Richmond, British-Columbia -Heute heißt es Antreten. Denn ich statte den kanadischen Streitkräften einen Besuch ab. Das 39. Unterstützung-Battalion in der Sherman Kaserne von Richmond hat heute einen Tag der offenen Tür. Das will ich mir anschauen. Schon am frühen Morgen trete ich meinen Marsch dorthin an, unterschätze aber dabei dreierlei.
Heute beginnt meine Roadtrip durch Texas. Das Auto ist mit reichlich Wasser und noch mehr Dr. Pepper-Limonade beladen. Die Strecke habe ich auf Google Maps ausgekundschaftet. 340 Meilen, also etwa 545 Kilometer liegen heute vor mir. Mein Ziel: Die Stadt Amarillo im sogenannten Texas Panhandle, was frei übersetzt so viel bedeutet wie „Pfannenstiel von Texas“. Auf der Landkarte ragt nämlich ein kleines Stück Texas in die Bundestaaten New Mexico und Arizona hinein, so dass dieses Stück ein wenig so aussieht wie ein Griff, der an Texas dran ist.
Vernon liegt am Highway 287, den ich schon einmal von Fort Worth hierher nach Amarillo gefahren bin. Ich bin also genaugenommen schon einmal an Vernon vorbeigefahren. Damit ich nun nicht zweimal die gleiche Strecke zurückfahre, nehme ich einen Umweg und fahre erst ein ganzes Stück nach Süden, um dann parallel zu der bereits gefahrenen Strecke des Highway 287 nach Vernon. Die 350 Kilometer fahre ich in vier Stunden.
Alles easy. Mit der Lufthansa von Frankfurt nach Boston zu fliegen, ist kein Problem. Es ist eine der Rennstrecken der Airline. Eingecheckt habe ich am Vorabend, am Flughafen scanne ich nur meine Bordkarte und drucke mir den Kofferanhänger selbst aus. Die Sicherheitskontrolle ist gut besetzt und hat nur wenig Publikum zu bewältigen. In fünf Minuten bin ich durch. Hätte die Bundespolizei rechtzeitig auch die automatische Grenzkontrolle besetzt und die Durchgänge eingeschaltet, wäre es auch hier schneller gegangen. So musste ich erst einmal etwas bei den Nicht-EU-Bürgern in der Schlange stehen, bis die automatischen Schranken in Betrieb genommen wurden. Trotzdem ging es diesmal total schnell. Drei Stunden soll man ja vor Interkontinental-Flügen am Flughafen sein. Nun sitze ich also zweieinhalb Stunden vor Abflug schon am Gate.
Es kommt noch besser. Das Einsteigen und der Verladeprozess läuft so zügig, dass wir sogar schon früher als geplant in der Luft sind. Die 5900 Kilometer bis Boston schafft der Flieger in siebeneinviertel Stunden. Dort stehe ich dann aber fast eine Stunde an der amerikanischen Grenzkontrolle in der Schlange. Das ist meiner Erfahrung nach immer so. Die Einreise dauert am längsten. Auf der anderen Seite wartet mein Kumpel Rob, der mich abholen möchte. Ich muss ihn per WhatsApp vertrösten. Rob ist selbst Pilot für United Airlines, deswegen hat er keinen realistischen Bezug dazu, wie lange man tatsächlich für die Einreise braucht, denn er und seine Crew werden diesbezüglich ja privilegiert behandelt.
Schließlich bin ich aber durch, werde von Rob empfangen und lade mein Gepäck in seinen Ford Explorer. Es ist Dienstagnachmittag und Rush-Hour in Boston. Mit meinem Geplapper sorge ich mehrmals dafür, dass Rob die Anweisungen des Navigationssystems überhört, während er sich durch den Innenstadtverkehr auf die Interstate kämpft. Wir verlassen den US-Bundestaat Massachusetts, dessen Hauptstadt Boston ist und fahren nach Süden ins angrenzende Rhode Island. Denn dort wohnt Rob.
Gleich als erste Besucherin betrete ich heute Morgen die Bücherei von Richmond morgens um neun. Hier finde ich ausgezeichnete Arbeitsbedingungen, denn es hat sich einiges angesammelt. Hier gibt es Schreibtische, WLAN, Toiletten, Strom und eine ruhige Atmosphäre zum Arbeiten. Schon in der letzten Staffel dieses Podcasts bin ich als digitale Nomadin gereist. Dabei arbeitet man, während man auf Reisen ist.
Vernon, British Columbia - Nach einem letzten Frühstück im Haus meiner Cousine lade ich mein bescheidenes Gepäck ins Auto, mache ein letztes Selfie mit ihr und dann geht meine Reise weiter. Zunächst fahre ich einige Kilometer nach Norden. Am Shuswap Lake treffe ich wieder auf den Trans Canada Highway, der mich tiefer in das Columbia-Mountains-Gebirge und auf 200 Meter hinaufführt.
Um 8 Uhr morgens macht die Autovermietung auf und um 7 Uhr 59 stehe ich bei denen wieder vor der Tür und erkläre, dass ich mein Auto gestern nicht abholen konnte, weil zur Abholzeit schon geschlossen gewesen sei. Die Budget-Mitarbeiterin geht mit keinem Wort darauf ein und verzieht auch keine Miene. Das Auto sei noch da und ich könne es jetzt haben. Aber: Das sei wie mit den Flügen. Da gebe es auch tagesaktuelle Preise, die mal höher mal niedriger seien. Und heute sei der Preis für mein Auto um 200 Dollar höher als gestern. Das ist natürlich glattweg Betrug, denn ich habe ja eine Reservierung für einen ganz anderen Preis. Für den werde ich das Auto aber nicht bekommen. Die Alternative wäre die Buchung zu stornieren und weiter für teures Geld mit dem Uber auf der Suche nach einem Mietwagen durch Fort Worth zu fahren. Mit knirschenden Zähnen und in den Taschen geballten Fäusten gehe ich auf diese Erpressung ein, schwöre aber insgeheim Rache.
Auf der gestrigen Fahrt hierher habe ich wieder den Rauch der verheerenden Waldbrände gesehen und gerochen. Hier im Columbia Valley brennt es gottlob aber nicht. Die Waldbrandsaison begann in diesem Jahr außerordentlich früh und intensiv.
Kelowna -Die Kanadier gelten als ein Völkchen mit Hang zu Outdoor-Aktivitäten. Bei der grandiosen Natur, in der sie leben, ist das nachvollziehbar. Ich hätte heute gerne auch einfach den ganzen Tag auf der Veranda verbringen können. Doch direkt nach dem Frühstück beginnt die erste Wanderung durch die sommerlich duftenden Dougalisenwälder zum Kalamalka See, einem Nachbar See des größeren Okanagan.
Denver, Colorado -Als ich langsam munter werde, scheint schon die Sonne durch die Vorhänge. Als ich sie zurückziehe, leuchtet golden der Sonnenaufgang über der Prärie der "Great Plains". Ein Bild davon findet ihr auf der Website. Den Link dahin packe ich wie üblich in die Shownotes zu dieser Folge. Geweckt haben mich wohl die vielen Lautsprecherdurchsagen, die jetzt zu hören sind. Denn der Zug nähert sich Denver im US-Bundestaat Colorado, wo viele Reisende Aussteigen werden. Im Bahnhof beobachte ich das Treiben und auf der Plattform von meinem Beobachtungsposten im Obergeschoss des Waggons aus. Die Skyline von Denver kann ich allerdings von hier aus nicht erkennen. Das ist ein bisschen der Nachteil beim Zugfahren gegenüber dem Auto: Man sieht immer nur eine Seite vollständig.
Fort Worth, Texas -Ich bin froh der gleißenden Sonne und der Mittagshitze auf dem Bahnsteig von Fort Worth zu entkommen. Ich besteige den Waggon des Amtrak-Texas Eagle Fernzuges Richtung Chicago und sofort ist es drinnen angenehm kühl. Ich wuchte meinen Koffer in die Gepäckregale im Erdgeschoss des zweistöckigen Waggons und klettere dann mit meinem Handgepäck die Treppe hoch in den ersten Stock. Die Schaffnerin hat mir beim Einsteigen meine Platzkarte gegeben. Auf Papier wie früher in der guten alten Zeit. Jeder hat einen Platz neben sich frei und so kann ich es mir gleich bequem machen.

Um halb drei fährt der Zug los, durchquert die Nachbarstadt Dallas und zwei Stunden später auch wie auf dem Hinweg bei Texarkana die Staatsgrenze von Texas und Arkansas. Die Nacht über fährt der Texas Eagle unter regelmäßigem Hupen durch diesen und den nächsten Bundesstaat: Missouri, wo ich in St- Louis nun den Mississippi wieder zurück überquere. In Folge 22 „Auf den Schwingen des Texas Eagle“bin ich diese Strecke schon einmal von Chicago kommend gefahren. Deswegen ist es nicht schlimm, dass es nun draußen dämmert und ich bald nichts mehr von der Landschaft sehen kann.

Nevada - Als ich am dritten Morgen aufwache bin ich schon in Nevada. Der 16. US-Bundesstaat auf meiner Coast2Coast-Roundup-Reise durch Nordamerika. Die roten, fichtenbestandenen Canyons von Colorado habe ich genauso hinter mir gelassen wie die bizarren Tafelberge von Utah. Nun fahre ich durch die Wüste. Eine Straße verläuft manchmal parallel zu der Bahnstrecke. Viel Verkehr ist dort nicht. Manchmal ein einsamer Truck, aber auch ein Schulbus.
Über Nacht hat mein Zug einen bemerkenswerten Zeitvorsprung gegenüber dem Fahrplan rausgefahren, den er am Morgen dann auf den letzten hundert Kilometern bis Fort Worth mit viel Verspätung wieder eingebüßt hat. Aber ich habe es heute gar nicht eilig. Genaugenommen habe ich außer einer Mietwagenreservierung und einer Reservierung im Motel für die kommende Zeit noch keine weiteren Vorkehrungen getroffen und damit auch keine Verpflichtungen. Pünktlich hält der Zug im Bahnhof von Fort Worth und ich trete hinaus in die gleißende texanische Hitze auf den Bahnsteig.
Auch heute werde ich gleich nach dem Frühstück vom kanadischen Unternehmungsgeist auf ein Mountainbike gesetzt, mit denen meine Cousine und ich durch das Tal cruisen. Die Sonne scheint und die Luft ist mild. Ein wirklicher Rundweg gelingt uns allerdings nicht, so dass wir die steilen Vorgebirgshügel, die wir mit viel Schwung und Freude runtergesaust sind, mit viel Muskelschmalz und Schweiß wieder heraufstrampeln müssen.
Richmond, British Columbia - Heute erkunde ich etwas die Nachbarschaft und stoße auf ein sehr großes Freizeitzentrum mit Park, Sportfeldern und einem Kulturzentrum. Ich schaue eine Weile einem Amateur-Fußballspiel zu, wo man in gemischten Teams spielt. Dann wechsele ich als Zuschauerin zu einer Übungsstunde im Hammerwerfen.
Die letzte Folge ging in Amarillo im Coyote Bluff Café zu Ende, wo ich den „Burger from Hell“ aß, der als besonders feurig galt, mir aber weder die Tränen in die Augen noch den Schweiß auf die Stirn getrieben hat. Ich habe deshalb behauptet, dass es nördlich des Rio Grande keine echten Gegner mehr für mich gäbe. Der Rio Grande ist der Grenzfluss zu Mexiko und dort ist das Essen bekanntlich wirklich höllisch scharf. In Vernon gibt es die Taqueria Jalisco, ein mexikanisches Restaurant für den Mittagstisch. Hier essen die mexikanischen Bauerbeiter zu Mittag, was bedeutet, dass ich hier richtig bin.
Seattle -Heute Morgen kann ich es entspannt angehen lassen, denn ich muss erst um viertel vor elf wieder am Bahnhof von Seattle in der King Street Station sein. Das lässt mir Zeit endlich meine Postkarten zu schreiben. Heute schickt man über WhatsApp, Facebook und Instagram Bilder in Echtzeit nach Hause. Die Follower können also live mitreisen.
Springfield, Illinois -Nach neun Uhr morgens hält der Texas Eagle im kleinen Bahnhof von Springfield. Hier muss ich umsteigen, denn ich will ja nicht wieder mit dem Texas Eagle zurück nach Chicago fahren, sondern nach Westen an den Pazifik. Hier wird mir zum ersten Mal klar, dass der Fernverkehr mit dem Zug in den USA kein integriertes, zusammenhängendes Netzwerk ist, sondern aus mehreren Einzelstrecken besteht, die untereinander oft nur an ihren Endpunkten eine Verbindung zueinander haben. Mein nächster Zug ist nämlich der California Zephyr, der zwischen Chicago und Sacramento an der kalifornischen Pazifikküste verkehrt. Also müsste ich ganz bis nach Chicago zurückfahren, um dort dann nach einem Tag Aufenthalt umzusteigen.
Eigentlich liegt meine Unterkunft formal gar nicht mehr in Vancouver, sondern in der Nachbarstadt Richmond. Die Stadt ist nur mit Vancouver verwachsen, weshalb ich sie zunächst für ein Stadtviertel gehalten hatte. Schon auf den ersten Blick habe ich festgestellt, dass sie komplett asiatisch geprägt ist. Die BBC nennt Richmond die asiatischste Stadt Nordamerikas.
Vernon, British Columbia -Nach einer Woche in Vancouver und Richmond brauche ich eine Weile, bis ich mein Reisegepäck wieder zweckmäßig geordnet habe. Dann mache ich mich auf zum Flughafen. Ich reise aber weiter auf dem Landweg durch Nordamerika. Am Flughafen ist die Autovermietung. Mir ist noch bitter in Erinnerung, wie man mich bei der letzten Autovermietung auf dieser Reise im texanischen Fort Worth übers Ohr gehauen hat und wie herablassend man dort als Kundin behandelt wurde. Im freundlichen Kanada ist das nun eine ganz andere Erfahrung.
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