Mein Blick auf Christopher Nolans „Die Odyssee“: über Kriegstote, Bronzezeit, Mykene und das Segeln auf den Spuren des Odysseus.
Mein Blick auf Christopher Nolans „Die Odyssee“: über Kriegstote, Bronzezeit, Mykene und das Segeln auf den Spuren des Odysseus.

Die Odyssee: Ein Krieg, der niemals endet

Christopher Nolans „Die Odyssee“ ist für mich mehr als die Verfilmung eines antiken Epos. Der Film verbindet meine Arbeit im Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit meiner Faszination für die Bronzezeit und mit eigenen Erfahrungen als Seglerin in der Ägäis.

Wenn die Gefallenen nicht zur Ruhe kommen

Für Odysseus ist der Krieg nicht beendet, nur weil Troja gefallen ist. Es quält ihn, Kameraden zurückgelassen zu haben, ohne ihnen eine würdige Bestattung zu ermöglichen.

Darin liegt für mich eine unmittelbare Verbindung zu meinem ehrenamtlichen Engagement für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ich engagiere mich dort im Umbettungsdienst. Dabei geht es darum, deutsche Kriegstote zu finden und ihre sterblichen Überreste zu bergen, damit sie nach Möglichkeit identifiziert und anschließend würdig bestattet werden können.

Bei einer würdigen Beisetzung deutscher Kriegstoter in Ostpolen. Die Arbeit im Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verbindet Vergangenheit mit Menschlichkeit – und erinnert daran, dass Kriege auch lange nach dem letzten Schuss nicht vorbei sind.
Bei einer würdigen Beisetzung deutscher Kriegstoter in Ostpolen. Die Arbeit im Umbettungsdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verbindet Vergangenheit mit Menschlichkeit – und erinnert daran, dass Kriege auch lange nach dem letzten Schuss nicht vorbei sind.

Diese Arbeit macht sehr konkret erfahrbar, dass ein Krieg nicht einfach mit dem letzten Schuss endet. Auch ohne den Glauben an unerlöste Seelen bleibt etwas zutiefst Menschliches: Für Überlebende und Angehörige ist ein Krieg nicht wirklich vorbei, solange die Toten namenlos verschwunden, irgendwo zurückgelassen oder noch immer nicht geborgen worden sind.

Nolan verdichtet dieses Motiv in Odysseus’ Reise in die Unterwelt. Bei Homer verlangt vor allem der unbestattete Elpenor eine würdige Beisetzung. Der Seher Teiresias gibt Odysseus zudem einen letzten Auftrag: Nach seiner Heimkehr soll er ein Ruder so weit ins Binnenland tragen, bis Menschen es für eine Schaufel halten, weil sie das Meer nicht kennen. Dort soll er Poseidon einen Widder, einen Stier und einen Eber opfern.

Von Schliemann bis zum Ende der Bronzezeit

Meine eigene Reise zur „Odyssee“ begann als Kind mit einem „Was ist was“-Buch über Archäologie, Troja, Heinrich Schliemann und Homers Sagenwelt. Später besuchte ich das historische Mykene. Umso größer war meine Freude, seine Burgfestung im Film wiederzuerkennen und zu sehen, wie deutlich sie sich von Nolans Ithaka unterscheidet.

Mykene bei meinem Besuch im Jahr 2015. Die Burganlage der mykenischen Kultur zählt zu den wichtigsten Schauplätzen der homerischen Sagenwelt und ist auch in Christopher Nolans „Die Odyssee“ wiederzuerkennen.
Mykene bei meinem Besuch im Jahr 2015. Die Burganlage der mykenischen Kultur zählt zu den wichtigsten Schauplätzen der homerischen Sagenwelt und ist auch in Christopher Nolans „Die Odyssee“ wiederzuerkennen.

Mich fasziniert auch die historische Welt hinter dem Mythos: die Seevölker, der Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur und der Verlust der Schrift. Handelsnetze und staatliche Strukturen verschwanden. Es folgten dunkle Jahrhunderte, bevor die griechische Kultur zur Zeit Homers neu aufbrach. Dass eine entwickelte Zivilisation vieles verlieren und Jahrhunderte später fast neu beginnen kann, hat mich sogar zu einer Romanidee inspiriert.

Eine Seglerin auf Odysseus’ Spuren

Gleich zu Beginn der Rückfahrt von Troja begleiten Delfine die Schiffe. Diese Bilder führten mich sofort zu meinem ersten Segeltörn von Paros zurück. Auch damals tauchten Delfine neben unserem Boot auf. Seitdem habe ich sie auf jedem Törn durch die Kykladen gesehen. Inzwischen glaube ich zu spüren, wann sie kommen – und dass ihre Neugier auf uns mindestens so groß ist wie unsere auf sie.

Wenn ich durch die Ägäis segle, folge ich Routen, die Menschen seit Jahrtausenden nutzen. Sie suchten Schutz in denselben Buchten, warteten auf geeigneten Wind und ankerten aus ähnlichen Gründen wie wir heute. Unter dem Kiel liegen zahllose Wracks – vielleicht sogar eines aus der Zeit des Odysseus.

Als Seglerin in den Kykladen ankere ich mit meinem Boot an Orten, an denen Menschen schon seit Jahrtausenden Schutz suchen, und besuche an Land ihre Kultstätten.
Als Seglerin in den Kykladen ankere ich mit meinem Boot an Orten, an denen Menschen schon seit Jahrtausenden Schutz suchen, und besuche an Land ihre Kultstätten.

Als Seglerin sehe ich allerdings auch Details, die andere übergehen. Im Film werden die Ruder eingeholt, bevor das Rahsegel gesetzt ist. Damit wäre das Schiff vorübergehend ohne Vortrieb und kaum manövrierfähig. Auch das Hochziehen des Rahbaums zum Segelsetzen erscheint mir ungewöhnlich. Eine nerdige Beobachtung – aber Seglern fällt sie auf.

Überzeugend ist dagegen die Abhängigkeit vom Wind. Auf Thrinakia, der Insel des Sonnengottes Helios, hält widriger Wind Odysseus und seine Männer fest. Mit damaligen Rahseglern ließ sich kaum gegen den Wind aufkreuzen. Für Homers seefahrendes Publikum muss dieses Ausgeliefertsein sofort verständlich gewesen sein.

Antike griechische Helme gehören zu den prägenden Bildern von Christopher Nolans „Die Odyssee“. Selbst auf den langen Seereisen und beim Rudern tragen viele Krieger ihre Helme – historisch fragwürdig, aber ein eindrucksvolles visuelles Stilmittel.
Antike griechische Helme gehören zu den prägenden Bildern von Christopher Nolans „Die Odyssee“. Selbst auf den langen Seereisen und beim Rudern tragen viele Krieger ihre Helme – historisch fragwürdig, aber ein eindrucksvolles visuelles Stilmittel.

Die Urform einer Heldenreise

Viele Bilder erinnern an „Der Herr der Ringe“. J. R. R. Tolkien schöpfte vor allem aus nordischen, germanischen und finnischen Sagen. Doch beide Werke gehören zu einer Tradition von Aufbruch, Prüfung, Verlust und verwandelter Heimkehr. Joseph Campbell beschrieb dieses Muster später als Heldenreise: Trennung, Bewährung und Rückkehr.

Auch „Star Wars“ folgt diesem Muster. Anders als Mittelerde lässt sich die Welt des Odysseus jedoch tatsächlich bereisen. Hinter Zyklopen, Zauberinnen und Göttern liegt eine reale Mittelmeerlandschaft voller archäologischer Spuren.

Starke Frauen und ein langer Film, der nie lang wird

Schon bei Homer sind Penelope, Kirke, Kalypso und Athene keine Randfiguren. Sie handeln oft klüger und durchschauen mehr als die Männer. Samuel Butler vermutete 1897 sogar eine junge Frau aus Sizilien als Verfasserin der „Odyssee“. Beweisen lässt sich das nicht. Es zeigt aber, wie auffällig stark die Frauen dieses Epos wirken.

Christopher Nolan hat daraus einen langen, tiefgründigen und bildgewaltigen Film gemacht. Seine Überlänge habe ich nicht als Länge empfunden. Dafür ist der Stoff zu reich und für mich zu eng mit eigenen Reisen und Erfahrungen verbunden. Diese „Odyssee“ erzählt von einer fernen Welt und stellt zugleich zeitlose Fragen: Wie kehrt man aus einem Krieg zurück? Was schuldet man den Toten? Und wann ist eine Reise wirklich zu Ende?