Litauen: Ohne Mampf kein Kampf

Heute erwachte ich in bester Laune und ausgeschlafen noch vor 6 Uhr. Der Blick aus dem Fenster zeigte das Kurische Haff und in weiterer Entfernung die Außenbezirke von Klaipėda in Nebel gehüllt.

Gestern war ich mit meinem Kollegen Werner Pizza Essen gegangen, denn wir beide hatten keine Lust auf das seit über einer Woche gleicher Einheitsmenü im Hotel. Ich hatte mich verschätzt wie groß eine Pizza mit 42 Zentimetern Durchmesser sein kann. Sie war gewaltig und ich konnte in dem mit Spirituosen gefüllten Kühlschrank im Hotel kein Reste davon aufbewahren. Deswegen habe ich den Teil, den ich gestern aus dem Restaurant mitgenommen habe, abends noch im Zimmer vertilgt. Entsprechend satt war ich heute morgen noch und es gab nur ein Obstfrühstück und ein bisschen Cornflakes. Den Tag auf der Baustelle begann ich mit Sandsieben, denn der Fertigbeton wird nicht ausreichen um die übrigen zwei Fundamente zu betonieren. Deswegen siebe ich im Wald etwas Kiessand durch, sammle Steine und strecke damit etwas den Fertigbeton. Mit einem Kollegen namens Julian, dem jüngsten unter den Teilnehmern, walze ich dann zusammen die aufgeschüttete Erde im hinteren Teil das Friedhofs. Das ist mühsam und wir müssen zu zweit an der Walze ziehen wie zwei Ackergäule. Doch bis zum Mittag ist es geschafft und nun sind wir abkommandiert, um auf dem Friedhofsteil für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges die Wege zu säubern und zu walzen.

Soldatenfriedhof von Klaipėda, 16:40 Uhr

Endlich Konten die letzten beiden Fundamente betoniert werden. Zwar etwas anders, als ich es gemacht hätte, aber immerhin ist das jetzt endlich fertig. Außerdem gab es noch Unstimmigkeiten wie die Gräber für die umgebetteten Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg abgedeckt werden sollten. Heute morgen hatte ich vorgeschlagen die Flächen mit Rindenmulch abzugrenzen, sollte aber warten, ob der Rindenmulch dafür ausreicht.

Um 16 Uhr lagen die beiden Säcke mit dem Rindenmulch immer noch ungeöffnet rum und ich musste erstmal ein bisschen rumfragen, wie denn nun weiter verfahren werden würde. Schließlich habe ich mit Rindenmulch nun kurzerhand  die zwei Grabfelder abgedeckt. Es sieht gut aus und der Schlosser-Trupp hat bereits zu fantasieren begonnen, dass sie auf die Grabfläche für die umgebetteten Gefallenen des Ersten Weltkriegs ein Grabkreuz schweißen möchten. Ich begrüße das sehr und habe im Kopf meinerseits schon mit den dafür notwendigen Überlegungen begonnen, damit es auch gut im Boden verankert werden kann. Nun ist es kurz vor Feierabend und ich bin mit dem Arbeitstag sehr zufrieden. Nach fast zwei Wochen gewöhnt man sich wieder an die regelmäßig körperliche Arbeit.

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Manchen meiner Kameradinnen und Kameraden bei diesem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass sehe ich an, dass sie gestern erst nach Mitternacht ins Bett gekommen sind. Auf der etwa 20-minütigen Busfahrt hinauf zum Futa-Pass war es heute Morgen außergewöhnlich ruhig. Wie an den anderen Tagen auch beginnen wir mit dem Freischneiden der Grabsteine und ich mache einige Transportfahrten mit dem Traktor.

Meine Arbeit auf dem deutschen Kriegsgräberfriedhof im litauischen Klaipeda geht weiter. Dieses Mal braucht es dafür einen eisernen Willen und kreative Ideen. Denn die schweren schmiedeeisernen Zäune müssen repariert und aufgearbeitet werden. Ein langes Stück Zaun auf der Seite zur viel befahrenen Hauptstraße ist sehr verrostet und droht völlig kaputt zu gehen. Jeden Winter werden auf der Straße große Mengen Streusalz verwendet. Die sind jedoch gefährlich für das Metall der Zäune. Es muss viel Rost abgeklopft und mit Drahtbürsten abgerieben.

Es ist höchste Zeit, dass ich euch erzähle, was wir hier bei dem Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsch Kriegsgräberfürsorge in der litauischen Hafenstadt Klaipėda eigentlich machen. Bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges wurde ein Soldatenfriedhof angelegt. Nach dem Krieg wurde er dann an den Ort verlegt, an dem wir heute arbeiten.

Bereits seit einer Woche habe ich jeden Morgen beim Aufstehen aus dem Fenster auf die Kurische Nehrung geblickt. In der jüngeren deutschen Geschichte der vergangenen 150 Jahre gilt diese langgestreckte Halbinsel zwischen Kurischem Haff und der Ostsee als Sehnsuchtsort. Der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt schrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dort an seine Frau: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Dabei hat er die Nehrung nur auf einer herbstlichen Wagenfahrt kennen gelernt, "24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser", wie er schreibt, im Jahr 1809, als die Nehrung am ödesten war. [Anmerkung: Am Ende des Videos schreibe ich dieses Alexander von Humboldt zu, dem Bruder des eigentlichen Zitatgebers. Ich habe es aber recherchiert und Alexander von Humboldt war nicht nur zu jener Zeit in Paris, sondern war darüber hinaus nie verheiratet und konnte also dieses Zitat nicht an seine Frau geschrieben haben. Viele Publikationen schreiben es ihm aber dennoch zu und ich finde, es hätte genauso gut von ihm stammen können.] Die Kurische Nehrung ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte des Memellandes und großer Teile Ostpreußens. Vielleicht darüber hinaus auch anderer ehemaliger deutscher Gebiete. Denn dort ist unübersehbar, wie unterschiedliche Bevölkerungen, Sprachen, Kulturen und Konfessionen miteinander verwoben lebten und einen gemeinsamen Faden durch die Geschichte spannen. Die ehemaligen deutschen Orte mit den eigentümlichen nehrungskurischen Namen tragen heute litauische. Die Teilung der Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil manifestiert an diesem kleinen Ostseeabschnitt sowohl das Ende des Zweiten Weltkrieges als auch die geopolitische Situation des Kalten Krieg bis heute. Die Kurische Nehrung lässt einen Natur auf eine besondere Art und Weise intensiv erleben. Im Grunde gibt es dort aber nichts, was es nicht auch anderswo gibt: Dünen, Wald, Wiesen, Strand und Meer. Das Kurische Haff ist an vielen Stelen nur wenige KIlometer breit und meist nur vier bis fünf Meter tief. Man erzählt, dass man bei tiefen Sonnenstand die Elche auf den Lichtungen stehen sehen könnte, doch ich bezweifele, dass sich diese gewaltigen Wildtiere regelmäßig hierher verirren. Die Nehrung ist schon lange in Menschenhand. Der letzte Wolf wurde hier 1766 geschossen. Der letzte Rothirsch 1920. Bei diesem Ausflug setzen wir bei Klaipeda mit dem Bus über das Haff und fahren zunächst nach Juodkrante (Schwarzort). Dort spazieren wir über den Hexenberg mit seinen mythischen Holzschnitzereien. Weiter geht es nach Nida (Nidden). Dort besuchen wir die Kirche und treffen den Pastor, der uns erzählt, wie pragmatisch die Menschen hier ihr Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen organisieren. Auf dem Friedhof besehen wir uns die Kurenzeichen. Grabmale, die es so nur noch hier gibt. Mit dem Schiff fahren wir die Kurischen Nehrung an der großen Düne entlang nach Süden bis an die Grenze zu Russland. Dort müssen wir umkehren. Auch für den berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann war die Nehrung ein Sehnsuchtsort. So sehr, dass er sich hier ein Haus bauen ließ. Wir besuchen es und ich versuche mir vorzustellen, wie hier Thomas Mann beim Schreiben aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, während er über die nächste Formulierung nachdachte.

Jessica Welt

Seit etwa einem Jahr lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.