Die Kriegsgräberstätte Futa-Pass in der Toskana

Italien: Erster Arbeitstag auf dem Futa-Pass

Hornissen bewohnen das Dachgesims neben meinem Zimmerfenster. Trotzdem lasse ich das Fenster offen und manchmal verirren sich einige der hier eher kleinen Insekten zu mir hinein, merken aber sofort, dass sie sich verflogen haben und surren wieder hinaus. In der Nacht schlafe ich bei offenem Fenster, denn dann sind auch die Hornissen in ihrem Bett.

Nach einem Obstfrühstück fahren wir zum ersten Mal zu unserem Arbeitsort für die nächsten zwei Wochen auf den Futa-Pass. In 900 Meter Höhe liegt dort im Apennin-Gebirge der größte deutsche Soldatenfriedhof Italiens. Mit 20 Freiwilligen werden wir hier bei einem Arbeitseinsatz auf der Kriegsgräberstätte des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiert sein. Schon auf den ersten Blick erkenne ich, dass es sich hier um eine gewaltige Anlage handelt. Über 30.000 Gefallene des Zweiten Weltkrieges sind hier bestattet.

In einer Spirale aus Terrassen mit dunklen Granitmauern windet sich der Weg entlang der 72 Gräberfelder hinauf an die Bergspitze. Friedhofsverwalter Michael empfängt uns am Besuchereingang. Schnell erklärt er unsere Arbeitsaufträge für die nächsten zwei Wochen: Mit Motor-Freischneidern sind die Grabsteine vom wuchernden Gras zu befreien. Insgesamt sind es 44 Kilometer. Das dürfte anstrengend werden, denn der gesamte Friedhof liegt unter freiem Himmel und nirgends könnte man um Schatten arbeiten. Fünf Leute werden für dieses Arbeit abgestellt. Die anderen sollen Malerarbeiten übernehmen. Auf der anderen Seite des Friedhofs liegt ein offenbar erst vor kurzer Zeit errichtetes Holzhaus, das nun mit Wetterschutzfarbe zu streichen ist. In ihm sollen Jugendcamps zur europäischen Verständigung stattfinden. Direkt nebenan ist auch unser Versorgungshaus mit ordentlich eingerichteter Küche. Schon am ersten Tag stellt unser mitgereister Bundeswehr-Koch unter Beweis, was er alles aus dem Nichts und den mitgebrachten Resten des Abendessens vom Vortag zaubern kann. Ich bin mit allem, was er auftischt, mehr als einverstanden. Genau am anderen Ende des Soldatenfriedhofs liegt das Wohnhaus des Verwalters. Hier oben ist es besonders dem Wetter ausgesetzt und die Fassade und die Balkongeländer benötigen einen neuen Anstrich. Die langwierigste Arbeit ist allerdings das Freischneiden der Grabsteine.

Bei diesem Arbeitseinsatz lerne ich das Traktorfahren

Ich bin allerdings zum Traktorfahren eingeteilt. Die Kriegsgräberstätte ist so weitläufig, dass man nicht eben einmal von einem zum anderen Ende laufen möchte. Erst recht nicht unter der heißen toskanischen Sommersonne. Ein Goldoni-Traktor mit einem Anhänger steht uns zur Verfügung, mit dem wir Mensch und Material befördern können. Ich bin noch nie in meinem Leben Traktor gefahren aber das Wort hatte schon die Runde gemacht, dass ich Maschinenführerin sei und so nahm ich diese Aufgabe an. Einer der drei Friedhofsgärtner machte einen Schnellkurs mit mir und erklärte mir die beiden Hebel zur Wahl der Betriebsart und der Gänge. Bei den ersten Malen, die ich Anfuhr war es noch sehr ruckelig, doch ich merkte Bald, an welcher Stelle die Kupplung den Gang wirksam reinlässt. Außerdem habe ich festgestellt, dass es völlig überflüssig ist, im ersten Gang anzufahren und dann erst in den zweiten zu schalten.

Ich empfinde mich schon etwas privilegiert hier als einzige mit einem „eigenen“ Fahrzeug spazieren zu fahren, freue mich aber auch über die neuerworbene Fähigkeit und Erfahrung. Und wenn ich die Kollegen sehe, die mit den Motorsensen stundenlang in der prallen Sonne arbeiten und denen der Schweiß von der Nasenspitze tropft, möchte ich mich nicht über die Zuteilung der Aufgaben beklagen.

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Manchen meiner Kameradinnen und Kameraden bei diesem freiwilligen Arbeitseinsatz auf dem Soldatenfriedhof Futa-Pass sehe ich an, dass sie gestern erst nach Mitternacht ins Bett gekommen sind. Auf der etwa 20-minütigen Busfahrt hinauf zum Futa-Pass war es heute Morgen außergewöhnlich ruhig. Wie an den anderen Tagen auch beginnen wir mit dem Freischneiden der Grabsteine und ich mache einige Transportfahrten mit dem Traktor.

Meine Arbeit auf dem deutschen Kriegsgräberfriedhof im litauischen Klaipeda geht weiter. Dieses Mal braucht es dafür einen eisernen Willen und kreative Ideen. Denn die schweren schmiedeeisernen Zäune müssen repariert und aufgearbeitet werden. Ein langes Stück Zaun auf der Seite zur viel befahrenen Hauptstraße ist sehr verrostet und droht völlig kaputt zu gehen. Jeden Winter werden auf der Straße große Mengen Streusalz verwendet. Die sind jedoch gefährlich für das Metall der Zäune. Es muss viel Rost abgeklopft und mit Drahtbürsten abgerieben.

Es ist höchste Zeit, dass ich euch erzähle, was wir hier bei dem Arbeitseinsatz des Volksbundes Deutsch Kriegsgräberfürsorge in der litauischen Hafenstadt Klaipėda eigentlich machen. Bereits in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges wurde ein Soldatenfriedhof angelegt. Nach dem Krieg wurde er dann an den Ort verlegt, an dem wir heute arbeiten.

Bereits seit einer Woche habe ich jeden Morgen beim Aufstehen aus dem Fenster auf die Kurische Nehrung geblickt. In der jüngeren deutschen Geschichte der vergangenen 150 Jahre gilt diese langgestreckte Halbinsel zwischen Kurischem Haff und der Ostsee als Sehnsuchtsort. Der preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt schrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dort an seine Frau: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Dabei hat er die Nehrung nur auf einer herbstlichen Wagenfahrt kennen gelernt, "24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser", wie er schreibt, im Jahr 1809, als die Nehrung am ödesten war. [Anmerkung: Am Ende des Videos schreibe ich dieses Alexander von Humboldt zu, dem Bruder des eigentlichen Zitatgebers. Ich habe es aber recherchiert und Alexander von Humboldt war nicht nur zu jener Zeit in Paris, sondern war darüber hinaus nie verheiratet und konnte also dieses Zitat nicht an seine Frau geschrieben haben. Viele Publikationen schreiben es ihm aber dennoch zu und ich finde, es hätte genauso gut von ihm stammen können.] Die Kurische Nehrung ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte des Memellandes und großer Teile Ostpreußens. Vielleicht darüber hinaus auch anderer ehemaliger deutscher Gebiete. Denn dort ist unübersehbar, wie unterschiedliche Bevölkerungen, Sprachen, Kulturen und Konfessionen miteinander verwoben lebten und einen gemeinsamen Faden durch die Geschichte spannen. Die ehemaligen deutschen Orte mit den eigentümlichen nehrungskurischen Namen tragen heute litauische. Die Teilung der Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil manifestiert an diesem kleinen Ostseeabschnitt sowohl das Ende des Zweiten Weltkrieges als auch die geopolitische Situation des Kalten Krieg bis heute. Die Kurische Nehrung lässt einen Natur auf eine besondere Art und Weise intensiv erleben. Im Grunde gibt es dort aber nichts, was es nicht auch anderswo gibt: Dünen, Wald, Wiesen, Strand und Meer. Das Kurische Haff ist an vielen Stelen nur wenige KIlometer breit und meist nur vier bis fünf Meter tief. Man erzählt, dass man bei tiefen Sonnenstand die Elche auf den Lichtungen stehen sehen könnte, doch ich bezweifele, dass sich diese gewaltigen Wildtiere regelmäßig hierher verirren. Die Nehrung ist schon lange in Menschenhand. Der letzte Wolf wurde hier 1766 geschossen. Der letzte Rothirsch 1920. Bei diesem Ausflug setzen wir bei Klaipeda mit dem Bus über das Haff und fahren zunächst nach Juodkrante (Schwarzort). Dort spazieren wir über den Hexenberg mit seinen mythischen Holzschnitzereien. Weiter geht es nach Nida (Nidden). Dort besuchen wir die Kirche und treffen den Pastor, der uns erzählt, wie pragmatisch die Menschen hier ihr Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen organisieren. Auf dem Friedhof besehen wir uns die Kurenzeichen. Grabmale, die es so nur noch hier gibt. Mit dem Schiff fahren wir die Kurischen Nehrung an der großen Düne entlang nach Süden bis an die Grenze zu Russland. Dort müssen wir umkehren. Auch für den berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann war die Nehrung ein Sehnsuchtsort. So sehr, dass er sich hier ein Haus bauen ließ. Wir besuchen es und ich versuche mir vorzustellen, wie hier Thomas Mann beim Schreiben aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, während er über die nächste Formulierung nachdachte.

Jessica Welt

Seit etwa einem Jahr lasse ich auf meinen Reisen einen GPS-Tracker mitlaufen und füge alle zurückgelegten Routen in diese Karte ein. Strecken, die ich auf dem Landweg zurückgelegt habe, kennzeichne ich orange, welche, die ich zu Fuß gelaufen bin in grün und die, die ich auf dem Wasser per Boot oder Schiff bewältigt blau.