Düstere Aussicht auf dem Heimweg

Kreuzsee

Noch bevor die Kapellen und Kirchen rings um uns Schlafende in der kleinen Hütte am Ortsrand von Gera Lario um sieben Uhr mit ihrem Morgengeläut begannen, war ich heute wach. Ich richtete unser Frühstück, das bei mir die Besonderheit innehat, dass es aus einer koreanischen Nudelsuppe besteht, die ich heute mit Lauch und Ingwer und einem rohen Ei erweiterte. Die Zubereitung dauert so einen Moment länger, ist nun aber schon seit über einem Jahrzehnt meine Gewohnheit, für die ich, außer dass sie ungewöhnlich ist, keine Gründe finde sie abzulegen.
Durch diesen frühen Start in den Tag waren wir bereits vor zehn Uhr mit unserem Boot auf dem Wasser und dort so früh am Morgen die einzigen. Auf dem Comer See spielt der Wind die Hauptrolle. Vor allem im nördlichen Teil des Gewässers weht er morgens von Norden, um dann nach Mittag die Richtung zu ändern und aus der Gegenrichtung zu blasen. Mit diesem Wissen wollten wir am Vormittag probieren, wie weit südlich wir fahren konnten, um dann in der zweiten Tageshälfte mit dem Wind im Rücken wieder zurück nach Norden zu gelangen. Auf der spiegelglatten Seeoberfläche dieses Morgens passierten wir in Gleitfahrt bald nicht nur den malerischen Ort Bellagio, sondern wenig später auch die Villa Carlotta, die wir gestern besucht hatten. Wir kamen am Ort Nesso vorbei, wo neben efeubewachsenen Gemäuern Steinbrücken einen schmalen Zufluss zum See überspannen, der von einem aus der Höhe herabstürzenden Wasserfall gespeist wird. Mir lag ein Vergleich mit Mittelerde aus dem „Herr der Ringe“-Epos auf den Lippen. Unnötig, denn es genügt sich zu freuen, dass auch unsere Erde solche fantastischen Orte für uns bereithält.


An der Südspitze des Sees liegt die namensgebende Stadt Como. Wir erreichten sie pünktlich zum Mittagessen, mussten allerdings noch eine weitere Stunde darauf verzichten, denn wir fanden keinen Ort, an dem das Anlegen gestattet war. Auf der Google-Sattelitenansicht hatte ich einen wunderbaren Steg gesehen, an dem auf der Aufnahme zwei Schlauchboote festgemacht hatten, als seien sie Tagesgäste wie wir. Also steuerten auch wir ihn an, freuten uns, dass der Ponton unbelegt war, begannen die Leinen festzumachen, als wir durch die aufgenieteten „No Parking“-Schilder enttäuscht wurden. In der örtlichen Marina von Como waren keine Anlegestelle für Gastlieger zu sehen, aber einige Liegebuchten waren offensichtlich unvermietet. Wir wogen Für und Wider ab, machten an einer unbelegten Box fest und liefen zum Ende des Steges, wo wir ein verschlossenes Tor vorfanden, dass uns den Übertritt auf festes Land verwehrte. Solche Zugangssperren sind in Sportboothäfen üblich, wir hatten einfach nicht daran gedacht. Wiederum enttäuscht machten wir das Boot los und suchten weiter, bemerkten die Baustelle an dem letzten Steg der Reihe, wo Arbeiter zugange waren. Hier stand das Tor zum Ufer offen, weil ihr Baufahrzeug auf der Straße parkte, zu dem sie freien Zugang benötigten. Hier machten wir fest, in dem Vertrauen darauf, dass die Handwerker noch bis zum Abend hier arbeiten würden und wir unbehindert durch das offenstehende Tor zurück zu unserem Boot gelangen würden.

Zur Mittagsmahlzeit fanden wir eine Stunde später ein kleines Lokal, wo ich mich an Spaghetti mit Meeresfrüchten satt aß und mein Bruder mit lediglich sechs Ravioli auf seinem Teller hungrig blieb.
Anschließend spazierten wir durch die Gassen der Altstadt von Como, besuchten den Dom und dann den Carrefour, wo wir uns mit den von mir herbeigesehnten Tomaten und anderen Lebensmitteln für die nächsten Tage eindeckten.
Nun war es heiß, wenige Meter nach dem Supermarkt riss unsere Papiertüte und wir mussten die Einkäufe mehr schlecht als recht auf unser Boot schaffen. Immerhin war die Tür dahin noch offen.
Auf der Rückfahrt mussten wir wieder einmal feststellen, dass jede Regel eine Ausnahme hat. Denn obwohl es nun nach vier Uhr nachmittags war, wehte der Wind noch immer aus Norden. Wir konnten kaum noch in Gleitfahrt bleiben, weil die Wellen nun an Höhe zunahmen und die Schläge auf den Rumpf unerträglich wurden. Auf der Höhe von Bellagio, wo der See in Form eines auf dem Kopf stehenden „Y“ sich verzweigt, wurde der Wind so stark, dass wir nur noch in langsamer Fahrt vorankamen. Immer wieder spritzte auch Gischt ins Boot. Ich steuerte das westliche Ufer an, in der Hoffnung, dass dort das Wasser ruhiger sein würde, doch nun hatte es sich beruhigt und wir konnten wieder mit höherer Geschwindigkeit fahren. Noch weiter im Norden erspähte ich eine weiße Linie über dem Horizont der Seeoberfläche. Dort musste es rauer zugehen, wenn hier die Wellen Schaumkämme trugen. Tatsächlich wurde der Wind so stark, wie wir es bislang hier noch nicht erfahren hatten und nun wurden wir schnell sehr nass. Der Wind kam ziemlich genau aus Nord. Mein Bruder schlug vor auf die Ostseite des Sees zu wechseln und die Windabdeckung einiger Landvorsprünge zu nutzen, um geschützter voranzukommen. Später stellten wir anhand der Karte fest, dass wir uns in glücklicher Unwissenheit die schmalste Stelle des Sees dazu ausgesucht hatten. Dennoch war auch diese kurze Strecke eine Herausforderung, denn nun goss uns beinahe jede Welle eimerweise Wasser ins Gesicht. Doch es lohnte sich, denn tatsächlich war unter den Landzungen das Wasser ruhiger. Doch dort, wo die Bergrücken niedriger wurden, sah man wieder die weißen Kämme auf dem gekräuselten, schwarzen Wasser, das wir gleich würden befahren müssen. Schon ein Stück vorher kam eine Böe herangerast und fiel uns an, wie ein wildes Tier. Von den steilen Ufern wurden die Wellen zurückgeworfen, während der Wind aus anderer Richtung das Wasser auf uns zutrieb und sich so die Wellen kreuzten. In nautischer Sprache heißt, dieses Phänomen “Kreuzsee“ und ist wegen seiner Tücken gefürchtet. Hier gab es keine richtige oder falsche Geschwindigkeit oder einen ruhigen oder unruhigen Steuerkurs mehr. Wir mussten es aushalten und ausreiten, mit unserem Heimathafen von Gera Lario schon in der Ferne erkennbar. Kurz bevor wir dort anlangten, stellten wir zu unserer Verblüffung fest, dass die Seeoberfläche beinahe so glatt war wie bei unserer Ausfahrt zehn Stunden zuvor. Der Himmel strahlte in abendlichem Blau und kaum noch eine Wolke war zu sehen. Für die Beobachter an Land wird es kaum verständlich gewesen sein, als wir mit nassen Hosen, in Regenjacken, die Kapuzen noch ins Gesicht gezogen auf unseren Liegeplatz einbogen und festmachten.
Heute hatten wir den Comer See über einhundert Kilometer zweimal der Länge nach durchfahren und dabei mehr von ihm mitbekommen, als uns lieb war. Gegen acht Uhr rauchte der Grill und schon beim Essen konnte ich nicht aufhören, von meinem Bett zu sprechen, in dass ich sobald das Geschirr gespült war, beim zehnten Glockenschlag von den Kirchtürmen verschwand.