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Vitalität der Szene - Meine Oktober-Kolumne im GAB-Magazin

jessica purkhardt illuEs war mehr als Schall und Rauch, als im Jahr 1815 der Tambora im heutigen Indonesien ausbrach, 150 Kubikkilometer schwefelige Asche hoch in die Atmosphäre schleuderte, die sich in der Folge als schmutziger Aerosol-Schleier rund um den ganzen Erdball legte und das darauf folgende Jahr 1816 in der Geschichtsschreibung zum „Jahr ohne Sommer“ mit kaltem Wetter und Missernten werden ließ. Dem Sommer im Corona-Jahr 2020 kann man meteorologisch hingegen kaum Vorwürfe machen. Dürre herrschte jedoch in gesellschaftlichen Lebensbereichen, deren Verfügbarkeit wir bis dahin als selbstverständlich angesehen hatten.

Der monatelange Shutdown von Kunst, Konzert und Bühnenspiel bescherte uns weitgehend einen „Sommer ohne Kultur“, wie niemand von uns ihn bisher gekannt hatte. Dort, wo es möglich ist, unternehmen Künstler*innen nun wieder erste zaghafte Gehversuche, um ihrem Publikum ihr Schaffen und Können zu zeigen. Allein die Organisation von Kulturveranstaltungen setzt dabei schon viel Kreativität voraus. Ohne Frage werden die kulturellen Events der kommenden Monate ungewohnt und umständlich erscheinen und wir sollten uns klar sein, dass sie nicht um der mageren staatlichen Alimentation willen stattfinden, sondern für den Applaus und Zuspruch des Publikums. So treu wie unsere Künstler*innen uns sind, sollten wir deshalb auch ihnen bleiben.

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Das "polnische Stonewall" - Meine September-Kolumne im GAB-Magazin

jessica purkhardt illu„Panta rhei“ – „alles fließt“ ist einer der bekanntesten Lehrsätze des griechischen Philosophen Heraklit. Nicht zuletzt in Bezug auf die Zapfhähne und Cocktailshaker in den queeren Bars ist das derzeit zutreffend. Noch. Wer aber weiß, ob nicht demnächst doch wieder eine zweite Corona-Welle die vielen Partybilder von sich ungezwungen in den Armen liegenden Menschen aus meiner Instagram-Timeline schwemmt und für Monate wieder durch Lockdown-Selfies bei der Wohnzimmergymnastik ersetzt? Für viele Bereiche des Bar-, Klub- und Kleinkunstlebens, die kaum ein Wellental gespürt haben, wäre es der Untergang. Umso mutiger und bemerkenswerter ist, dass in der Frankfurter Szene Heraklits Sinnspruch des fortwährenden Formwechsels trotz Pandemie mit praktischer Bedeutung beladen wird. Denn hier vollzieht sich ein gelungener Generationenwechsel, bei dem Jung-Gastronom Max sowohl die Autographs Bar als auch die Blue Bar übernimmt. Erstere erhält wieder ihren Mädchennamen Tangerine, Letztere verschiebt er farblich ins wärmere Spektrum, sodass sie nun als Pink Bar reüssiert. Szene-Veteran Norbert weiß die über Jahre von ihm geführten Szene-Läden damit in guten Händen und eröffnete mir seine Übergabe-Entscheidung, wie es seine Art ist, leichthin mit einem Vers von Hermann Hesse: „Abschied nimmt die bunte Welt, / Die so lieb mir ward. / Hab ich auch das Ziel verfehlt, / Kühn war doch die Fahrt.“

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Sinnliche Ebbe statt Reizüberflutung - Meine Juni-Kolumne im GAB-Magazin

jessica purkhardt illuGlücklich wie ein Kind, das ein Vogelnest entdeckt hat, bin ich darüber, dass endlich die Szene-Lokale teilweise und unter Einschränkungen wieder öffnen dürfen, und ich bekenne mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand: In der pandemischen Notwendigkeit, die Orte von Subkultur und queerem Zusammensein zu schließen, habe ich eine empfindliche Störung meiner sozialen Gewohnheiten erlebt.

Selbstverständlich haben wir alle die Zeit sinnvoll genutzt und sind vor lauter Sport nun topfit, können eine Fremdsprache mehr, haben sogar die Schränke hinten und von unten Staub gewischt, heimgewerkt und regalweise Bücher gelesen. Doch nun, muss ich gestehen, ist mein Geist von so viel Lebensmuße gesättigt wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. Man möchte aufspringen und nach so viel selbstbestimmter Annehmlichkeit auch wieder Anregung und Aufregung erfahren.

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Regenbogenkreisel 2020

Regenbogenkreisel 2020

Auch in diesem Jahr habe ich mit anderen Engagierten dafür gesorgt, dass sich die Menschen über den frisch gestrichenen Regenbogenkreisel freuen können.

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Impfstoff gegen Vorurteile - Meine Juli-Kolumne im GAB-Magazin

jessica purkhardt illuFlatterband, Plexiglas und „Reserviert“-Schildchen prägen wie überall sonst auch die Atmosphäre unserer LGBTIQ*-Lokale. Manche Gäste wagen es noch immer nicht wieder auszugehen, weil sie sich um ihre Gesundheit sorgen. Andere sind wieder da, übererfüllen die Abstandsgebote um das Doppelte und tragen ihren Mundschutz so konsequent und selbstverständlich, dass sie ihn erst dann bemerken, wenn der erste Schluck Weißwein deutlich trockener ausfällt als sonst. Wieder andere benehmen sich, als wäre alles bloß ein schlechter Traum gewesen, werfen die Arme auf, um sich gegenseitig zu herzen, und wenn sie mir was erzählen, stehen sie dabei so nahe, dass auch die Vor-Corona-Wohlfühldistanz deutlich unterschritten wird. Das ist ziemlich rücksichtslos. Denn wenn jemand keine Bedenken hat, gilt das zunächst leider nur für ihn selbst und nicht zwangsläufig auch für das Gegenüber. Solche Situationen lassen sich natürlich überall beobachten, nicht nur in queeren Bars. Aber bei denen ist es besonders wichtig, dass sich alle Menschen dort wohl und sicher fühlen und nicht manche lieber zu Hause bleiben, weil sie um ihre Gesundheit fürchten. Wenn wir in der gegenwärtigen Situation etwas einüben können, dann ist es, die Bedürfnisse anderer Menschen noch mehr zu respektieren und aufeinander aufzupassen. Fähigkeiten, die auch nach Corona unverzichtbar sein werden.

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