...schreibt

  • Anleitung zum Spazierengehen: Meine April Kolumne im GAB-Magazin

    Im Jahr 1776 machte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einen Spaziergang durch die abgeernteten, menschenleeren Weinberge und Felder vor Paris. Beeindruckt durch das Bild der Verlassenheit um sich herum schrieb er: „Der Anblick bot eine Mischung aus schönen und traurigen Eindrücken, die meinem Alter und meinem Schicksal so sehr entsprach, dass ich ihn geradezu auf mich beziehen musste.“ Diese Zeilen kamen mir in den Sinn, als ich unlängst maskiert und zu allem und jedem den gebotenen Abstand wahrend mit einem Freund durch die Straßen und Gassen der queeren Szene in der Frankfurter Innenstadt flanierte. Die Stationen unseres sonst leutseligen Bar-Hoppings fanden wir erwartungsgemäß mit herabgelassenen und dem Straßenstaub von Monaten bedeckten Rollläden vor. Doch entlang unserer üblichen Pfade durch das schwule Bermuda-Dreieck begegneten uns immer wieder die Menschen, die unsere Szene so liebenswert machen. Schnell waren die wenigen Neuigkeiten ausgetauscht und man lachte und schäkerte gemeinsam. Auch Rousseau erging sich angesichts des von seiner Umgebung dargebotenen Bildes der Einsamkeit nicht in Missmut. Vielmehr erzeugte sie eine neue Bezogenheit zu sich selbst, Selbstgenuss und einen Verstärker seiner Emotionen, sodass er notierte: „Die Quelle des wahren Glücks, so lernte ich durch eigene Erfahrung, liegt in uns selber; und keine Macht der Welt vermag es, jemanden elend zu machen, der glücklich sein will und weiß, wie er es wird …“

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  • Bequeme Illusionen - Meine Mai-Kolumne im GAB-Magazin

    „Frankfurt hat keinen Platz für Queerfeindlichkeit“, hieß es neulich in einem Redebeitrag auf der Solidaritätsdemo gegen gewalttätige Übergriffe auf queere Menschen in der Mainmetropole. Ich würde sagen: Doch. Und Frankfurt hat auch einen Namen für diesen Platz: Die Konstablerwache – am Wochenende zwischen Mitternacht und Tagesanbruch.

    Ort und Zeit sind bekannt und nicht neu. Seit mindestens drei Jahrzehnten ist das so. Zwischendurch hatten die Übergriffe mal deutlich abgenommen, doch die homo- und transfeindliche Gewalt steigt seit Jahren unübersehbar an. Dass man nicht noch öfter demonstrieren muss und die behördlich erfassten Hassdelikte gegen Queers in der Frankfurter Innenstadt, wie die Polizei mitteilt, „im mittleren einstelligen Bereich“ rangieren, liegt daran, dass sich die Szene – anders als die Mehrheitsgesellschaft – nicht der bequemen Illusion hingibt, dass es keine Orte gibt, die bestimmte Personengruppen schlichtweg meiden müssen, um Anfeindungen und Gewalt aus dem Weg zu gehen.

    Es ist queeres Frankfurter Allgemeinwissen, dass man sich lieber was leiht, als nachts noch mal zum Geldautomaten an der Konstablerwache zu müssen, und sich in diesem Bereich allein am besten mit dem Taxi fortbewegt. Damit sich das ändert, ist ein erster Schritt, sich von lieb gewonnenen Floskeln zu verabschieden, die Realität in den Blick zu nehmen und Lösungen zu suchen.

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  • Das "polnische Stonewall" - Meine September-Kolumne im GAB-Magazin

    „Panta rhei“ – „alles fließt“ ist einer der bekanntesten Lehrsätze des griechischen Philosophen Heraklit. Nicht zuletzt in Bezug auf die Zapfhähne und Cocktailshaker in den queeren Bars ist das derzeit zutreffend. Noch. Wer aber weiß, ob nicht demnächst doch wieder eine zweite Corona-Welle die vielen Partybilder von sich ungezwungen in den Armen liegenden Menschen aus meiner Instagram-Timeline schwemmt und für Monate wieder durch Lockdown-Selfies bei der Wohnzimmergymnastik ersetzt? Für viele Bereiche des Bar-, Klub- und Kleinkunstlebens, die kaum ein Wellental gespürt haben, wäre es der Untergang. Umso mutiger und bemerkenswerter ist, dass in der Frankfurter Szene Heraklits Sinnspruch des fortwährenden Formwechsels trotz Pandemie mit praktischer Bedeutung beladen wird. Denn hier vollzieht sich ein gelungener Generationenwechsel, bei dem Jung-Gastronom Max sowohl die Autographs Bar als auch die Blue Bar übernimmt. Erstere erhält wieder ihren Mädchennamen Tangerine, Letztere verschiebt er farblich ins wärmere Spektrum, sodass sie nun als Pink Bar reüssiert. Szene-Veteran Norbert weiß die über Jahre von ihm geführten Szene-Läden damit in guten Händen und eröffnete mir seine Übergabe-Entscheidung, wie es seine Art ist, leichthin mit einem Vers von Hermann Hesse: „Abschied nimmt die bunte Welt, / Die so lieb mir ward. / Hab ich auch das Ziel verfehlt, / Kühn war doch die Fahrt.“

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  • Das Ende des Regenbogens - Meine Juli-Kolumne im GAB-Magazin

    Wir schrieben Geschichte. Stonewall ist dabei schon mehr als Geschichte. Es ist zur Legende geworden. Wie es bei Legenden so ist, weichen sie mit jedem Jahr, das seit dem Ursprungsereignis vergangenen ist, ein bisschen mehr von den historischen Tatsachen ab. Gleichzeitig wird ihnen von Jahr zu Jahr ein bisschen mehr Pathos beigemessen. Unbemerkt halten irgendwann Drachen, Goldschätze, Heldenfiguren und göttlicher Einfluss Einzug und sie werden zu Sagen und dann zu Märchen.

    Hört man sich an, wie wir uns manchmal gegenseitig die Ereignisse der Juni-Nächte in der Christopher-Street erzählen, könnte man den Eindruck gewinnen, vor 50 Jahren sei eine Phalanx muskulöser, schwuler Männer mit schweißglänzenden Oberkörpern für höchste Ideale einer uniformierten Übermacht entgegen getreten.
    Nun, so war es nicht.

    Vielmehr waren es Queers, Stricher, Transgender, Lesben und natürlich auch Schwule, die während einer Razzia, wie sie zuvor im Village schon unzählige Mal stattgefunden hatte, zunächst unwillkürlich einige organisatorisch labile und korrupte Polizeistreifen übertölpelten und mit ihnen Katz und Maus spielten.
    Ähnliches hatte es in den Jahren zuvor auch schon in anderen US-Metropolen stattgefunden, war aber weitgehend undokumentiert geblieben.

    Wichtig ist bei allem, dass wir weiter Geschichte schreiben und wenn in nochmal 50 Jahren am Ende des Regenbogens der Topf voll Gold aus der Stonewall-Legende auf uns wartet, soll es uns nur recht sein.

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  • Die Grenzen des Alphabetismus - meine Mai-Kolumne im Gab-Magazin

    Wie wunderbar es doch ist, wenn sich ein queeres Event mit einem Straßennamen benennen lässt. Dem „Cristopher-Street-Day“ ist das vergönnt.
    Dem „Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- & Asexuellenfeindlichkeit“ (IDAHOBITA) nicht. Angefangen hatte auch dieser Gedenktag mal als „International Day Against Homophobia“ (IDAHO), der an den 17. Mai 1990 erinnerte, als die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten strich.
    Der IDAHO, der einstmals leicht erinnerbares Akronym zum gleichnamigen Wildwest-Bundestaat war, ist mittlerweile über die Grenze eines Buchstaben“kurz“wortes hinausgeschossen.

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  • Entspannt euch! - Meine Januar-Kolumne im GAB-Magazin

    Nach Vollendung des 18. Lebensjahres ist man bei uns volljährig. Mit einem Mal darf man berauschend viel mehr tun und lassen als noch wenige Tage vor diesem Stichtag. Über Nacht hat man auch die Pflicht zur eigenen Fürsorge ererbt, die bislang bei den Eltern lag. Sich um einen Menschen zu kümmern, ist jedoch eine große Herausforderung und keineswegs allen in die Wiege gelegt. Auch nicht die Sorge für sich selbst. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Aufsicht über eine vernünftige Ernährung, pünktliches morgendliches Aufstehen, den Kontostand und das regelmäßige Anlegen frischer Unterwäsche. Wer hier versagt, bekommt es recht schnell von seiner Umgebung mitgeteilt.

    Wichtiger ist die Verantwortung für eigene Ressourcen, die sich kaum messen lassen, sodass ihr erhöhter Verbrauch oft erst bemerkt wird, wenn schon die Reserven verbraucht sind. Nicht nur die monatlichen Geldmittel wollen sorgsam eingeteilt werden; auch die Zeit für uns selbst, das Maß an Aufmerksamkeit für unsere Umwelt, die Distanz und Nähe zu anderen Menschen und die Kraft unseres Engagements sind endlich und sollten deshalb regelmäßig auf ihren Füllstand geprüft werden. Denn wenn unser inneres Räderwerk trocken läuft, nimmt der Verschleiß erheblich zu, und bevor man merkt, dass es im Seelengetriebe knirscht, kommt schlagartig der Stillstand. Die Selbstreparatur dauert dann lange, ist wiederum ressourcenintensiv und manchmal nicht ohne fremde Hilfe zu schaffen. Nicht nur anderen, sondern auch sich selbst etwas Gutes zu gönnen, ist also nicht nur eine pflichtgemäße Wartungsarbeit, sondern eine lohnende Investition in uns selbst.

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  • Feiern in der Krise - Meine Juni-Kolumne im GAB-Magazin

    Neulich lief ich an einem Garten vorbei, und unter der Pergola hörte ich Stimmen. Viele. Und Gelächter. Es war eine private Gartenparty mit etwa drei Dutzend Gästen. „Unerhört“, dachte ich bei mir und suchte im Geiste nach der aktuellen 7-Tage-Inzidenz, den entsprechenden Höchstteilnehmer*innenzahlen und gültigen G-Regeln. Wie mittlerweile wahrscheinlich die meisten, bin ich hier aber längst nicht mehr auf dem Laufenden. Nachdem die große Politik Covid-19 trotz der mitunter vierstelligen Inzidenzen laufen ließ, lassen die Menschen im Land es nun auch laufen. Mit von unzähligen Schnelltests lederhäutig gewordenen Nasenscheidewänden sitzen sie nicht mehr ganz 1,5 Meter auseinander, geben sich aus Gewohnheit lieber weiterhin die Ghetto-Faust statt der Hand und fremdeln auch in der queeren Szene noch mit der potenziell schmierinfektiösen Küsschen-Küsschen-Begrüßung. Über Corona selbst redet man nun erst recht nicht mehr. Während eine europäische Nation in einem Tag für Tag gnadenloseren Krieg um ihren Fortbestand kämpft, mutet das unziemlich an. Über die eigene Versorgungslage tauscht man sich dagegen unbefangener aus, denn Sonnenblumenöl ist jetzt das neue Toilettenpapier. Weitgehend vergessen, weil sie nichts produzieren, was im deutschen Supermarktregal fehlt, sind aber die Menschen im äthiopischen Tigray, dem kurdischen Nordirak oder im Jemen. Wo war noch mal Afghanistan?

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  • Heimat Szene - Meine Oktober-Kolumne im GAB-Magazin

    Kann die Szene Heimat sein? Eine Frage, die mich einmal mehr umtreibt, seit ich unlängst im Büro eines Kollegen eines Plakates der Deutschen Aidshilfe aus dem Jahr 2004 gewahr wurde, das ebendiese Frage stellt. Über Jahrzehnte rief der Begriff „Heimat“ hierzulande Assoziationen mit Schwarzwälder Bollenhut und Trachtenjankerl hervor, die als Stilmittel in sonntagnachmittäglich ausgestrahlten Heimatfilmen häufige Garderobe waren. In ihrer Zeit waren diese Formate erfolgreich, weil sie idyllische Gegenbilder zur Nachkriegsrealität zerstörter Familien und den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung boten. Denn die inszenierten Filmwelten waren geprägt von Sehnsuchtsstoffen wie Liebe, Familie und Freundschaft. Themen, die in übertragener Weise auch die queere Szene ausmachen. Selbstverständlich ergänzt um ein ordentliches Maß Ausschweifung und Sex, die in den Kulissenlandschaften der 1950er-Jahre noch unausgesprochen bleiben mussten. Zum Leben gehören sie in Wahrheit aber im vorgeblich heilen Bergpanorama genauso wie in der schummrigen Szenekneipe. Mit allen individuellen Niederlagen, Verwerfungen und Verletzungen, die sie mit sich bringen können. Das Plakat, das mir ins Auge fiel, empfiehlt deshalb „Aufmerksamkeit statt Nicht(be)achtung“. Denn auch die Szene ist nie eine heile Welt.

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  • His Story, Her Story, Their Story - Meine November-Kolumne im GAB-Magazin

    Die Freude ist groß, wenn die Tür aufgeht und der Rollator im Zeitlupentempo, aber zielstrebig wie eh und je, auf den Stammplatz am Tresen der Frankfurter Szene-Bar zusteuert, der eilfertig geräumt wird. Mit seinen heute 97 Jahren ist „die Prinzessin“ nur knapp am Kaiserreich vorbeigeschrammt, hat die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts überlebt und die auch danach fortgeführte Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik überstanden. Er ist ein bescheidener Mann und macht in seinem Alter nicht mehr viele Worte. Obwohl er einiges zu erzählen hat. Dabei ist unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet ein Lamento über die unlängst in einigen deutschen Städten ausgerufene Sperrstunde anstimmt. Um 23 Uhr, da Frankfurter Klubbesucher erst unter die Dusche gehen und man in Berlin aus dem Mittagsschlaf erwacht, hat „die Prinzessin“ schon längst wieder das Gefährt zwischen den Barhockern durchmanövriert und den Heimweg angetreten.

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  • Hoffnungsschimmer und Zerrbilder - Meine Dezember-Kolumne im GAB-Magazin

    Der Überlieferung nach soll der wahnsinnige Kaiser Nero Rom angezündet und danach mit seiner Lyra vom Palast-Balkon auf seine brennende Stadt herab gesungen haben. In Teilen scheint dieses Bild auf üble Nachrede einiger Geschichtsschreiber zurückzugehen. Dagegen ist gesichert, dass der scheidende US-Präsident Trump nachts vor den laufenden ABC-Nachrichten saß und per Twitter Öl ins Feuer goss, während draußen die Vereinigten Staaten seelisch und oft genug auch tatsächlich brannten. Nachdem mit der US-Präsidentschaftswahl der Spuk nun vorüber ist, atmen wir nicht nur in Europa auf. Besonders die LGBTIQ*-Community in den USA hatte sich vor einer erneuten Amtszeit Donald Trumps gefürchtet. Schon in der ersten war damit begonnen worden Transgender zu gängeln und unsichtbar zu machen. In der zweiten wäre wohl versucht worden, das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe rückgängig zu machen. Nun ist der Ausgang der US-Wahl also ein Hoffnungsschimmer am Ende eines Jahres, das ganz im Zeichen einer weltweiten Pandemie stand, die unseren bislang schrankenlosen Horizont sehr klein werden ließ. Eine gute Nachricht nach Monaten des Lockdowns, in denen uns zuletzt mörderische Terroranschläge in Deutschland und seinen Nachbarländern bewusst machten, dass weder eine globalisierte Welt noch eine offene Gesellschaft selbstverständlich sind und immer auch einen Preis haben.

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  • Höher, schneller, inklusiver - Meine September-Kolumne im GAB-Magazin

    Die September-Kolumne von Jessica Purkhardt im GAB-Magazin

    Nun beginnt die heiße Phase, in der es um alles geht. In der Entscheidungen fallen werden, die nicht nur die nächsten vier Jahre Bestand, sondern die für nicht wenige Menschen in diesem Land grundsätzlich einen hohen Stellenwert haben. Die Einzelkämpfer*innen der Riege müssen jetzt vor großem Publikum auf sich allein gestellt ihre mentale Stärke beweisen, während andere als Team zusammenstehen, maximalen persönlichen Einsatz zeigen und trotzdem die eigenen Ansprüche hintanstellen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

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  • Höher, schneller, inklusiver - Meine September-Kolumne im GAB-Magazin

    Die September-Kolumne von Jessica Purkhardt im GAB-Magazin

    Nun beginnt die heiße Phase, in der es um alles geht. In der Entscheidungen fallen werden, die nicht nur die nächsten vier Jahre Bestand, sondern die für nicht wenige Menschen in diesem Land grundsätzlich einen hohen Stellenwert haben. Die Einzelkämpfer*innen der Riege müssen jetzt vor großem Publikum auf sich allein gestellt ihre mentale Stärke beweisen, während andere als Team zusammenstehen, maximalen persönlichen Einsatz zeigen und trotzdem die eigenen Ansprüche hintanstellen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

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  • Jessica schreibt

  • Lange lebe die Revolution - Meine Mai-Kolumne im GAB-Magazin

    Revolution ist ein großes Wort für ein paar sehr kleine Zeichen. Denn meist ist die Revolution durch einen nachhaltigen, grundlegenden strukturellen Wandel in relativ kurzer Zeit gekennzeichnet. Ob die Einführung von Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt in die öffentliche Schreibweise dem gerecht werden wird oder bloße Symbolhandlung bleibt, wird sich zeigen. Die Lager in der öffentlichen Debatte um mehr Geschlechtervielfalt und -gerechtigkeit in der Sprache ähneln aber denen einer veritablen Revolte. Hier die gemäßigten Revolutionär*innen, die Veränderung fordern, weil es an der Zeit ist. Dort jene, die das bestehende Prinzip für gottgegeben und unumstößlich halten, vor allem aber davon profitieren. Darüber hinaus gibt es die Radikal-Revoluzzer*innen, die jeden als Feind*in betrachten, der oder die nicht die rigorosesten Ideen teilt. Ihnen gegenüber stehen die Konterrevolutionär*innen, die alle hassen, die etwas ändern wollen. Anders als bei ordentlichen historischen Umstürzen finden die Auseinandersetzungen leider nicht mittels mutig an Türen genagelter Streitschriften oder rhetorisch fulminanter Reden statt. Vielmehr beharken sich die Debattenteilnehmer*innen vor allem auf Twitter und Facebook, wobei offenkundig wird, dass viele von ihnen schon mit den bestehenden Buchstaben und Zeichen der deutschen Sprache heillos überfordert sind.

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  • Lange lebe die Revolution - Meine Mai-Kolumne im GAB-Magazin

    Revolution ist ein großes Wort für ein paar sehr kleine Zeichen. Denn meist ist die Revolution durch einen nachhaltigen, grundlegenden strukturellen Wandel in relativ kurzer Zeit gekennzeichnet. Ob die Einführung von Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt in die öffentliche Schreibweise dem gerecht werden wird oder bloße Symbolhandlung bleibt, wird sich zeigen. Die Lager in der öffentlichen Debatte um mehr Geschlechtervielfalt und -gerechtigkeit in der Sprache ähneln aber denen einer veritablen Revolte. Hier die gemäßigten Revolutionär*innen, die Veränderung fordern, weil es an der Zeit ist. Dort jene, die das bestehende Prinzip für gottgegeben und unumstößlich halten, vor allem aber davon profitieren. Darüber hinaus gibt es die Radikal-Revoluzzer*innen, die jeden als Feind*in betrachten, der oder die nicht die rigorosesten Ideen teilt. Ihnen gegenüber stehen die Konterrevolutionär*innen, die alle hassen, die etwas ändern wollen. Anders als bei ordentlichen historischen Umstürzen finden die Auseinandersetzungen leider nicht mittels mutig an Türen genagelter Streitschriften oder rhetorisch fulminanter Reden statt. Vielmehr beharken sich die Debattenteilnehmer*innen vor allem auf Twitter und Facebook, wobei offenkundig wird, dass viele von ihnen schon mit den bestehenden Buchstaben und Zeichen der deutschen Sprache heillos überfordert sind.

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  • Mehr Selbstbestimmung wagen - Meine November-Kolumne im GAB-Magazin

    Zwei transgeschlechtliche Menschen gehören dem Bundestag nun an. Sie sind dort dem Vernehmen nach möglicherweise nicht die Ersten ihrer Art, aber die ersten geouteten. Das Bohei, das um ihren Einzug in das Hohe Haus gemacht wird, zeigt vor allem, wie unerfahren unsere Gesellschaft und ihre Institutionen im Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt sind. Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen sich in Deutschland als Trans* identifizieren. Jedoch legen die Zahlen der jedes Jahr nach dem sogenannten Transsexuellengesetz vollzogenen Vornamens- und Personenstandsänderungen nahe, dass allein hier mit einigen Hunderttausend Personen zu rechnen ist, wobei nicht einmal alle diesen formaljuristischen, teuren und demütigenden Weg bestreiten wollen. Die Existenz dieser vielen Menschen war bisher im höchsten deutschen Parlament jedoch nicht sichtbar. Das Prinzip der repräsentativen Demokratie zeichnet sich eigentlich besonders durch die proportionale Vertretung aus, die gewährleisten soll, dass Minderheiten im politischen Prozess mehr Gehör und Berücksichtigung finden. Allerdings eben nur, wenn sie auch tatsächlich in den Parlamenten vertreten sind. In diesem Sinne ist dieser Bundestag ein großes Stück gerechter geworden, denn so trans* war er noch nie.

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  • Menschliche Kernkompetenzen - Meine Oktober-Kolumne im GAB-Magazin

    „Der Mensch ist kein Tier, weil er weiß, dass er eins ist“, erklärte der Philosoph Hegel vor 200 Jahren die Trennlinie zwischen Mensch und Tier. Unabhängig von der Frage des Bewusstseins ist unser Erbgut tatsächlich zu 90 % mit dem des Schweins identisch. Die praktische Trennlinie liegt hier in der Tatsache, dass die einen die anderen fressen. Umgekehrt ist es fast nie. Mit der Taufliege haben wir immerhin auch 60 % gemeinsame Gene. Mit dem Hefepilz beschämende 30 %.

    Was den Mensch in Wahrheit von allen anderen Lebewesen abgrenzt, sind Intelligenz, Kreativität und die Fürsorge für andere Menschen. Nichts davon ist brauchbar, wenn man einem Säbelzahntiger gegenübersteht. Aber alle drei Fähigkeiten sind wichtig, um als Menschen zusammenleben zu können.

    Elfi König hat über drei Jahrzehnten gezeigt, was Menschlichkeit bedeutet, indem sie mit HIV infizierte und an AIDS erkrankte Menschen betreut hat. Das ist vor allem deshalb besonders, weil sie es in einer Zeit getan hat, als das Stigma von HIV und AIDS noch weitaus größer war, als es heute leider immer noch ist. Dafür hat Elfi selbst Ausgrenzung hinnehmen müssen aber trotzdem weiter gemacht. Für diese Selbstlosigkeit hat ihr die Bundesrepublik Deutschland nun das Bundesverdienstkreuz verliehen.
    Wem auch sonst, wenn nicht solchen Menschen?

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  • Neue Wahrheiten - Meine April-Kolumne im GAB-Magazin

    Wenn es eine Gewissheit gibt, dann die, dass nichts absolut sicher ist. Der geglaubte Grundsatz, dass in Europa nie wieder ein Land ein anderes überfallen und mit Krieg überziehen würde, ist über Nacht wertlos geworden. Gleichzeitig können über die Erklärung, dass der Scheitelpunkt nun erreicht sei und die Pandemie ihr Ende finden werde, die Millionen, die in diesem Moment in Quarantäne zu Hause sitzen, nur traurig lächeln, und auch die Autorin dieser Zeilen schreibt sie dieses Mal vom Covid-19-Krankenlager. Die Ereignisse der vergangenen beiden Jahre haben uns drastisch vor Augen geführt, wo Entwicklungen verschlafen und althergebrachte Dogmen von den Erfordernissen der Realität überholt wurden. Das gilt offenkundig sowohl für die Sicherheits- als auch für die Energiepolitik – und die Faxgeräte in den Gesundheitsämtern legen den Verdacht nahe, dass viele weitere Lebensbereiche der Gesellschaft noch nicht in der Gegenwart angekommen sind. Wenn jeder Krise auch eine Chance innewohnt, dann ist jetzt eine gute Gelegenheit, um auch gleich einige andere Glaubenssätze auf den Prüfstand zu stellen. Beispielsweise die oft herbeigeredete wechselseitige Solidarität der queeren Communitys. Es ist höchste Zeit, sich auch hier ehrlich zu machen und anzuerkennen, was sie seit Jahrzehnten unüberbrückbar trennt und wo es wirklich gemeinsame Interessen gibt.

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  • Neues Brauchtum aus dem Silicon Valley - Meine März-Kolumne im Gab-Magazin

    Der Name des einen lässt sich zumindest für die hiesigen Zungen gut aussprechen, der des anderen ist dagegen vergleichsweise sperrig. Beiden gemein ist – neben ihrer Homosexualität – die mutmaßlich vergebliche Anwartschaft auf einen politischen Spitzenposten ihres Landes.
    Sowohl der deutsche Jens Spahn als auch der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg mussten sich dabei mit mal mehr, mal weniger subtilen homophoben Ressentiments herumschlagen.
    Hierzulande sorgte sich die Boulevardpresse, ob denn Spahns christdemokratische Partei „modern genug für einen schwulen Kanzler“ sei. Auf der anderen Seite des Atlantiks fürchteten Kommentatoren derweil um die seelische Zerrüttung von Kindern und Jugendlichen durch einen Präsidenten Buttigieg, der gelegentlich mal seinen Ehemann küsst.
    Ob Homosexualität in Deutschland und den USA des Jahres 2020 noch immer ein Ausschlusskriterium für die Ausübung eines politischen Führungsamtes ist, wird sich zeigen. Außerdem gibt es natürlich noch zahlreiche andere Merkmale, die für eine Niederlage im politischen Wettstreit ausschlaggebend sein können. Umgekehrt zeigt der Abgang der CDU-Parteivorsitzenden Kramp-Karrenbauer ein wenig, dass man auch mit wiederholten kritischen Äußerungen gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und plumpen Fastnachts-Witzchen über geschlechtliche Vielfalt langfristig keinen Blumentopf gewinnen konnte.

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  • Prioritäten setzen - Meine Juli-Kolumne im GAB-Magazin

    Saufen, Fressen, auf die Suche nach Fortpflanzungspartnern gehen. Wenn sich keine finden lassen, dann wenigstens dem Reviernachbarn eins zwischen die Hörner geben. Ansonsten ein schattiges Plätzchen suchen und dösen. – Das sind im Wesentlichen die Prioritäten im Tierreich. Bei uns Menschen ist es nur geringfügig anders: Trinken, Essen, gelegentlich sogar Saufen und davon ermutigt die intensivere Suche nach Sexualpartnern beginnen. Damit bei Letzterem eine Aussicht auf Erfolg besteht, sollten im Vorfeld möglichst regelmäßig Leibesübungen unternommen werden. Doch die Voraussetzungen, um ernsthaft Sport zu treiben, sind für viele von uns hoch: Es darf nicht regnen und weder zu warm noch zu kalt sein. Falls alles passt, verhindern meist gesellschaftliche Anlässe oder die Erwerbsarbeit den Gang ins Fitnessstudio. Ansonsten muss zu Hause mal dringend wieder Staub gewischt werden.
    Irgendwas ist also immer, das uns von unseren als wichtig priorisierten Vorhaben abhält. Das geht der Politik nicht anders: Abstammungsrecht, Selbstbestimmungsgesetz, Antidiskriminierung, Bekämpfung von Queerfeindlichkeit – sie haben sich einiges vorgenommen in Berlin, und die Hoffnungen darauf sind in der Community groß. Doch Corona brandet Welle auf Welle heran und in Europa ist Krieg. Es gibt also viel Wichtiges zu tun. Das gibt es immer. Genau deshalb dürfen die queerpolitischen Vorhaben nicht auf die lange Bank geschoben werden.

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