Im vergangenen Jahr sah ich Disneys Animationsfilm „Vaiana“ aus dem Jahr 2016 zur Vorbereitung auf meine erste Südseereise. Für mein reisejournalistisches Projekt „Reise um die Welt 2.0“ folgte ich den Spuren Georg Forsters durch Polynesien. Nun habe ich die neue Realverfilmung von „Vaiana“ im Kino gesehen – und dabei vieles wiedererkannt, was mir während meiner Reise begegnet ist.
Der ursprüngliche Film wurde von Ron Clements und John Musker inszeniert und erzählt von der jungen Vaiana, die ihre Heimatinsel Motunui verlässt, um gemeinsam mit dem Halbgott Maui das Herz der Schöpfungsgöttin Te Fiti zurückzubringen. Seine Geschichte greift Motive aus verschiedenen polynesischen Überlieferungen auf. Die Musik von Lin-Manuel Miranda, Opetaia Foaʻi und Mark Mancina gehörte zu den großen Stärken des Films. „Vaiana“ wurde 2017 sowohl als bester Animationsfilm als auch für den Song „How Far I’ll Go“ für einen Oscar nominiert.
Zehn Jahre später hat Disney aus diesem modernen Animationsklassiker einen Realfilm gemacht. Regie führte Thomas Kail, der vor allem durch seine Arbeit an den Musicals „Hamilton“ und „In the Heights“ bekannt geworden ist. Die junge australische Schauspielerin Catherine Lagaʻaia, die bei ihrer Auswahl erst 17 Jahre alt war, gibt als Vaiana ihr Kinodebüt. Dwayne Johnson, der Maui bereits in den Animationsfilmen seine Stimme lieh, spielt den Halbgott nun auch selbst. In weiteren Rollen sind John Tui als Häuptling Tui, Frankie Adams als Sina und Rena Owen als Großmutter Tala zu sehen. In Deutschland startete der Film am 9. Juli 2026 in den Kinos. Disney Deutschland
Erzählerisch hält sich die Neuverfilmung eng an die Vorlage: Wieder folgt Vaiana dem Ruf des Ozeans, wagt sich über das schützende Riff ihrer Insel hinaus und begibt sich mit Maui auf eine Reise, von der die Zukunft ihres Volkes abhängt. Gerade weil ich die polynesische Inselwelt inzwischen selbst kennengelernt habe, betrachtete ich den Film diesmal jedoch mit anderen Augen.
Wiedersehen mit der Inselwelt Polynesiens
Ich habe Französisch-Polynesien auf allen Ebenen erkundet: unter Wasser, auf dem Wasser, an Land, auf den Bergen und im Dschungel. Deshalb entdeckte ich in der detailverliebten Neuverfilmung vieles wieder. Dazu gehört die Vorstellung von einer Insel als weiblichem Körper, wie sie in „Vaiana“ in der Gestalt Te Fitis besonders eindrucksvoll sichtbar wird.
Auf meiner Reise besuchte ich die Insel Huahine. Ihr Name wird mit dem weiblichen Körper in Verbindung gebracht; häufig wird sie auch als „Insel der Frau“ bezeichnet. Die Silhouette ihrer Berge erinnert tatsächlich an eine liegende, schwangere Frau. Anders als Te Fiti im Disney-Film liegt diese Frau jedoch nicht auf der Seite, sondern auf dem Rücken – mit deutlich erkennbarem Kopf, Brust und gewölbtem Babybauch.

Auch die Bilder der Unterwasserwelt weckten sofort Erinnerungen. Während meiner Reise begegneten mir mehrfach zahlreiche Rochen. Einmal schoss sogar ein Hammerhai an mir vorbei. Wenn im Film das Meer zu einem lebendigen Wesen wird und sich Menschen, Tiere, Inseln und Ozean miteinander verbinden, ist das natürlich ein Märchen. Zugleich trifft es aber etwas von der überwältigenden Präsenz des Meeres, die man in Polynesien tatsächlich erlebt.
Liebe zum kulturellen Detail
Besonders aufmerksam habe ich die Boote betrachtet. In Neuseeland beschäftigte ich mich eingehend mit dem traditionellen polynesischen Bootsbau und der hoch entwickelten Navigation der großen pazifischen Seefahrerinnen und Seefahrer. In „Vaiana“ finden sich viele dieser Einzelheiten wieder: die Form der Auslegerboote, ihre Aufbauten, die Verschnürungen, Segel, Paddel und die Art, wie sich die Menschen auf den Booten bewegen. Auch die Häuser, Stoffe, Werkzeuge und kleinen Szenen des gemeinschaftlichen Insellebens sind mit großer Sorgfalt gestaltet.
Dieser Eindruck ist kein Zufall. An der Produktion wirkten mehr als 200 Darstellerinnen und Darsteller aus dem pazifischen Raum mit. Darüber hinaus waren Fachleute und Kunsthandwerker aus verschiedenen pazifischen Kulturen beteiligt. Kostüme, Tätowierungen, Boote und traditionelle Häuser wurden nach historischen und kulturellen Vorbildern gestaltet. Für die Gebäude auf Motunui kamen beispielsweise Verschnürungen aus Kokosfasern statt moderner Nägel zum Einsatz; für den Film entstanden außerdem mehr als 2.000 individuell gefertigte Kleidungsstücke.
Musikalisch setzt die Realverfilmung überwiegend auf die bekannten Lieder des Animationsfilms. Für die deutsche Fassung wurden sie neu eingesungen. Hinzu kommt mit „Along the Way“ ein neuer Song von Lin-Manuel Miranda, der im englischen Original von Catherine Lagaʻaia, Dwayne Johnson und Auliʻi Cravalho, der ursprünglichen Stimme Vaianas, gesungen wird.
In der deutschen Fassung zeigt sich allerdings auch eine Schwäche: Die Synchronisation passt nicht immer überzeugend zur deutlich feineren und realistischeren Mimik der Schauspielerinnen und Schauspieler. Gerade weil Gesichter und kleinste Regungen nun wesentlich nuancierter zu sehen sind als im Animationsfilm, fallen Abweichungen zwischen Lippenbewegungen, Stimme und Ausdruck stärker auf.
Dafür sind die Bilder umso gewaltiger. Die Farbenpracht von Feuer, Wasser, Land und Himmel entfaltet auf der großen Leinwand eine enorme Wirkung. Das Meer glitzert, leuchtet, droht und trägt; die Inseln wirken zugleich üppig, geheimnisvoll und verletzlich. Die Neuverfilmung macht aus der bereits sehr schönen Vorlage ein visuell überwältigendes Kinoerlebnis.
Hinter dem Horizont wartet die eigene Stärke
Wie der Animationsfilm ist auch diese Fassung ein empowerndes Märchen für Mädchen und junge Frauen. Vaiana wartet nicht auf einen Prinzen und muss auch nicht aus einer hilflosen Lage gerettet werden. Sie entdeckt ihre eigenen Fähigkeiten, übernimmt Verantwortung, stellt sich ihren Ängsten und überschreitet die Grenzen, die andere und sie selbst ihr gesetzt haben. Vor allem aber wagt sie den Blick hinter den Horizont.
„Vaiana“ war schon in seiner ersten Fassung ein liebevoll erzähltes und sehenswertes Polynesien-Märchen auf der Grundlage polynesischer Mythologie. Die Realverfilmung erzählt dieses Märchen nicht völlig neu, aber sie macht seine Welt körperlicher, farbenprächtiger und in vielen Einzelheiten greifbarer. Mir hat auch dieser Film wieder große Freude bereitet – vielleicht gerade deshalb, weil ich die Landschaften, Tiere, Boote und kulturellen Spuren, aus denen seine Welt zusammengesetzt ist, inzwischen selbst gesehen habe.