Prioritäten setzen - Meine Juli-Kolumne im GAB-Magazin

Saufen, Fressen, auf die Suche nach Fortpflanzungspartnern gehen. Wenn sich keine finden lassen, dann wenigstens dem Reviernachbarn eins zwischen die Hörner geben. Ansonsten ein schattiges Plätzchen suchen und dösen. – Das sind im Wesentlichen die Prioritäten im Tierreich. Bei uns Menschen ist es nur geringfügig anders: Trinken, Essen, gelegentlich sogar Saufen und davon ermutigt die intensivere Suche nach Sexualpartnern beginnen. Damit bei Letzterem eine Aussicht auf Erfolg besteht, sollten im Vorfeld möglichst regelmäßig Leibesübungen unternommen werden. Doch die Voraussetzungen, um ernsthaft Sport zu treiben, sind für viele von uns hoch: Es darf nicht regnen und weder zu warm noch zu kalt sein. Falls alles passt, verhindern meist gesellschaftliche Anlässe oder die Erwerbsarbeit den Gang ins Fitnessstudio. Ansonsten muss zu Hause mal dringend wieder Staub gewischt werden.
Irgendwas ist also immer, das uns von unseren als wichtig priorisierten Vorhaben abhält. Das geht der Politik nicht anders: Abstammungsrecht, Selbstbestimmungsgesetz, Antidiskriminierung, Bekämpfung von Queerfeindlichkeit – sie haben sich einiges vorgenommen in Berlin, und die Hoffnungen darauf sind in der Community groß. Doch Corona brandet Welle auf Welle heran und in Europa ist Krieg. Es gibt also viel Wichtiges zu tun. Das gibt es immer. Genau deshalb dürfen die queerpolitischen Vorhaben nicht auf die lange Bank geschoben werden.

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Feiern in der Krise - Meine Juni-Kolumne im GAB-Magazin

Neulich lief ich an einem Garten vorbei, und unter der Pergola hörte ich Stimmen. Viele. Und Gelächter. Es war eine private Gartenparty mit etwa drei Dutzend Gästen. „Unerhört“, dachte ich bei mir und suchte im Geiste nach der aktuellen 7-Tage-Inzidenz, den entsprechenden Höchstteilnehmer*innenzahlen und gültigen G-Regeln. Wie mittlerweile wahrscheinlich die meisten, bin ich hier aber längst nicht mehr auf dem Laufenden. Nachdem die große Politik Covid-19 trotz der mitunter vierstelligen Inzidenzen laufen ließ, lassen die Menschen im Land es nun auch laufen. Mit von unzähligen Schnelltests lederhäutig gewordenen Nasenscheidewänden sitzen sie nicht mehr ganz 1,5 Meter auseinander, geben sich aus Gewohnheit lieber weiterhin die Ghetto-Faust statt der Hand und fremdeln auch in der queeren Szene noch mit der potenziell schmierinfektiösen Küsschen-Küsschen-Begrüßung. Über Corona selbst redet man nun erst recht nicht mehr. Während eine europäische Nation in einem Tag für Tag gnadenloseren Krieg um ihren Fortbestand kämpft, mutet das unziemlich an. Über die eigene Versorgungslage tauscht man sich dagegen unbefangener aus, denn Sonnenblumenöl ist jetzt das neue Toilettenpapier. Weitgehend vergessen, weil sie nichts produzieren, was im deutschen Supermarktregal fehlt, sind aber die Menschen im äthiopischen Tigray, dem kurdischen Nordirak oder im Jemen. Wo war noch mal Afghanistan?

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Bequeme Illusionen - Meine Mai-Kolumne im GAB-Magazin

„Frankfurt hat keinen Platz für Queerfeindlichkeit“, hieß es neulich in einem Redebeitrag auf der Solidaritätsdemo gegen gewalttätige Übergriffe auf queere Menschen in der Mainmetropole. Ich würde sagen: Doch. Und Frankfurt hat auch einen Namen für diesen Platz: Die Konstablerwache – am Wochenende zwischen Mitternacht und Tagesanbruch.

Ort und Zeit sind bekannt und nicht neu. Seit mindestens drei Jahrzehnten ist das so. Zwischendurch hatten die Übergriffe mal deutlich abgenommen, doch die homo- und transfeindliche Gewalt steigt seit Jahren unübersehbar an. Dass man nicht noch öfter demonstrieren muss und die behördlich erfassten Hassdelikte gegen Queers in der Frankfurter Innenstadt, wie die Polizei mitteilt, „im mittleren einstelligen Bereich“ rangieren, liegt daran, dass sich die Szene – anders als die Mehrheitsgesellschaft – nicht der bequemen Illusion hingibt, dass es keine Orte gibt, die bestimmte Personengruppen schlichtweg meiden müssen, um Anfeindungen und Gewalt aus dem Weg zu gehen.

Es ist queeres Frankfurter Allgemeinwissen, dass man sich lieber was leiht, als nachts noch mal zum Geldautomaten an der Konstablerwache zu müssen, und sich in diesem Bereich allein am besten mit dem Taxi fortbewegt. Damit sich das ändert, ist ein erster Schritt, sich von lieb gewonnenen Floskeln zu verabschieden, die Realität in den Blick zu nehmen und Lösungen zu suchen.

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Neue Wahrheiten - Meine April-Kolumne im GAB-Magazin

Wenn es eine Gewissheit gibt, dann die, dass nichts absolut sicher ist. Der geglaubte Grundsatz, dass in Europa nie wieder ein Land ein anderes überfallen und mit Krieg überziehen würde, ist über Nacht wertlos geworden. Gleichzeitig können über die Erklärung, dass der Scheitelpunkt nun erreicht sei und die Pandemie ihr Ende finden werde, die Millionen, die in diesem Moment in Quarantäne zu Hause sitzen, nur traurig lächeln, und auch die Autorin dieser Zeilen schreibt sie dieses Mal vom Covid-19-Krankenlager. Die Ereignisse der vergangenen beiden Jahre haben uns drastisch vor Augen geführt, wo Entwicklungen verschlafen und althergebrachte Dogmen von den Erfordernissen der Realität überholt wurden. Das gilt offenkundig sowohl für die Sicherheits- als auch für die Energiepolitik – und die Faxgeräte in den Gesundheitsämtern legen den Verdacht nahe, dass viele weitere Lebensbereiche der Gesellschaft noch nicht in der Gegenwart angekommen sind. Wenn jeder Krise auch eine Chance innewohnt, dann ist jetzt eine gute Gelegenheit, um auch gleich einige andere Glaubenssätze auf den Prüfstand zu stellen. Beispielsweise die oft herbeigeredete wechselseitige Solidarität der queeren Communitys. Es ist höchste Zeit, sich auch hier ehrlich zu machen und anzuerkennen, was sie seit Jahrzehnten unüberbrückbar trennt und wo es wirklich gemeinsame Interessen gibt.

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Sattelfeste Szene - Meine März-Kolumne im GAB-Magazin

Selbstverständlich lassen sich Plexiglasscheiben nicht in das Gestaltungskonzept schwuler Bars einfügen, ohne dass die Ästhetik den virologischen Notwendigkeiten auf halbem Wege entgegenkommen muss. Aber es geht. Steht das Führen von schriftlichen Anwesenheitslisten im Widerspruch zu der besonders in queeren Lokalen wichtigen Diskretion? Aber Hallo! Wie viel Freude macht es Szene-Gastronom*innen, die ihren Gäst*innen einfach nur eine schöne Zeit geben wollen, sie an der Eingangstür abzufangen, um zuerst Impfzertifikate und Personalausweise kontrollieren zu müssen? Gar keine.
Zwei harte Lockdowns haben viele queere Gastro-Betriebe an den finanziellen Abgrund getrieben und manche auch einen Schritt weiter. Das bisweilen monatelange Warten auf die versprochenen staatlichen Unterstützungszahlungen vertrieben sich die Wirt*innen mit dem Entsorgen ihrer abgelaufenen Getränke und Lebensmittel.

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Heimat Szene - Meine Oktober-Kolumne im GAB-Magazin

Kann die Szene Heimat sein? Eine Frage, die mich einmal mehr umtreibt, seit ich unlängst im Büro eines Kollegen eines Plakates der Deutschen Aidshilfe aus dem Jahr 2004 gewahr wurde, das ebendiese Frage stellt. Über Jahrzehnte rief der Begriff „Heimat“ hierzulande Assoziationen mit Schwarzwälder Bollenhut und Trachtenjankerl hervor, die als Stilmittel in sonntagnachmittäglich ausgestrahlten Heimatfilmen häufige Garderobe waren. In ihrer Zeit waren diese Formate erfolgreich, weil sie idyllische Gegenbilder zur Nachkriegsrealität zerstörter Familien und den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung boten. Denn die inszenierten Filmwelten waren geprägt von Sehnsuchtsstoffen wie Liebe, Familie und Freundschaft. Themen, die in übertragener Weise auch die queere Szene ausmachen. Selbstverständlich ergänzt um ein ordentliches Maß Ausschweifung und Sex, die in den Kulissenlandschaften der 1950er-Jahre noch unausgesprochen bleiben mussten. Zum Leben gehören sie in Wahrheit aber im vorgeblich heilen Bergpanorama genauso wie in der schummrigen Szenekneipe. Mit allen individuellen Niederlagen, Verwerfungen und Verletzungen, die sie mit sich bringen können. Das Plakat, das mir ins Auge fiel, empfiehlt deshalb „Aufmerksamkeit statt Nicht(be)achtung“. Denn auch die Szene ist nie eine heile Welt.

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