Italien: Florenz

„Man hört so viel, kaum einer kennt’s, drum fahr‘ ich heute nach Florenz“, dichtete ich heute für einen Post für die sozialen Medien und das stimmt. Manche waren schon mit der Schule dort, ich noch nie. Florenz war aber die Wirkungsstätte vieler bedeutender Persönlichkeiten und bei jedem literarischen Kontakt mit denen, treffe ich auch immer wieder auf Florenz. Ob ich hierher gefahren wäre, wenn ich die Gegend besucht hätte oder wann ich das erste mal diese Stadt gezielt angesteuert hätte, bin ich mir aber nicht sicher. Ich hatte Touristenfluten wie in Venedig erwartet. Dort war ich aber auch noch nie. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass heute ein heißer Augusttag war und natürlich war an den Must-See-Hotspots in der florentiner Altstadt viel los. Aber es war kein Gedränge. Ein Selfie ohne Menschen im Hintergrund hätte man aber auch nicht fotografieren können.

Wir fuhren mit unserem Bundeswehr-Bus zu einem Park&Ride-Parkplatz und mit der Straßenbahn dann weiter zum Hauptbahnhof. Dann ist man schon in der Altstadt. Neben dem Dom trafen wir unsere Stadtführerin Angelika. Die verteilte kleine Empfangsgeräte und Knopfohrhörer, die ihre Stimme direkt in unser Ohr übertrugen. Das ist wirklich die beste Lösung, um einer großen Gruppe an unterschiedlichen Orten etwas hörbar vorzutragen. Zum Teufel mit den Stadtführern, die mit Lautsprechern die Umgebung beschallen! Ich werde diese Variante auch zu Hause einem Bekannten, der Stadtführer in Frankfurt ist vortragen, bin mir aber sicher, dass er beim althergebrachten lauten Sprechen bleiben wird.

Schon beim Anblick des Doms Santa Maria del Fiore und des danebenstehenden Glockenturm-Campaniles wusste ich, dass ich Florenz unterschätzt hatte. Der dreifarbige Marmor und die überladene Fassade der Kathedrale überraschten mich sehr. Leider bin ich viel zu sehr ins Hintertreffen mit meiner Reiserecherche geraten, als dass ich mich darauf hätte vorbereiten und etwas nachlesen können. Das tue ich erst jetzt und werde mich nach dem Abfassen dieser Zeilen auch wieder der Konstruktion der gewaltigen Kuppel widmen. Man nimmt an, dass die florentiner Dom-Kuppel kunstgeschichtlich den Beginn der Renaissance darstellt. Doch dadurch, dass die Kuppel durch die acht tragenden Rippen eigentlich ein ins gigantische gesteigertes gotisches Gewölbe ist, muss man hier zurückrudern, denn die Bautradition der mittelalterlichen Gotik wird noch nicht ganz verlassen.

Fleisch im Ristorante Toto
Im Ristorante Toto gibt es gute Pizza - aber definitiv auch Fleisch

Nach der Führung essen wir Pizza im Ristorante Toto, von dem es heißt, dass es die älteste Pizzeria der Stadt sei. Die Pizza ist gut, der gemischte Salat, wie überall enttäuschen und ich muss aufhören, mit immer wieder dieses bisschen grün, mit drei Tomatenscheiben zu bestellen. Danach seile ich mich vom Rest der Gruppe ab, spaziere in der Gluthitze über die von der Ponte Vecchio übernächste Brücke zu einer Eisdiele, die mir Google Maps anzeigt. Dort erstehe ich für vier Euro einen Becher mit Vanille- und Stracciatella-Eiscreme, die schneller schmilzt, als ich sie löffeln kann. Um halb drei treffen wir uns wieder am Dom. Einer Teilnehmerin geht es nicht gut und sie leidet unter Bauchkrämpfen, Übelkeit und Erbrechen. Deshalb entfällt der zweite Programmteil für den heutigen Nachmittag. Wir hatten geplant den amerikanischen Soldatenfriedhof der Region zu besuchen, doch das fällt mit einer unpässlichen Kameradin leider aus.

Vlogs - Newsflash

Manchen meiner Kameradinnen und Kameraden bei diesem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass sehe ich an, dass sie gestern erst nach Mitternacht ins Bett gekommen sind. Auf der etwa 20-minütigen Busfahrt hinauf zum Futa-Pass war es heute Morgen außergewöhnlich ruhig. Wie an den anderen Tagen auch beginnen wir mit dem Freischneiden der Grabsteine und ich mache einige Transportfahrten mit dem Traktor.

Meine Arbeit auf dem deutschen Kriegsgräberfriedhof im litauischen Klaipeda geht weiter. Dieses Mal braucht es dafür einen eisernen Willen und kreative Ideen. Denn die schweren schmiedeeisernen Zäune müssen repariert und aufgearbeitet werden. Ein langes Stück Zaun auf der Seite zur viel befahrenen Hauptstraße ist sehr verrostet und droht völlig kaputt zu gehen. Jeden Winter werden auf der Straße große Mengen Streusalz verwendet. Die sind jedoch gefährlich für das Metall der Zäune. Es muss viel Rost abgeklopft und mit Drahtbürsten abgerieben.

Es ist höchste Zeit, dass ich euch erzähle, was wir hier bei dem Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsch Kriegsgräberfürsorge in der litauischen Hafenstadt Klaipėda eigentlich machen. Bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges wurde ein Soldatenfriedhof angelegt. Nach dem Krieg wurde er dann an den Ort verlegt, an dem wir heute arbeiten.

Bereits seit einer Woche habe ich jeden Morgen beim Aufstehen aus dem Fenster auf die Kurische Nehrung geblickt. In der jüngeren deutschen Geschichte der vergangenen 150 Jahre gilt diese langgestreckte Halbinsel zwischen Kurischem Haff und der Ostsee als Sehnsuchtsort. Der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt schrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dort an seine Frau: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Dabei hat er die Nehrung nur auf einer herbstlichen Wagenfahrt kennen gelernt, "24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser", wie er schreibt, im Jahr 1809, als die Nehrung am ödesten war. [Anmerkung: Am Ende des Videos schreibe ich dieses Alexander von Humboldt zu, dem Bruder des eigentlichen Zitatgebers. Ich habe es aber recherchiert und Alexander von Humboldt war nicht nur zu jener Zeit in Paris, sondern war darüber hinaus nie verheiratet und konnte also dieses Zitat nicht an seine Frau geschrieben haben. Viele Publikationen schreiben es ihm aber dennoch zu und ich finde, es hätte genauso gut von ihm stammen können.] Die Kurische Nehrung ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte des Memellandes und großer Teile Ostpreußens. Vielleicht darüber hinaus auch anderer ehemaliger deutscher Gebiete. Denn dort ist unübersehbar, wie unterschiedliche Bevölkerungen, Sprachen, Kulturen und Konfessionen miteinander verwoben lebten und einen gemeinsamen Faden durch die Geschichte spannen. Die ehemaligen deutschen Orte mit den eigentümlichen nehrungskurischen Namen tragen heute litauische. Die Teilung der Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil manifestiert an diesem kleinen Ostseeabschnitt sowohl das Ende des Zweiten Weltkrieges als auch die geopolitische Situation des Kalten Krieg bis heute. Die Kurische Nehrung lässt einen Natur auf eine besondere Art und Weise intensiv erleben. Im Grunde gibt es dort aber nichts, was es nicht auch anderswo gibt: Dünen, Wald, Wiesen, Strand und Meer. Das Kurische Haff ist an vielen Stelen nur wenige KIlometer breit und meist nur vier bis fünf Meter tief. Man erzählt, dass man bei tiefen Sonnenstand die Elche auf den Lichtungen stehen sehen könnte, doch ich bezweifele, dass sich diese gewaltigen Wildtiere regelmäßig hierher verirren. Die Nehrung ist schon lange in Menschenhand. Der letzte Wolf wurde hier 1766 geschossen. Der letzte Rothirsch 1920. Bei diesem Ausflug setzen wir bei Klaipeda mit dem Bus über das Haff und fahren zunächst nach Juodkrante (Schwarzort). Dort spazieren wir über den Hexenberg mit seinen mythischen Holzschnitzereien. Weiter geht es nach Nida (Nidden). Dort besuchen wir die Kirche und treffen den Pastor, der uns erzählt, wie pragmatisch die Menschen hier ihr Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen organisieren. Auf dem Friedhof besehen wir uns die Kurenzeichen. Grabmale, die es so nur noch hier gibt. Mit dem Schiff fahren wir die Kurischen Nehrung an der großen Düne entlang nach Süden bis an die Grenze zu Russland. Dort müssen wir umkehren. Auch für den berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann war die Nehrung ein Sehnsuchtsort. So sehr, dass er sich hier ein Haus bauen ließ. Wir besuchen es und ich versuche mir vorzustellen, wie hier Thomas Mann beim Schreiben aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, während er über die nächste Formulierung nachdachte.

Jessica Welt

Seit etwa einem Jahr lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.