Jessica-Purkhardt.de

Auf der Hotelterrasse in Myanmars heimlicher Hauptstadt Yangon, wo ich diese Zeilen tippe, säße ich nicht, hätte ich nicht vor mehreren Jahren den Entschluss gefasst, den Jahreswechsel nicht mehr in Deutschland zu begehen. Nicht, weil ich nicht gerne mit meinen Freundinnen und Freunden feiern würde. Im Gegenteil.
Die Endzeitstimmung, die sich aber am 31. Dezember breit macht, ist für mich einfach überhaupt nicht geeignet, zufrieden auf das zurückliegende und erwartungsvoll auf das neue Jahr zu blicken.
Wenn Frankfurt am Silvestertag schon am Morgen von Böllerschlägen geweckt wird, den Tag unablässig Feuerwehrsirenen zu hören sind, die zu mit Feuerwerkskörpern in Brand gesteckten Mülltonnen fahren und wenn nach Einbruch der Dunkelheit das Krachen und die Detonationen in ein ununterbrochenes Donnern übergehen, dann ist es schwer, in Feierlaune zu kommen. Der Instinkt signalisiert bei diesen Vorzeichen vielmehr, dass etwas Schlimmes bevorsteht.

Der Reiz von Verfall und Zerstörung

In der Frankfurter Innenstadt stehen abends Betonpoller und ein Großaufgebot der Polizei; viele davon mit Maschinenpistolen. Zum Jahreswechsel um 0 Uhr brennen in vielen kleinen Straßen in der Innenstadt die Lungen vom Pulverdampf und es ist manchmal zu gefährlich die Straße entlang zu laufen, ohne von achtlos geworfenen Böllern und Feuerwerk in Mitleidenschaft gezogen zu werden.
Man muss den Reiz von Verfall und Zerstörung mögen, um diese Szenerie als besinnlich und einladend zu empfinden.

Das Vajira-Rescue-Team 21 - Ich in der MitteMich erinnern diese Rahmenbedingungen zusätzlich sehr an die schweren Zusammenstöße zwischen den Anhängern der sogenannten Rothemden und Gelbhemden in Bangkok vor zehn Jahren. Damals unterstützte ich dort ehrenamtlich den dortigen Vajira-Rettungsdienst. Die Geräuschkulisse war die gleiche. Nur stammten das Krachen von automatischen Gewehren und die Donnerschläge von M79-Granaten, die von Longtail-Booten vom Fluss in die Stadt oder von der Polizei in die Menschenmenge geschossen wurden.

Über hundert Rettungswagen und noch mehr First-Responder-Motorräder standen eines Abends im Bereitstellungsraum am Rama V-Denkmal aufgereiht und der Bangkoker Gouverneur fuhr in einem gepanzerten Humvee-Fahrzeug die Reihen ab und dankte den einzelnen Einheiten für den bevorstehenden schweren Einsatz unter den gefährlichen Bedingungen, was man allgemein erwartete.
Auch mir schüttelte er die Hand, während in der Ferne Krachen zu hören war.

Es kam zumindest an dem Abend nicht so furchtbar, wie es einige Monate später geschah. Doch die Abgrundstimmung ging nicht vergessen und begegnete mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland an jedem Silvesterabend wieder.

Das Feuerwerk des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt

Von mir aus darf jeder achtmal in der Woche Schweinebraten essen, mit dem Flieger von Köln nach Düsseldorf reisen, mit 240 Stundenkilometern auf der Autobahn das Risiko eingehen, an einem Brückenpfeiler zu zerschellen oder aber mit Amateurfeuerwerk die Unversehrtheit des eigenen Körpers gefährden.
Vernünftig ist nichts davon und auch nicht ohne erhebliche negative Konsequenzen für andere.
Glücklicherweise verlangt niemand von mir, über ein Verbot von Feuerwerk zu sprechen und weil meine Profilneurose diesbezüglich unterentwickelt ist, lasse ich es.

Meine Arbeit als Journalistin macht es möglich und gelegentlich nötig, dass ich ins Ausland reise. Ich habe es nicht einmal bereut, diese Reisen auf den Jahresbeginn zu legen. Dort, wo ich hinfahre und was ich dort tue, ist zugegebenermaßen auch nicht immer so ohne.
Aber zum einen entscheide ich selbst darüber. Zum anderen ist bei allen Risiken, die Gefahr von einer Silvesterrakete getroffen zu werden die geringste.
Gestern Nacht habe ich trotzdem ein schönes, farbenfrohes und sicheres Feuerwerk in Yangon gesehen. Es wird hier von den großen Hotels veranstaltet.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich heute gefragt, wie der Neujahrs-Nachthimmel wohl in Frankfurt aussehen könnte, wenn man auf individuelles Böllern verzichtete und so das ganze Geld einsparte, dass die Frankfurter Stadtreinigung für die Entsorgung des Silvestermülls auf den Straßen aufwendet aber dafür zentral ein Feuerwerk auf den Mainbrücken veranstaltete.
Ich stelle es mir schön vor.

Die Tatsache, dass trotzdem viele jedes Jahr selbst Donner-, Funken und Feuerspektakel veranstalten, bedeutet aber wohl, dass es nicht allein um einen schön erleuchteten Nachthimmel geht.
Ziemlich sicher ist es auch der Spaß am Unfug. Noch urzeitlicher interpretiert ist es wahrscheinlich schlichtweg die Freude an der Beherrschung des Feuers. Das ist legitim, denn es begeisterte auch unsere Vorfahren vor über 800.000 Jahren als Phase der Menschwerdung.

Nur waren sie damals dabei halt nicht betrunken.

Mein guter Vorsatz fürs neue Jahr.
Ein schönes 2020 euch allen.

Dont wash your feet in the toilet

 

Salat entweder aus drei Monate unter der Erde vergorenen Teeblättern, mit "majestätischen" Hühnerfüßen oder Baumrinde.
Dazu gibt's saure Wurst.
Myanmar ist ein kulinarisches Paralleluniversum.

Die neue Trend-Unart im internationalen Reiseverkehr, die so ordinär wie bequem ist: Auf Fernflügen Yoga-Leggins tragen.
Immerhin geht die Sicherheitskontrolle am Flughafen bestimmt schneller, weil von außen schon mit dem bloßen Auge mehr zu sehen ist als mit dem Nacktscanner.

Fische Schild Bangkok Peace ParkFische rein tun ist verboten. Fische raus holen auch. Einfach ma' so lassen.

 

Im ICE per App eingecheckt und mich deshalb nicht gemeldet, als die Zugbegleiterin nach neu Zugestiegenen fragte.
Seitdem wirft mir meine Sitznachbarin vorwurfsvolle Blicke zu.

ICE Zug Bahn Zürich Kiel web

 

Telefon klingelt, aber nur Rauschen am anderen Ende. Trotzdem glüht mir jetzt das Ohr.

Telefon Fön web

 

Wegen "besetzter Gleise in Spandau" wird es mal wieder knapp. Aber die DDR-Läuferin Marlies Göhr schaffte die 100 Meter 1983 in 10,81 Sekunden. Langt also locker.Umstiegszeit

Da vorne sehe ich das Viertelrund eines Döners alu-silbern glitzern, schräg gegenüber wird das erste hartgekochte Ei gepellt und nach Hausmacher Wurst roch es schon beim Einsteigen. Der ICE Berlin-Frankurt ist heute noch mehr als sonst eine olfaktorische Provokation.

"Moment, ich muss mal helfen", sagt der Geschäftsmann in sein Handy und legt es weg, um einer Frau den Kinderwagen in den Waggon zu wuchten.
Im Hintergrund joggt ein Dutzend Ärzte und Ersthelfer zu einem durchgesagten Notfall in Wagen 27.
Mit meinem Helfersyndrom bin ich im ICE heute nicht allein.