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Reisetagebuch

Tahuata: Captain Bligh

Ein Banjo über dem Meer, ein Boot auf dem Rückweg und ein Mann, der mehr über die Welt verstanden hat als viele Bücher. Auf den Marquesas wird Zeit plötzlich greifbar – und Geschichte persönlich.

Der Tag beginnt mit einem Klang, der ihn zusammenhält.
Der Gesang von Captain Bly, begleitet von seinem Banjo. Und darunter das gleichmäßige, beruhigende Brummen unseres Bootsmotors auf der Rückfahrt von der Insel Tahuata nach Hiva Oa. Zwei Geräusche, die sich nicht stören, sondern ergänzen – wie Gegenwart und Vergangenheit.

Ich bin auf den Marquesas unterwegs, weil ich einer alten Spur folge. Der Spur des jungen Deutschen Georg Forster, der mit Captain Cook auf der HMS Resolution um die Welt reiste. Seine Texte begleiten mich wie ein Reiseführer, der 250 Jahre alt ist – und dennoch erstaunlich präzise funktioniert. Ich suche die Orte auf, die er beschrieben hat, vergleiche Worte mit Landschaften, Gedanken mit dem, was geblieben ist.

Diese Reise hat mich bewusst auf die Marquesas geführt. Und heute auf Tahuata, die kleine Nachbarinsel von Hiva Oa. Es ist die einzige Insel der Marquesas, die die Besatzung der Resolution damals tatsächlich betreten hat. Heute leben hier rund 600 Menschen, verteilt auf vier Dörfer. Zu Cooks Zeiten müssen es Zehntausende gewesen sein.

Captain Bly spielt Banjo an Bord des Bootes – Musik, Meer und Gelassenheit auf dem Weg zurück von Tahuata nach Hiva Oa.
Captain Bligh spielt Banjo an Bord des Bootes – Musik, Meer und Gelassenheit auf dem Weg zurück von Tahuata nach Hiva Oa.

Wer sich auf die Spuren des historischen Polynesiens begibt, kommt an einer schmerzhaften Wahrheit nicht vorbei: Auf vielen Inseln starben nach dem Kontakt mit Europa bis zu 95 Prozent der Bevölkerung – durch eingeschleppte Krankheiten. Diese Leerstelle ist bis heute spürbar. Nicht laut, nicht erklärend, sondern still. Und genau deshalb so eindringlich.

Das eigentliche Zentrum dieses Tages ist jedoch ein Mensch. Captain Bly.
Groß, kräftig, gut gelaunt. Ein Mann mit Haltung, mit Weltverständnis, mit einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit Meer und Menschen. Er bringt mich heute nach Tahuata. Auf dem Boot erzählt er mir die Geschichte seines Namens.

Geboren wurde er in der kleinen medizinischen Station auf der Südseite der Insel. Seine Eltern lebten jedoch im Norden – und es gab keinen Weg über Land durch die Berge. Also paddelte sein Vater mit seiner Frau und dem Neugeborenen drei Tage lang um die Insel herum, bis sie die andere Seite erreichten. Dort erhielt das Kind seinen Namen: Captain Bly. Benannt nach William Bligh, dem Kommandanten der Bounty, der nach der Meuterei ausgesetzt wurde und in einer bemerkenswerten Navigationsleistung den Weg zurück in die Zivilisation fand.

Bis zu seinem sechsten Lebensjahr glaubte der Junge, der eigentlich Brian heißt, sein Vorname sei Captain. Den Namen Bly ist er nie losgeworden.

Mein schönster Moment dieses Tages ist das Gespräch mit ihm beim Mittagessen in der Bucht von Waitahu. Mit dem Erreichen dieser Bucht habe ich den letzten Ort meiner diesjährigen Reise durch Französisch-Polynesien erreicht. Hier lag einst die HMS Resolution vor Anker. Und hier sitze ich nun, esse, höre zu.

Captain Bly hat auch auf Tahiti und Hawaii studiert. Er spricht über die Marquesas als einen Ort, der noch wild ist, wenig erschlossen – und dessen Menschen dennoch glücklich, stark und an Körper und Seele gesund wirken. Seine Erklärungen, warum das hier so ist und warum es in stärker zivilisierten Gesellschaften oft nicht gelingt, sind klar, unromantisch und sehr stimmig. Keine Theorie, sondern Beobachtung. Keine Belehrung, sondern Teilen.

Was heute weniger schön war, war das Wetter. Regen begleitete uns. Nach dem Mittagessen ankerten wir dennoch an einem Traumstrand: türkises Wasser, Palmen, ein heller Sandstrand. Baden im Meer, Liegen im Sand – entspannend, aber die Luft war kühl.

Captain Bly ging an Land, sammelte Holz, machte mit zwei Stücken ein wärmendes Feuer, öffnete Kokosnüsse und reichte sie mir. Eine einfache Geste, die mehr sagt als viele Worte.

Es war der dritte ereignisreiche Tag in Folge. Und ich bin dankbar, dass nun kein weiteres Programm ansteht. Die kommenden Tage auf Hiva Oa gehören dem Verarbeiten. Dem Nachdenken. Dem inneren Ordnen dessen, was ich gesehen, gehört und gefühlt habe.

Manchmal ist Reisen kein Vorwärtskommen mehr, sondern ein Ankommen. Nicht nur an einem Ort, sondern in einer Zeit, die plötzlich gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart ist.

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Jessica Welt

Seit etwa drei Jahren lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.