Seit Anfang 2020 dokumentiere ich, welche Strecken ich auf meinen Reisen zurücklege. Entstanden ist die Idee aus dem Wunsch, einmal sichtbar zu machen, wo auf der Welt ich bereits unterwegs gewesen bin – und wo auf meiner persönlichen Landkarte noch weiße Flecken liegen.
Reisen heißt, Welt mit sich zu verbinden
Ich bin studierte Journalistin. Am Anfang meiner beruflichen Laufbahn wurde ich direkt als Auslandskorrespondentin eingesetzt: für das größte deutsche Wirtschaftsmagazin im asiatisch-pazifischen Raum, mit Redaktionssitz in Bangkok und Verlagssitz in Singapur.
Über mehrere Jahre habe ich von Südostasien aus als Auslandskorrespondentin gearbeitet, recherchiert, geschrieben, beobachtet und eingeordnet. Am Ende dieser Zeit stand ich sogar als Chefredakteurin in redaktioneller Verantwortung. Diese Jahre haben meinen Blick auf Journalismus geprägt: genau hinsehen, Zusammenhänge erkennen, Menschen zuhören, Orte ernst nehmen.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich zunächst einen kurzen Ausflug in den Lokaljournalismus gemacht. Auch das war eine wichtige Erfahrung. Lokaljournalismus ist, wie ich finde, ein unverzichtbarer Teil des Journalismus. Er ist nah an den Menschen, nah an konkreten Entscheidungen, nah an dem, was vor Ort tatsächlich passiert. Gerade deshalb ist er nicht zu ersetzen – weder durch künstliche Intelligenz noch durch große Online-Formate.
Vom Berichten zum bewussten Reisen
Nachdem ich die große weite Welt kennengelernt hatte, entwickelte sich mein journalistischer Schwerpunkt weiter. Ich beschloss, den Reisejournalismus stärker in den Mittelpunkt meiner Arbeit zu stellen. Seit mehreren Jahren forciere ich diesen Weg und nutze dafür immer neue Formate.
Am Anfang stand viel klassisches Schreiben: Reisetagebuch, Reportage, persönliche Beobachtung. Das tue ich bis heute auf meiner Website. Gleichzeitig hat sich die Darstellungsform verändert. Viele Inhalte sind heute stärker auf soziale Medien zugeschnitten: kürzer, unmittelbarer, visueller. Dazu kommen Videoformate für meinen YouTube-Kanal Voyage to Go.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt inzwischen auf Reisepodcasts. Schon vor einigen Jahren habe ich begonnen, Reisen auch in Podcast-Form zu dokumentieren. Dabei geht es nicht nur um meine eigenen Reisen. Ich arbeite auch historische Reisen auf – etwa die Weltreise von Georg Forster. Mich interessiert dabei der reisegeschichtliche Dreiklang aus Vorbereitung, Ausführung und Auswertung: Wie wird eine Reise geplant? Wie wird sie erlebt? Und wie wird sie später erzählt, gedeutet und erinnert?
Langsam reisen, bewusst reisen
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Darstellung unterschiedlicher Fortbewegungsformen. Reisen ist für mich nicht nur die Bewegung von einem Ort zum anderen. Es macht einen Unterschied, ob ich segle, mit dem Motorrad unterwegs bin, fahre, gehe, warte oder mich treiben lasse.
Grundsätzlich bevorzuge ich langsames Reisen und bewusstes Reisen. Nicht, weil Geschwindigkeit grundsätzlich falsch wäre. Sondern weil Langsamkeit andere Wahrnehmungen möglich macht. Wer langsam reist, sieht mehr. Wer bewusst reist, kommt leichter in Austausch und Auseinandersetzung mit der Welt und den Menschen um sich herum.
Dabei folge ich einem Gedanken, der für mich sehr nah an Wilhelm von Humboldt liegt:
„Bloss weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders, als nur vermöge eines Dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nicht-Mensch, d. i. Welt zu seyn, sucht er, so viel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.“
Für mich steckt darin ein Kern des Reisens: nicht nur unterwegs sein, nicht nur konsumieren, nicht nur abhaken – sondern Welt aufnehmen, Welt verstehen, Welt mit sich verbinden. Reisen bedeutet dann auch Selbstbildung: ein Gewinn an Erfahrung, an Wahrnehmung, an innerer Weite. Oder anders gesagt: ein Gewinn an Selbstbildung als Steigerung des Daseinsgefühls.
Der Weg führt vorwärts
Ein Satz, der David Livingstone zugeschrieben wird, bringt eine andere Seite dieses Reisens auf den Punkt:
„Ich bin bereit, überall hinzugehen, vorausgesetzt, der Weg führt vorwärts.“
Dieses Vorwärts ist für mich nicht nur geografisch gemeint. Es ist auch ein inneres Vorwärts. Reisen darf herausfordern. Es darf unbequem sein. Es darf Gewissheiten verschieben. Genau darin liegt seine Kraft.
Auch Sir Francis Chichester, der große Einhandsegler, steht für diese Haltung des Wagnisses. Ihm wird der Satz zugeschrieben:
„Dieses Wagnis, in dem ich mich jetzt befinde, ist meine Art zu leben. Ohne dies fühle ich mich arm, unbefriedigt und leer.“
Und noch ein anderer Chichester-Satz beschreibt eine Erfahrung, die viele längere Reisen prägt:
„Es ist seltsam, dass man ungefähr drei Wochen einer Reise braucht, ehe man anfangen kann, an ihr Freude zu finden, aber so ist es – oder so schien es mir damals.“
Das entspricht meiner eigenen Erfahrung sehr. Reisen beginnt oft nicht sofort. Der Körper ist noch im Alltag, der Kopf noch bei alten Aufgaben, die Wahrnehmung noch nicht frei. Erst nach einer Weile beginnt man wirklich anzukommen – nicht unbedingt an einem Ort, sondern in der Reise selbst.
Das gereiste Auge
„Enkong’u naipang’a engen“, sagen die Maasai: „Das Auge, das gereist ist, ist klug.“
Dieses Bild gefällt mir sehr. Denn es geht nicht darum, dass Reisen automatisch klüger macht. Auch wer reist, kann blind bleiben. Aber das Auge, das wirklich sieht, vergleicht, fragt, zweifelt und lernt, verändert sich. Es wird wacher. Es erkennt Unterschiede. Es wird vorsichtiger mit schnellen Urteilen.
Auch Goethe beschreibt in seiner Italienischen Reise diesen Abstand zur gewöhnlichen Welt:
„So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es kommt mir recht wunderbar vor, wenn ich eine Zeitung lese.“
Diesen Abstand suche ich nicht, um der Welt zu entfliehen. Im Gegenteil. Manchmal muss man sich entfernen, um genauer hinsehen zu können. Reisen schafft Distanz – und gerade dadurch neue Nähe.
Voyage to Go
Der Weg entsteht beim Gehen. Dieser Gedanke, bekannt aus Antonio Machados Vers „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar“, ist für mich auch journalistisch wichtig. Nicht alles liegt am Anfang fertig vor. Manche Geschichten zeigen sich erst unterwegs. Manche Fragen entstehen erst im Gespräch. Manche Erkenntnisse kommen erst in der Auswertung.
Deshalb ist mein Reisejournalismus nie nur Dokumentation. Er ist Erkundung. Er verbindet Beobachtung, Bewegung, Geschichte, Selbstbildung und Erzählung. Genau daraus entsteht auch mein Podcast Voyage to Go.
Sein Slogan fasst zusammen, worum es mir geht:
Der Weg ist das Ziel, dabei sein ist alles.