Die Festung Kufstein

Deutschland/Österreich: Motorradetappe nach Kufstein

Bis es gestern anfing zu Gewittern hatte ich mich sehr unwohl gefühlt. Fast kränklich. Als sich der Himmel dann entlud, war es mit einem Mal besser und ich begann meine Motorrad-Koffer zu packen. Nachdem ich letzten Sonntag erst von der letzten Reise zurückgekehrt war, lag der Großteil meines Gepäcks noch griffbereit. Nur eine neue Zahnbürste packte ich ein. Ich fahre wieder mit dem Volksbund Kriegsgräberfürsorge auf einen freiwilligen Arbeitseinsatz. Dieses Mal ist der Futa-Pass zwischen Bologna und Florenz in Italien unser Ziel. Dort wird es heiß sein und die schweren Wanderschuhe können zu Hause bleiben. Ich plane nur mit Sportschuhen Motorrad zu fahren. Das ist nicht vernünftig, aber organisatorisch am praktischsten. Der Bus der Bundeswehr fährt dieses Mal von Hannover ab. Das würde bedeuten, dass ich erst dorthin fahren müsste, um zuzusteigen und dann die gleiche Strecke mit dem Bus wieder nach Süden zurücklegen würde. Außerdem bricht der Bus schon morgens um acht Uhr auf. Nur theoretisch könnte ich versuchen, morgens mit der Deutschen Bahn dorthin zu kommen. Aber das Risiko ist natürlich viel zu groß, dass ich dort zu spät ankomme. Ohnehin habe ich mir nach sehr vielen Enttäuschungen vorgenommen, auf das Angebot der Deutschen Bahn zu verzichten.

Auch auf dieser Fahrt zum Zielort muss der Bus eine Zwischenstation machen. Auf der letzten Reise nach Litauen haben wir in Masuren übernachtet. Bei dieser Anreise zum Futa-Pass rasten wir in Kufstein. Deswegen habe ich mich entschieden die erste Etappe wieder mit dem Motorrad zurückzulegen. Also breche ich heute Morgen um acht Uhr auf und fahre zunächst einfach nur auf der Autobahn. Über einen GPS-Tracke zeichne ich seit etwa einem Jahr auf, wo ich überall schon war und trage alle zurückgelegten Strecken in eine Online-Karte ein. Deswegen vermeide ich es, zweimal die gleiche Route zu nutzen. Ab Würzburg wechsele ich deshalb die Einstellung am Navigationsgerät auf „Autobahn vermeiden“. So lotst mich das Gerät über die Dörfer und keine Strecke gleicht der anderen. Lange fahre ich über die Bundestraße, später auf immer kleineren Landstraßen, die nicht einmal mehr markiert sind.

Oberbayrischer Dönerteller
Oberbayrischer Dönerteller

In Mindelstetten muss ich tanken und im nächsten Ort Pförring steuere ich die Gastwirtschaft am Marktplatz an, in Erwartung einer gutbürgerlichen Mittagsmahlzeit. Doch der Wirt erklärt, dass die Küche kalt bleibe und empfiehlt mir seinen Kollegen „Mr. Kebap“ direkt nebenan. So esse ich als in weißblau-oberbayrische Idylle einen Döner-Teller zu Mittag.

Nun ist es schon nach ein Uhr, das Navigationsgerät zeigt an, dass ich mit dieser Routenplanung noch bis halb fünf weiter zu fahren habe. Der Hintern tut schon wieder ausreichend weh und ich möchte auch nicht als Letzte unserer Gruppe in Kufstein ankommen und vielleicht erste Absprachen verpassen. Deshalb schalte ich das Navi um, damit die Autobahnen wieder in die Routenplanung einbezogen werden. Bald fahre ich auf der Autobahn Richtung Innsbruck über die deutsch-österreichische Grenze und verlasse sie bei Kufstein-Nord. Das Hotel Goldener Löwe liegt mitten in der Altstadt unterhalb der Festung und ist ein Traditionsbetrieb. Die Rezeptionistin erklärt mir, dass ich mein Motorrad in der öffentlichen Tiefgarage für die kommenden zwei Wochen abstellen kann. Denn ich möchte nicht selbst bis zum Futa-Pass fahren. Unter Vermeidung von mautpflichtigen Autobahnen würde das ab Kufstein fast 11 Stunden Fahrt bedeuten. Im Hotel kann ich auf dem Rückweg in zwei Wochen eine Ausfahrtkarte für gerade einmal 12 Euro erwerben. So günstig konnte ich nicht einmal zuletzt in Frankfurt/Oder mein Zweirad unterstellen. Dort hatte ich mir eine der Garagen eines Hotels zusammen mit meinem Motorrad fahrenden Kollegen Werner für acht Euro pro Tag gemietet. Das ist eine zufriedenstellende Lösung und die Vorteile einer entspannten Busfahrt und einer sicheren Unterbringung meines Motorrades überwiegen den Reiz einer zermürbenden Marathontour durch die Toskana deutlich.

Kufsteins Tönendes Denkmal

Ich setzte mich im Zimmer aufs Bett und tippe diese Zeilen. Das Fenster steht weit offen, denn es ist warm. Plötzlich höre ich das durch Frank Sinatra berühmt gewordene Musikstück „My Way“. Gespielt von einer großen Orgel. Ich überlege, ob der Organist gerade Übungsstunde hat, oder ob eventuell ein sehr progressiver Gottesdienst das Lied ausgewählt hat, denn auch auf den sehr individuellen Lebensweg von Jesus von Nazareth würde es ja passen.

Es ist aber die sogenannte Heldenorgel, die größte Freiluftorgel der Welt, die im Jahr 1931 als Tönendes Denkmal errichtet wurde und an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern soll. Ob sie damals geahnt hatten, dass die Orgel ein Jahrzehnt später bereits an die Toten eines weiteren Weltkrieges würde erinnern müssen? Die Orgel wird täglich um zwölf Uhr für zehn Minuten gespielt und in den Sommermonaten Juli und August zusätzlich auch abends um sechs Uhr. Dieses musikalische Rahmenprogramm zum Gedenken an die Kriegstoten ist ein überraschend passender Bezug zu dem Inhalt meiner Reise für den Volksbund Kriegsgräberfürsorge zum größten deutschen Soldatenfriedhof Italiens.

Vlogs - Newsflash

Manchen meiner Kameradinnen und Kameraden bei diesem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass sehe ich an, dass sie gestern erst nach Mitternacht ins Bett gekommen sind. Auf der etwa 20-minütigen Busfahrt hinauf zum Futa-Pass war es heute Morgen außergewöhnlich ruhig. Wie an den anderen Tagen auch beginnen wir mit dem Freischneiden der Grabsteine und ich mache einige Transportfahrten mit dem Traktor.

Meine Arbeit auf dem deutschen Kriegsgräberfriedhof im litauischen Klaipeda geht weiter. Dieses Mal braucht es dafür einen eisernen Willen und kreative Ideen. Denn die schweren schmiedeeisernen Zäune müssen repariert und aufgearbeitet werden. Ein langes Stück Zaun auf der Seite zur viel befahrenen Hauptstraße ist sehr verrostet und droht völlig kaputt zu gehen. Jeden Winter werden auf der Straße große Mengen Streusalz verwendet. Die sind jedoch gefährlich für das Metall der Zäune. Es muss viel Rost abgeklopft und mit Drahtbürsten abgerieben.

Es ist höchste Zeit, dass ich euch erzähle, was wir hier bei dem Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsch Kriegsgräberfürsorge in der litauischen Hafenstadt Klaipėda eigentlich machen. Bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges wurde ein Soldatenfriedhof angelegt. Nach dem Krieg wurde er dann an den Ort verlegt, an dem wir heute arbeiten.

Bereits seit einer Woche habe ich jeden Morgen beim Aufstehen aus dem Fenster auf die Kurische Nehrung geblickt. In der jüngeren deutschen Geschichte der vergangenen 150 Jahre gilt diese langgestreckte Halbinsel zwischen Kurischem Haff und der Ostsee als Sehnsuchtsort. Der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt schrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dort an seine Frau: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Dabei hat er die Nehrung nur auf einer herbstlichen Wagenfahrt kennen gelernt, "24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser", wie er schreibt, im Jahr 1809, als die Nehrung am ödesten war. [Anmerkung: Am Ende des Videos schreibe ich dieses Alexander von Humboldt zu, dem Bruder des eigentlichen Zitatgebers. Ich habe es aber recherchiert und Alexander von Humboldt war nicht nur zu jener Zeit in Paris, sondern war darüber hinaus nie verheiratet und konnte also dieses Zitat nicht an seine Frau geschrieben haben. Viele Publikationen schreiben es ihm aber dennoch zu und ich finde, es hätte genauso gut von ihm stammen können.] Die Kurische Nehrung ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte des Memellandes und großer Teile Ostpreußens. Vielleicht darüber hinaus auch anderer ehemaliger deutscher Gebiete. Denn dort ist unübersehbar, wie unterschiedliche Bevölkerungen, Sprachen, Kulturen und Konfessionen miteinander verwoben lebten und einen gemeinsamen Faden durch die Geschichte spannen. Die ehemaligen deutschen Orte mit den eigentümlichen nehrungskurischen Namen tragen heute litauische. Die Teilung der Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil manifestiert an diesem kleinen Ostseeabschnitt sowohl das Ende des Zweiten Weltkrieges als auch die geopolitische Situation des Kalten Krieg bis heute. Die Kurische Nehrung lässt einen Natur auf eine besondere Art und Weise intensiv erleben. Im Grunde gibt es dort aber nichts, was es nicht auch anderswo gibt: Dünen, Wald, Wiesen, Strand und Meer. Das Kurische Haff ist an vielen Stelen nur wenige KIlometer breit und meist nur vier bis fünf Meter tief. Man erzählt, dass man bei tiefen Sonnenstand die Elche auf den Lichtungen stehen sehen könnte, doch ich bezweifele, dass sich diese gewaltigen Wildtiere regelmäßig hierher verirren. Die Nehrung ist schon lange in Menschenhand. Der letzte Wolf wurde hier 1766 geschossen. Der letzte Rothirsch 1920. Bei diesem Ausflug setzen wir bei Klaipeda mit dem Bus über das Haff und fahren zunächst nach Juodkrante (Schwarzort). Dort spazieren wir über den Hexenberg mit seinen mythischen Holzschnitzereien. Weiter geht es nach Nida (Nidden). Dort besuchen wir die Kirche und treffen den Pastor, der uns erzählt, wie pragmatisch die Menschen hier ihr Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen organisieren. Auf dem Friedhof besehen wir uns die Kurenzeichen. Grabmale, die es so nur noch hier gibt. Mit dem Schiff fahren wir die Kurischen Nehrung an der großen Düne entlang nach Süden bis an die Grenze zu Russland. Dort müssen wir umkehren. Auch für den berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann war die Nehrung ein Sehnsuchtsort. So sehr, dass er sich hier ein Haus bauen ließ. Wir besuchen es und ich versuche mir vorzustellen, wie hier Thomas Mann beim Schreiben aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, während er über die nächste Formulierung nachdachte.

Jessica Welt

Seit etwa einem Jahr lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.