Ismail Kadares Roman „Der General der toten Armee“ erzählt von der Suche nach gefallenen Soldaten in Albanien – und von einer Aufgabe, die niemals vollständig abgeschlossen werden kann. Für mich war die Lektüre besonders eindrücklich, weil ich mich selbst ehrenamtlich im Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiere und bei einem Einsatz in Nordmazedonien viele Erfahrungen des Generals wiedererkannte.
Auf Ismail Kadares Roman Der General der toten Armee wäre ich vermutlich nicht von selbst gekommen. Empfohlen wurde er mir bei meinem letzten Einsatz für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Nordmazedonien. In der Nähe von Kumanovo arbeiteten wir auf einem großen Hochplateau und betteten dort Hunderte deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs aus.
Ich engagiere mich ehrenamtlich im Umbettungsdienst des Volksbundes. Wir suchen im Ausland nach deutschen Kriegstoten, bergen ihre sterblichen Überreste und versuchen, sie nach Möglichkeit zu identifizieren. Im besten Fall können Angehörige, die oft jahrzehntelang keine Gewissheit über das Schicksal eines vermissten Familienmitglieds hatten, noch eine Nachricht erhalten. Anschließend werden die Toten auf einer Kriegsgräberstätte würdig bestattet.
Während unseres Einsatzes in Kumanovo besuchte uns fast jeden Tag ein Mann namens Ahmed. Er sprach ausgezeichnet Deutsch. Als intellektueller Ingenieur hatte er unter der Herrschaft Titos über Jahrzehnte in der Schweiz leben müssen. An unserem letzten Abend saßen wir noch einmal zusammen, und Ahmed empfahl mir Kadares Roman. Noch während dieses Abends bestellte ich mir das Buch im Internet.
Nun habe ich es gelesen – und dabei zahlreiche Parallelen zu meiner eigenen Arbeit gefunden.
Ein General auf der Suche nach den Toten
Im Mittelpunkt des Romans steht ein italienischer General, der Anfang der 1960er-Jahre, rund zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach Albanien reist. Im Auftrag der italienischen Regierung soll er die sterblichen Überreste gefallener italienischer Soldaten suchen, bergen und in die Heimat zurückbringen. Begleitet wird er von einem Priester. Gemeinsam ziehen sie mit ihren Arbeitern durch das Land, suchen ehemalige Grablagen auf und öffnen Grube um Grube.
Wer dabei an das mediterrane Albanien und damit vielleicht an ein Schönwetterbuch denkt, irrt. Der General und seine Mannschaften kämpfen sich durch Regen, Schnee und die unwirtlichen Gebirgsregionen des Landes. Gruben laufen mit Wasser voll, Erde verwandelt sich in Schlamm, die Arbeit ist anstrengend, monoton und bedrückend. Auch über dem Gemüt des Generals hängen ständig dunkle Wolken.
Eine präzise Sprache für eine düstere Atmosphäre
Kadares Sprache ist präzise. Das gilt, soweit man es beurteilen kann, auch für die deutsche Übersetzung. Der Roman muss sprachlich nicht demonstrativ düster auftreten, um eine verregnete, wolkenverhangene und beklemmende Atmosphäre entstehen zu lassen. Aus klaren, genau gesetzten Beobachtungen fügt sich ein kohärentes Bild zusammen – von der Landschaft ebenso wie vom zunehmenden inneren Verfall des Generals.
Der Roman erzählt keine streng geradlinige Geschichte von Anfang bis Ende, außer insofern, als er den Verlauf des Bergungseinsatzes begleitet. Eigentlich ist Der General der toten Armee jedoch ein Mosaik. Es setzt sich aus einzelnen Kriegsschicksalen, Erinnerungen, Berichten und Begegnungen zusammen.
Da ist das Schicksal einer Soldatenprostituierten, das eines Deserteurs, der bei einem Müller unterkommt, und das eines italienischen Kriegsverbrechers. Diese Geschichten sind miteinander verwoben, ohne sich zu einer glatten, ordentlichen Erzählung zusammenzufügen.
Gerade darin liegt ihre Wahrheit. Der Krieg verläuft nicht geradlinig. Er hinterlässt keine klare Ordnung, sondern zerrissene Biografien, Schuld, Zufälle, Abhängigkeiten und Widersprüche. Kadares Roman versucht nicht, dieses Chaos nachträglich zu glätten. Seine Form bildet vielmehr die Wirren ab, die ein Krieg hervorbringt und die noch Jahrzehnte später in den Landschaften und Menschen fortbestehen.
Pflichtbewusstsein, Überheblichkeit und Zweifel
Der General ist keine einfache Identifikationsfigur. Er ist pflichtbewusst und überheblich, zunehmend erschöpft und innerlich zerrissen. Im Verlauf seines Auftrags wird immer fraglicher, worin dessen eigentlicher Sinn besteht und wie wahrhaftig die Vorstellungen sind, mit denen er aus Italien angereist ist.
Die Toten lassen sich nicht ohne Weiteres in eine geordnete nationale Erzählung zurückholen. Jeder Fund führt tiefer in die Hinterlassenschaften des Krieges hinein. Der General muss sich nicht nur mit den Gebeinen auseinandersetzen, sondern auch mit dem, was diese Toten zu Lebzeiten getan, erlitten oder verursacht haben.
Eine Aufgabe, die niemals abgeschlossen werden kann
An dieser Stelle kam mir der General besonders nahe. Denn er stellt sich eine Frage, die sich auch mir bei Umbettungseinsätzen manchmal aufdrängt: Was machen wir hier eigentlich?
Man sitzt bei schlechtem Wetter unten in einer Grube, hat bereits Dutzende Kriegstote ausgebettet und bemüht sich nun Schaufel für Schaufel um einen weiteren. Gleichzeitig weiß man, dass es noch unzählige Vermisste gibt und dass trotz aller Anstrengungen niemals alle gefunden werden können. Es ist eine Aufgabe, die von Anfang an unvollständig bleiben muss. Sie kann nie endgültig abgeschlossen werden.
An dieser scheinbaren Vergeblichkeit nagt auch der General. Warum diese Mühe für einzelne Tote, wenn noch Millionen andere unauffindbar bleiben? Warum eine Aufgabe fortsetzen, deren Vollendung ausgeschlossen ist?
Trotzdem setzt er seine Arbeit fort. Und auch ich habe sie fortgesetzt.
Vielleicht liegt gerade darin der Sinn: nicht darin, alle Toten finden zu können, sondern darin, den einzelnen Toten nicht deshalb aufzugeben, weil noch so viele andere fehlen. Eine Bergung macht den Krieg nicht ungeschehen. Sie löst auch nicht alle Fragen von Schuld, Verantwortung und Erinnerung. Aber sie kann einem Menschen seinen Namen zurückgeben, einer Familie Gewissheit verschaffen und eine würdige Bestattung ermöglichen.
Wenn die Welt nur noch aus Toten besteht
Besonders eindrücklich war für mich eine Stelle, in der die zunehmende Entfremdung der Bergungsmannschaft von der Welt der Lebenden zum Ausdruck kommt:
„Wir sind ja nur noch Hyänen, die auf der Suche nach dem Tod überall herumschnuppern. Dass es auch noch das Schöne auf der Welt gibt, haben wir fast schon vergessen.“
Gerade zum Abschluss meines Einsatzes in Kumanovo konnte ich diesen Gedanken sehr gut nachvollziehen. Wenn man über viele Tage hinweg mehr Tote als Lebende sieht, verschiebt sich die eigene Wahrnehmung. Der Alltag besteht aus Gruben, Knochen, Erkennungsmarken, Fundstücken und der Frage, ob sich aus den sterblichen Überresten noch eine Identität ableiten lässt.
Bei der Exhumierung deutscher Kriegstoter auf einem Hochplateau bei Kumanovo in Nordmazedonien halte ich den Stahlhelm eines Gefallenen in den Händen. Solche persönliche Fundstücke erzählen oft ebenso viel über das Schicksal eines Menschen wie seine sterblichen Überreste – und machen die Vergangenheit auf eindringliche Weise greifbar.
Am Ende hatte auch ich Sehnsucht danach, wieder in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Nach Gesprächen, die nicht vom Krieg handeln, nach alltäglichen Dingen, nach Landschaften, die nicht mehr nur als mögliche Grablagen betrachtet werden. Kadares Roman beschreibt sehr genau, wie eine solche Arbeit den Blick auf die Welt verändert.
Zwanzig Jahre nach dem Krieg – und mehr als achtzig Jahre danach
Zwischen der Arbeit des Generals und heutigen Umbettungseinsätzen liegen allerdings wesentliche Unterschiede. Kadares Roman spielt nur etwa zwanzig Jahre nach Kriegsende. Die Zersetzungsprozesse waren bei manchen Toten noch nicht vollständig abgeschlossen. Beim Öffnen der Gräber konnten deshalb noch organisches Material, Flüssigkeiten und bakterienbelastete Rückstände vorhanden sein.
Drangen solche Bakterien über kleine Schnitt- oder Schürfwunden in den Körper ein, konnten schwere Wundinfektionen entstehen. Ohne rechtzeitige und wirksame medizinische Behandlung bestand die Gefahr, dass sich die Infektion im Körper ausbreitete und zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung führte. Deshalb wurden bei den Arbeiten im Roman auch Desinfektionsmittel eingesetzt. Einer der Arbeiter stirbt, nachdem sich eine zunächst geringfügige Verletzung infiziert hat.
Mehr als achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt sich diese Gefahr bei unseren Einsätzen in dieser Form nicht mehr. Nach so langer Liegezeit sind in der Regel nur noch die skelettierten Überreste der Toten vorhanden. Der Umgang mit den Funden erfordert weiterhin Sorgfalt und Schutzmaßnahmen, doch die biologischen Bedingungen unterscheiden sich deutlich von denen, die der Roman beschreibt.
Auch die öffentliche Aufmerksamkeit ist verschwunden
Ein weiterer Unterschied liegt im öffentlichen Interesse. Im Roman wird der Einsatz in Italien aufmerksam verfolgt. Der General erhält Anrufe und Telegramme aus der Heimat, und seine Mission besitzt politische und gesellschaftliche Bedeutung.
Heute interessiert sich in Deutschland nur noch ein kleiner Teil der Öffentlichkeit für die Suche nach den Kriegstoten. Auch vor Ort werden wir nicht von Angehörigen eines Parlaments empfangen, sondern vielleicht von einem Vertreter der Stadtverwaltung.
Damit ist die Arbeit stiller geworden. Das macht sie jedoch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Vielleicht ist gerade dann ehrenamtliches Engagement notwendig, wenn ein Thema aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwindet, obwohl die Aufgabe selbst noch nicht beendet ist.
Begegnungen mit albanischer Gastfreundschaft
Kadares Roman erzählt zugleich von Albanien und von den Menschen, die dort leben. Mein Einsatz fand zwar in Nordmazedonien statt, aber in einer Region, die auch von ethnischen Albanern bewohnt wird. Der Besitzer des Grundstücks, auf dem wir arbeiteten, hieß Faruk und war Albaner. Auch Ahmed, der mir das Buch empfahl, war Albaner.
Ein Motiv im Roman ist eine albanische Hochzeit. Beim Lesen musste ich an eine Einladung während unseres Einsatzes denken. Faruk lud uns nach albanischer Sitte zu einem großen Essen ein. Es fand oben auf einem Berg direkt an der Grenze zum Kosovo statt. Er ließ alles auffahren, was seine Mittel hergaben.
Ständig wurde uns neues Essen vorgelegt, während unsere Gastgeber selbst kaum etwas aßen. Offenbar gehörte es zu ihrer Vorstellung von Gastfreundschaft, zunächst und vor allem die Gäste zu bewirten. Für mich war das ein kleiner Einblick in albanische Gebräuche.
Es war zugleich eine Erinnerung daran, dass ein Umbettungseinsatz nicht nur eine Begegnung mit den Toten ist. Er ist immer auch eine Begegnung mit den Lebenden: mit Grundstückseigentümern, Nachbarn, Zeitzeugen, Gemeindemitarbeitern und Menschen, die ihre eigenen Geschichten über den Krieg und seine Folgen mitbringen.
Kein Roman für den Mehrheitsgeschmack
Der General der toten Armee ist vermutlich kein Roman, der heute noch den Geschmack eines breiten Publikums trifft. Dafür ist er zu wenig geradlinig, zu unbequem und vielleicht auch zu weit entfernt von gegenwärtigen Lesegewohnheiten.
Wer sich für Albanien oder den Balkan interessiert, wird darin jedoch ein eindrückliches Bild des Landes und seiner Geschichte finden. Besonders lesenswert ist das Buch für Menschen, die sich mit Erinnerungskultur, Kriegsgräberfürsorge und dem Umgang mit den Toten vergangener Kriege beschäftigen.
Für sie stellt Kadare Fragen, die auch Jahrzehnte später aktuell geblieben sind: Was schulden die Lebenden den Toten? Welchen Sinn besitzt eine Arbeit, die niemals vollständig abgeschlossen werden kann? Und was geschieht, wenn aus einem militärischen oder politischen Auftrag allmählich eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Krieg, Schuld und Vergänglichkeit wird?
Zurück aus dem Reich der Toten
Ahmed hatte recht, mir dieses Buch zu empfehlen. Zwischen den verregneten Gruben des Romans und dem Hochplateau bei Kumanovo liegen Länder, Jahrzehnte und unterschiedliche historische Umstände.
Das Gefühl jedoch, Schaufel für Schaufel einen einzelnen Toten aus der Anonymität zurückzuholen, ist mir sehr vertraut. Ebenso vertraut ist mir nach dieser Arbeit die Sehnsucht, das Reich der Toten wieder zu verlassen und in die Welt der Lebenden zurückzukehren.