Wie ich mich beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiere – und warum aus einem ersten freiwilligen Einsatz eine immer größere Aufgabe geworden ist.
Mein Engagement beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge begann mit einem freiwilligen Arbeitseinsatz in Masuren. Was zunächst eine Mischung aus historischem Interesse, Reiselust und der Bereitschaft war, praktisch mit anzupacken, ist inzwischen zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Heute fahre ich nicht nur als Teilnehmerin zu Pflegeeinsätzen auf Kriegsgräberstätten, sondern leite solche Gruppen ehrenamtlich selbst und habe mich zusätzlich für den Umbettungsdienst weiterqualifiziert.
Der Anfang in Masuren
Mein erster freiwilliger Arbeitseinsatz führte mich nach Masuren. Ich hatte schon damals mehrere gute Voraussetzungen für diese Form des Engagements: eine Berufsausbildung im Bauhandwerk, Freude an handwerklicher Arbeit, Interesse an deutscher Zeitgeschichte, Neugier auf andere Länder und Kulturen in Europa – und die Bereitschaft, mich in ein Team einzubringen.
Körperliche Arbeit schreckt mich nicht ab. Im Gegenteil: Ich arbeite gern mit den Händen, sehe gern am Ende eines Tages, was geschafft wurde, und weiß, dass gerade auf Kriegsgräberstätten viele Arbeiten ganz praktisch erledigt werden müssen. Wege werden freigelegt, Steine gerichtet, Inschriften gereinigt, Mauern ausgebessert, Metallkreuze gepflegt und Flächen instand gehalten. Es sind oft einfache, aber notwendige Arbeiten. Und gerade diese sichtbare, konkrete Arbeit macht für mich einen großen Teil der Sinnhaftigkeit aus.
Orte abseits der touristischen Wege
Wer bei einem freiwilligen Arbeitseinsatz des Volksbundes mitfährt, kommt häufig an Orte, die man als Touristin sonst kaum besuchen würde. Viele deutsche Kriegsgräberstätten im Ausland liegen nicht an den bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern abseits, im Hinterland oder an Orten, die schwer zugänglich sind.
Gerade dort wird Geschichte greifbar. Man steht nicht vor abstrakten Zahlen, sondern an konkreten Orten, an denen Krieg, Gewalt, Tod, Verlust und Erinnerung bis heute Spuren hinterlassen haben. Viele dieser Friedhöfe liegen in Ländern, in denen die Wehrmacht als Invasor und Besatzer aufgetreten ist. Dort ehrenamtlich zu arbeiten, verlangt Sensibilität. Es geht nicht um Heldengedenken, sondern um Würde für die Toten, um Verantwortung gegenüber der Geschichte und um Begegnung mit den Menschen, die heute in diesen Ländern leben.
Engagement, das Zeit, Kraft und Geld kostet
Für die freiwilligen Arbeitseinsätze braucht es Interesse, Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen. Vor allem aber braucht es ein großes Maß an Altruismus. Denn man gibt nicht nur Freizeit, sondern trägt mit einer Teilnahmegebühr auch einen Teil der Kosten selbst. Diese Einsätze sind aufwendig, und der Volksbund könnte sie in dieser Form nicht allein finanzieren.
Für mich ist das dennoch gut eingesetzte Zeit und gut eingesetztes Geld. Ich komme an Orte, an die ich sonst nie gekommen wäre. Ich begegne Menschen, die ich sonst nie getroffen hätte. Und ich lerne Europa nicht aus der Perspektive von Reiseführern kennen, sondern über seine Geschichte, seine Brüche und seine Erinnerungsorte.
Der Schritt in die Teamleitung
Aus der Teilnahme an Arbeitseinsätzen wurde später mehr. Irgendwann wurden neue ehrenamtliche Leitungskräfte gesucht – Menschen, die solche Pflegeeinsätze vor Ort anleiten, organisieren und begleiten. Dass ich dafür ausgewählt wurde, habe ich als große Ehre und Anerkennung empfunden.
Eine Gruppe zu leiten bedeutet deutlich mehr, als Arbeit einzuteilen. Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, unterschiedliche Erwartungen aufzufangen, für eine gute Arbeitsatmosphäre zu sorgen, das Tagesprogramm im Blick zu behalten, Probleme zu lösen und am Ende möglichst allen ein zufriedenstellendes gemeinsames Erlebnis zu ermöglichen.
Ich freue mich sehr darüber, dass ich von den Gruppen, mit denen ich bisher unter anderem in Tschechien, Lettland, Frankreich und den Niederlanden unterwegs war, viel positive Rückmeldung bekommen habe. Das bestärkt mich darin, diese Aufgabe weiter zu übernehmen. Für mich ist ein gelungener Arbeitseinsatz nicht nur dann gelungen, wenn die geplanten Arbeiten erledigt sind. Er ist gelungen, wenn die Teilnehmenden spüren, dass sie gemeinsam etwas Sinnvolles getan haben – und wenn aus einer Gruppe von Einzelpersonen für einige Tage ein echtes Team wird.
Weiterqualifizierung im Umbettungsdienst
Später bot sich die Gelegenheit, mich auch als Freiwillige im Umbettungsdienst des Volksbundes weiterzuqualifizieren. Dieser Bereich ist noch einmal eine ganz andere Form der Kriegsgräberfürsorge.
Der Umbettungsdienst sucht und überprüft Grablagen deutscher Kriegstoter, die oft Jahrzehnte lang unbekannt, vergessen, zerstört, überbaut oder nur unvollständig dokumentiert waren. Wenn möglich, werden die Gebeine geborgen, dokumentiert, identifiziert und anschließend auf würdigen Kriegsgräberstätten beigesetzt.
Diese Arbeit ist körperlich und emotional anspruchsvoll. Sie verlangt Genauigkeit, Ausdauer, Respekt und innere Stabilität. Man arbeitet nicht mit Geschichte als Text im Buch, sondern mit den materiellen Spuren eines Krieges, der bis heute nicht abgeschlossen ist, solange Menschen vermisst werden und Angehörige keine Gewissheit haben. Jede geborgene Erkennungsmarke, jeder persönliche Gegenstand, jede dokumentierte Grablage kann ein kleines Stück eines lange offenen Schicksals klären.
Pflege und Bergung gehören zusammen
Für mich ist der Umbettungsdienst eine konsequente Fortsetzung meiner Arbeit auf den Kriegsgräberstätten. Bei den Pflegeeinsätzen kümmern wir uns um die Orte, an denen Kriegstote bereits würdig bestattet sind. Im Umbettungsdienst geht es darum, Menschen überhaupt erst dorthin zu bringen: aus vergessenen Feldgräbern, aus provisorischen Grablagen, aus Orten, an denen sie über Jahrzehnte namenlos lagen.
Beides gehört zusammen. Kriegsgräberfürsorge bedeutet nicht nur, bestehende Friedhöfe zu pflegen. Sie bedeutet auch, nach den Vermissten zu suchen, Schicksale zu klären, Tote zu bergen und ihnen eine würdige Ruhestätte zu geben.
Ich merke auch, dass meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen davon profitieren, dass ich inzwischen mehr Hintergrundwissen über diese Bergungs- und Umbettungsarbeit mitbringe. Ich kann besser erklären, warum Kriegsgräberstätten nicht nur historische Orte sind, sondern bis heute Teil einer aktiven humanitären Aufgabe. Diese Friedhöfe sind Orte der Dokumentation, der Würde, der Angehörigenarbeit und der Erinnerung.
Was mir diese Arbeit gibt
Mich persönlich bereichert diese Arbeit sehr. Nicht, weil sie leicht wäre – das ist sie nicht. Man braucht Engagement, Durchhaltewillen und Zähigkeit. Man muss bereit sein, bei Hitze, Regen, Kälte, Schmutz und körperlicher Anstrengung weiterzumachen. Man muss sich auch innerlich darauf einlassen, dass man an Orten arbeitet, an denen deutsche Geschichte nicht als harmlose Vergangenheit erscheint, sondern als Geschichte von Krieg, Besatzung, Schuld, Leid und Verlust.
Gerade deshalb ist mir diese Arbeit wichtig. Immer wieder erlebe ich, dass aus diesem Engagement etwas Verbindendes entstehen kann. Ein Krieg, der so viel getrennt, zerstört und vergiftet hat, führt an diesen Orten manchmal zu Gesprächen, zu gegenseitigem Respekt und zu gemeinsamen Momenten des Erinnerns.

Das ist für mich der eigentliche Wert dieses Engagements: nicht nur Gräber zu pflegen, sondern Brücken zu bauen – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Deutschland und seinen europäischen Nachbarn, zwischen den Toten und den Lebenden.
Darum engagiere ich mich beim Volksbund. Es ist anstrengend, es kostet Zeit, Kraft und Geld. Aber es gibt mir viel zurück: Begegnungen, Erfahrungen, Wissen, Demut und das Gefühl, an einer Aufgabe mitzuwirken, die auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch notwendig ist.