Bedarfsfall problemlos aktiviert werden können.

Wenn aber die Polizei irgendwann so ausgedünnt ist, dass sie nicht mehr in einer Notlage kommen kann, dann kommt niemand mehr. Doch fehlende Sicherheit trifft vor allem die Schwachen unserer Gesellschaft. Die Gewährleistung von Sicherheit und Schutz der Menschen durch die Polizei ist also auch eine Frage gesellschaftlicher Gerechtigkeit und der Daseinsvorsorge.

Lippenbekenntnisse und Augenwischerei helfen hier nicht weiter. Statt eines freiwlligen Polizeidienstes, der manchmal der Polizei mehr Arbeit schafft, als er ihr abnimmt, müssen wir uns dafür einsetzen die Frankfurter Stadtpolizei in die Lage zu versetzen, die Landespolizei zu allen Tageszeiten effektiv im Bereich der Ordnungswidrigkeiten so weit wie möglich zu entlasten.
Auch höhere Strafandrohungen und eine Ausweitung der Videoüberwachung können niemals die Präventions- und Aufklärungsarbeit einer/s PolizeibeamtIn ersetzen. Es ist also Augenwischerei, diese Maßnahmen als eine Verbesserung der Sicherheit anzupreisen, wenn gleichzeitig nichts gegen den Personalmangel und die vielfältigen Nachteile für die PolizeibeamtInnen getan wird.

Das einzig wirklich wirksame Mittel zur Verhinderung und Aufklärung von Straftaten ist eine gut ausgebildete, personell ausreichend ausgestattete, gut ausgerüstete und fair bezahlte Polizei.
Darauf kommt es an und dafür müssen wir uns stark machen.


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